Fußball-WM 2018

Sechs Dinge, die wir gelernt haben Löws Spaßverderber können jetzt wuchern

imago_sp_061701400053_16644839.jpg7429973523214683180.jpg

Joachim Löw hat viele personelle Optionen.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Wer mit 4:0 gegen Portugal gewinnt, der kann nicht alles falsch gemacht haben. Bei ihren WM-Auftakt geben die deutschen Fußballer ein Versprechen, das sie am 13. Juli in Rio einlösen können. Bundestrainer Löw jedenfalls scheint einen Plan zu haben.

1. Die deutsche Elf ist ein Versprechen

Thomas Müller hat es ja gesagt: "Wir sind hier, um Weltmeister zu werden." Er ist das gar nicht gefragt worden, eigentlich ging es darum, dass er drei Tore beim 4:0 im ersten Spiel der deutschen Fußballer gegen Portugal geschossen hat. Aber Müller ist der Meinung, dass es vor allem um die Mannschaft und den Titel geht. Das ehrt ihn - und er hat ja auch Recht. Was aber ist er nun wert, dieser Kantersieg zum Auftakt? Eine ganze Menge.

Vorher hieß es: Portugal ist eine hohe Hausnummer, auf Platz vier der Fifa-Weltrangliste immerhin, kein Aufbaugegner wie Australien vor vier Jahren bei der WM in Südafrika, gegen den die DFB-Elf ebenfalls mit 4:0 gewann. Wenn das so ist, dann muss jetzt auch gelten: Der Erfolg gegen Portugal ist ein echtes Pfund, mit dem sich wuchern lässt, ist er doch ein Erfolg eines hochkonzentrierten Kollektivs gegen den mutmaßlich stärksten Gegner in dieser Gruppe G. Es folgt das Spiel gegen Ghana am kommenden Samstag ab 21 Uhr in Fortaleza, zum Abschluss geht es am Donnerstag, den 26. Juni, ab 18 Uhr in Recife gegen die von Jürgen Klinsmann trainierte Mannschaft der USA. Die deutsche Mannschaft hat das Achtelfinale noch nicht gebucht, dafür kann noch zu viel passieren. Aber dieses Team der Hochbegabten hat in Salvador da Bahia wider alle berechtigten Zweifel gezeigt, wozu es fähig ist. Nun ist die DFB-Elf mehr denn je ein hochkarätiges Versprechen auf eine Zukunft, die in gar nicht so weiter Ferne liegt. Das Endspiel dieser WM findet am 13. Juli in Rio de Janeiro statt.

2. Dieser Erfolg gehört Joachim Löw

Er hat viel gewagt - und zumindest ein Gruppenspiel gewonnen. Und auch wenn er es nicht öffentlich ausgekostet hat, dieser Sieg gehört Joachim Löw. Der Bundestrainer hat mit seiner Hochrisikostartelf im 4-3-3-System gegen Portugal überrascht, wieder einmal. Er hat entgegen vieler Prognosen mit Mario Götze einen weiteren verspielten Supertechniker ins Team genommen. Und nicht etwa Lukas Podolski oder André Schürrle. Mit Thomas Müller, der etwas weniger überraschend als Mittelstürmer auflief, und Mesut Özil, der meist über die rechte Seite kam, gehörte Götze zu einer extrem flexiblen Dreierreihe in der Offensive.

Das Ergebnis ist bekannt: Götze holte nach zwölf Minuten im Zweikampf mit dem Portugiesen Bruno Alves den Elfmeter heraus, Müller schoss drei Tore, und Özil spielte besser als zuletzt. Und die drei ließen den Ball laufen, dass es eine helle Freude war. Unterstützt wurden sie vom Solo-Sechser Philipp Lahm, der mit Toni Kroos und Sami Khedira das magische Dreieck im zentralen Mittelfeld bildeten. Götze jedenfalls konstatierte: "Ich glaube, es kann schlechter laufen."

imago_sp_061620400030_16642986.jpg6886195099480610969.jpg

Benedikt Höwedes, effektiv.

(Foto: imago/Xinhua)

Dass Löw mit vier Innenverteidigern in der Viererabwehrkette dem Sicherheitsgedanken Rechnung tragen würde, hatte er vorher verraten. Gegen konterstarke Portugiesen war das eine nachvollziehbare Taktik. Die Offensive des Gegners um Cristiano Ronaldo und Nani blieb wirkungslos und wirkte zunehmend entnervt. Es kann keinen Spaß machen, gegen diese humorlosen Deutschen zu spielen. Auch dieser Schachzug führte zum Erfolg, ohne Risiko war er indes nicht.

Benedikt Höwedes den Job des linken Außenverteidigers zu geben, das muss man sich erst einmal trauen. Schließlich war es vor wenigen Wochen noch alles andere als ausgemacht, dass der Schalker es überhaupt in den Kader für die WM schafft. Nun spricht einiges dafür, dass er diese Position zumindest in Brasilien für sich beanspruchen darf. Ein Wagnis war es auch, auf Khedira zu bauen, dem vor sieben Monaten das Kreuzband gerissen war. Doch der Mittelfeldspieler, der mit Real Madrid so ganz nebenbei nach seiner Genesung die Champions League gewann, hat sich mit einer unglaublichen Energieleistung ein weiteres Stück zurück zu alter Form gekämpft. Löw hat's gewagt. Und, wie es scheint, viel gewonnen. Fortsetzung folgt.

3. Das deutsche Lazarett kann zum Trumpf werden

Die WM-Vorbereitung des DFB-Teams war ein Stelldichein der Hiobsbotschaften. Hier ein Ausfall, dort eine Trainingspause, da ein Stammspieler-Zipperlein. Fit sind immer noch nicht alle. Nach dem Traumstart gegen Portugal klagt aber keiner mehr darüber. Der 4:0-Statementsieg hat gezeigt: Auch der neue erste Anzug sitzt - und die deutsche Bank ist damit tiefer als gedacht. Dort versammelten sich allein mit Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Lukas Podolski mehr als 300 Spiele Länderspielerfahrung. Spieler, denen Löw vertraut und die im Vorrundenverlauf nun entspannt fit werden, dann bei Bedarf jederzeit ins Spiel kommen und es auch entscheiden können. Schweinsteiger für Khedira, Klose mit Müller, Podolski oder Schürrle für Özil, falls der doch wieder nicht durchstartet. Bundestrainer Löw bieten sich in der brasilianischen Hitze personelle Möglichkeiten, die andere Nationaltrainer neidisch machen dürften.

4. Favelas haben keinen Fifa-Standard

IMG_20140616_200956.jpg

Das Stadion in Salvador da Bahia - strahlend neu.

(Foto: Christoph Wolf)

Fifa-Standard ist ein Begriff, der in Brasilien längst zum Schimpfwort geworden ist. Die Menschen, die beim Confed-Cup, einer Art weltmeisterlicher Generalprobe, auf die Straße gegangen waren, hatten für Fifa-Standards im Gesundheitswesen, im Bildungssystem und beim öffentlichen Nahverkehr protestiert und taten es auch unmittelbar vor dieser WM, wenn auch nicht in so großen Scharen wie ein Jahr zuvor. Das Stadion in Salvador da Bahia hat diesen Fifa-Standard, wie alle anderen elf Stadien bei diesem Turnier auch. Die Arena Fonte Nova ist schön. Sie ist neu und dank einer luftigen Dachkonstruktion hell. Alle 51.081 Zuschauer haben eine prima Sicht auf den Rasen, und auch die Journalisten haben es gut: Tische, auf denen sie ihre Computer abstellen können; Fernseher, auf denen sie sich wichtige Szenen noch einmal anschauen können. Es gibt Strom und Internet. Helfer reichen ihnen gekühltes Wasser, weil es doch so heiß ist. Wer aber mal nicht auf den Rasen schaut, sondern aus dem Stadion hinaus, der sieht die grünen Hügel rings herum. Und auf ihnen die Favelas, Siedlungen aus rot-braunen Backsteinhäusern, die an den Hängen zu kleben scheinen. Ganz nah sind sie, und doch weit weg von der Parallelwelt des Fifa-Standards in der Nachbarschaft.

5. Es wird keine Proteste gegen die WM geben

IMG_20140616_161045.jpg

Jesus oder Neymar? Beides, so dieser Fan.

(Foto: Christoph Wolf)

"Não Vai Ter Copa" - es wird keine WM geben. Das war de r Slogan vieler Protestbewegungen vor dem Turnier. Es gibt die Fußball-Weltmeisterschaft trotzdem, jetzt soll sie zumindest als Bühne dienen. Wenn die Welt nach Brasilien schaut, soll sie auch Brasilien sehen. Das Comitee Popular träumte sogar davon, ein WM-Spiel zu verhindern. Wer eine Partie in Brasilien besucht hat, wird einsehen: Dazu wird es nicht kommen. Rund um die Arena Fonte Nova in Salvador patrouillierte ein massives Polizeiaufgebot. Berittene Einheiten, Militärpolizisten mit Schutzschildern für den Einsatz gegen widerspenstige Menschenansammlungen, hochgerüstete Sicherheitsbeamte, das Militär.

Der ganze Widerspruch dieser brasilianischen WM war greifbar mit seinem Freudentaumel zwischen Fußball und Favelas. Aber Proteste? Fehlanzeige, zumindest an der größten WM-Bühne der Stadt. Nur eine Gruppe junger Brasilianer nutzte die Gelegenheit, für ihren WM-Star zu  werben. An Jesus kommt in Brasilien nicht einmal Neymar vorbei.

6. Die Diskussion um die falsche Neun ist beendet

Reicht Miroslav Klose in Brasilien, um die Angriffslast zu tragen? Braucht Deutschland nicht noch einen weiteren Mittelstürmer, wenn der Körper des Fußballrentners streikt? Kann ein "falscher Neuner" die richtige Wahl sein? Die Antwort haben im Eröffnungsspiel Joachim Löw, Thomas Müller und Louis van Gaal gemeinsam gegeben, sie lautet: Ja. Löw stellte Müller ins Sturmzentrum, Müller schoss dort drei Tore, und Fußball-Deutschland erinnert sich an van Gaals "Müller spielt immer"-Zitat und notiert: Müller trifft auch immer - und das erstaunlich ähnlich wie Klose. Ein waschechter Neuner ist ja auch der 36-Jährige nicht. Einer, der sich im Strafraum wundliegt, bis ihm der Ball mal vor die Füße fällt. Klose ist ein Löw-Neuner: Er ist ein Vollstrecker, wenn die Chance im Strafraum da ist. Er holt sich aber auch Bälle im Mittelfeld, leitet von dort Angriffe und Kombinationen ein, rochiert mit den Außen, bindet Abwehrspieler, wirft sich in die Kampfzone Fünfmeterraum - genau wie Müller gegen Portugal. Als "falscher Klose" war der Münchner echte Spitze. Diskussion beendet.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema