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Auch gegen Österreich bestens aufgelegt: Neymar.
Auch gegen Österreich bestens aufgelegt: Neymar.(Foto: imago/Eibner Europa)
Montag, 11. Juni 2018

"Die werden Weltmeister": Neymar verzaubert und erzürnt Österreich

Von Christian Bartlau, Wien

Augen auf, Joachim Löw: So wie Brasilien muss ein WM-Favorit gegen Österreich spielen. Der Rekordweltmeister kocht die giftigen Gastgeber eiskalt ab, Superstar Neymar erzielt ein Traumtor, verliert allerdings die Sympathien des Publikums.

Als er dann trifft, geht ein Raunen durch das Wiener Happel-Stadion, und so ein Raunen ist ja die ehrlichste Reaktion im Sport, weil es unkontrolliert aus einem hervorbricht, egal, für wen man die Daumen drückt, wen man mag, und wen eben nicht. Neymar da Silva Santos Júnior, besser bekannt als Neymar, hätte in dieser 63. Minute der WM-Generalprobe der Brasilianer in Österreich unter den 48.500 Zuschauern sicher keinen Beliebtheitswettbewerb gewonnen. Aber im Fußball geht es noch immer ums Tore schießen, und das kann Neymar wie nur wenig andere auf der Welt, was er an den bemitleidenswerten Herren Aleksandar Dragovic und Heinz Lindner eindrucksvoll demonstrierte.

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Auf halblinks im Strafraum freigespielt, schickte er zuerst Innenverteidiger Dragovic mit einem Wackler auf den Allerwertesten - in den Wiener Käfigen nannte man so einen Trick früher "Eisenbahnerschmäh", dort wie auch im Happel-Stadion ist es natürlich die absolute Höchststrafe, wenn sich dabei einer auf den Hintern setzt. Wo Neymar schon dabei war, legte er gleich noch ein "Gurkerl" nach, einen Beinschuss für Torwart Lindner. Ein Geniestreich zum 2:0, der Deckel auf einer Partie, in der Brasilien noch zu einem weiteren Tor kommen sollte und die wichtigsten Fragen vor der Weltmeisterschaft in Russland beantwortete: Ja, Neymar ist fit und schon wieder in WM-Form. Und ja, Brasilien kann Weltmeister werden.

Ein Seitenhieb auf Deutschland

Trainer Tite scherzte im Anschluss gelöst mit den zahlreichen brasilianischen Reportern. Zufrieden sei er mit dem 2:0 gegen Kroatien und dem 3:0 hier in Österreich, sagte er. "Wir müssen noch ein Quäntchen drauflegen, das werden wir in Russland tun." Vor allem die defensive Stabilität seines Teams beeindruckt, das letzte mal hat die Selecao vor fast genau einem Jahr verloren, 0:1 gegen Argentinien - seitdem haben sie von 11 Spielen 8 gewonnen, bei einem Torverhältnis von 22:2. Das offensive 4-3-3 mit Real Madrids Casemiro als einzigem Sechser funktionierte auch gegen die soliden Österreicher über weite Strecken fast perfekt, nur in der ersten Halbzeit erlaubte Brasilien dem Gastgeber so etwas wie eine Druckphase, die einzige Großchance drosch Marko Arnautovic in Minute 22 über die Latte.

Auf Fehlersuche wollte der Ex-Bremer nach dem Abpfiff erst gar nicht gehen. "Wir haben gegen die beste Mannschaft der Welt gespielt, mehr gibt's nicht zu sagen." Kapitän Julian Baumgartlinger schwärmte vom Passspiel der Brasilianer und ihrer Vorbereitung auf das Spiel: "Die waren super auf uns eingestellt." Ein Lob, das die deutsche Nationalmannschaft und Joachim Löw vor einer Woche nicht zu hören bekamen. Beim 1:2 in Klagenfurt hatte sich die DFB-Elf lust- und ideenlos in den Abwehrreihen der Österreicher verrannt. Wirklich ernsthafte Probleme, das erzählte Julian Baumgartlinger unter der Woche, hätte ihnen nur die Technik von Mesut Özil bereitet - und die Geschwindigkeit von Leroy Sané. Ein netter Gruß an Joachim Löw vom Leverkusener.

Der König des Fosbury-Flops

Neymar fällt dem österreichischen Publikum dann doch etwas zu häufig - und zu theatralisch.
Neymar fällt dem österreichischen Publikum dann doch etwas zu häufig - und zu theatralisch.(Foto: imago/Eibner Europa)

Nun könnte man vermuten, dass die Österreicher gegen den unbeliebten großen Nachbarn vielleicht motivierter zur Sache gegangen waren als gegen Brasilien, tatsächlich aber war auch an diesem Sonntag im Wiener Prater nicht gut Würschtel essen mit dem ÖFB-Team. Zu spüren bekam das ein ums andere Mal Neymar, der sich nach zwei kleinen Fouls in den ersten zehn Minuten erst einmal auf die Flügelstürmerposition verzog. Bei den wenigen Ausflügen in die Mitte traf er auf einen Baumgartlinger, der Superkräfte zu entwickeln schien: Kaum berührte er Neymar, legte der Brasilianer eine Art Fosbury-Flop aus dem Stand hin. Eine schlechte Angewohnheit, die die Stimmung im Happel-Stadion schnell gegen Neymar drehte.

Bis dahin hatten sich die 48.500 im Publikum alle Mühe gegeben, dem "freundschaftlichen Länderspiel", wie ein Freundschaftsspiel auf Österreichisch heißt, auch einen freundschaftlichen Rahmen zu verpassen. Beim Aufwärmen begrüßten sie Neymar und Co. mit tosendem Applaus - noch so ein Unterschied zum Duell mit Deutschland in Klagenfurt. Ein paar Schauspieleinlagen später war die Sympathie des österreichischen Publikums fort. Ab Mitte der ersten Halbzeit begleiteten Pfiffe den teuersten Fußballer der Welt bei fast jeder Aktion. Österreichs Arnautovic zeigte sich schon auf dem Platz schwer genervt von Neymars Allüren und legte vor den Fernsehkameras nach. "Wir konnten heute eine Menge lernen. Außer das Wehleidige vielleicht."

Österreichs WM-Tipp heißt Brasilien

In der Anfangsphase hatte Arnautovics Team die Brasilianer gut um Griff, auch wenn das Mittelfeld Schwerstarbeit leisten musste: Immer wieder wechselten Paulinho, Willian und Coutinho die Positionen. Für die ganz dicken Chancen reichte es allerdings nicht, für das 1:0 in Minute 36 mussten die Brasilianer dann sogar doppelt so viele Dankesgebete gen Himmel schicken wie üblich: Einmal, weil Marcelos komplett verunglückter Fernschuss bei Gabriel Jesus landete, und noch einmal, weil Schiedsrichter Viktor Kassai dessen deutliche Abseitsposition übersah.

"Ärgerlich", nannte ÖFB-Trainer Franco Foda die Fehlentscheidung, sah dabei aber nicht aus wie ein Mann, der sich wirklich ärgert. Sein Team habe gut gearbeitet, aber in einem Spiel der unterschiedlichen Voraussetzungen verloren: "Die bereiten sich auf die WM vor und sind fast auf Toplevel, das haben wir heute gesehen." Besonders in der zweiten Halbzeit, als die Österreicher mehr wagten und dem brillanten Umschaltspiel der Brasilianer zum Opfer fielen. Neymar, nun mit viel Platz auf außen, bereitete ein ums andere Mal große Gelegenheiten vor, bevor er sein Spiel mit dem Gurkerl zum 2:0 krönte. Beim 3:0 schickte Liverpools Roberto Firmino seinen Ex-Teamkameraden Philipp Coutinho auf der verwaisten linken Seite Richtung Lindner, der gegen den Schlenzer in die lange Ecke nichts ausrichten konnte. Kurz darauf nahm Tite Neymar vom Feld, Pfiffe mischten sich in den Applaus, der Trainer aber kam ins Schwärmen: "Ich glaube, ich kenne Neymars Grenze noch gar nicht. Er ist tödlich im letzten Drittel. Wir müssen ihm nur den Raum geben." Das habe seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit geschafft, und sofort habe Neymar geliefert. "Und als das immer wieder geklappt hat, habe ich ihn dann lieber runtergenommen."

Sein Kollege Franco Foda hatte sich vor den Spielen gegen Deutschland und Brasilien noch zu einer Prophezeiung hinreißen lassen: "Wir spielen in den nächsten beiden Duellen gegen den kommenden Weltmeister", hatte er gesagt. Nun, nach zwei komplett verschiedenen Spielen, zog sich der gebürtige Mainzer galant aus der Affäre. Brasilien sei auf jeden Fall einer der Favoriten, sagte Foda. Kein Wort zu Deutschland. Arnautovic allerdings, wie immer um keine klare Meinung verlegen, hatte noch eine Botschaft an die Reporter, bevor er sich in den Urlaub verabschiedete: "Die Brasilianer werden Weltmeister."

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Quelle: n-tv.de