Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 15. Juni 2010 Die Welt weint mit Nordkorea

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Jong Tae-se weint vor Anpfiff.

(Foto: imago sportfotodienst)

Der Nordkoreaner Jong Tae-se weint. Es ist ein emotionaler Moment in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften. Seine Tränen des Glücks und des Stolzes am Abend des 15. Juni 2010 wird niemand vergessen.

Jong Tae-se weint. Er steht im roten Jersey im Stadion von Johannesburg und kann seine Tränen einfach nicht mehr zurückhalten. Immer wieder lässt die Regie den Nordkoreaner aus unterschiedlichen Kameraperspektiven einfangen. Im Hintergrund ist an diesem 15. Juni 2010 die Hymne Nordkoreas zu hören und neben Jong Tae-se singen seine Kameraden mit Inbrunst die Zeilen ihres Liedes: "Lass die Morgensonne über das Gold und Silber dieses Landes scheinen."

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Trainer Kim Jong-hun

(Foto: imago/ZUMA Press)

Die Presse hatte vorher gemutmaßt, dass die nordkoreanischen Spieler bei einem Misserfolg bei der WM vom Führer ihres Landes, Kim Jong-Il, in ein Arbeitslager verschleppt werden könnten. Sollte uns Zuschauer also dieser emotionale Ausbruch von Jong Tae-se zu denken geben? Zeigte er die Angst des Spielers, vor dem, was da vermutlich kommen würde? Immerhin ging es an diesem Abend gegen niemand Geringeres als das Team von Brasilien. Die Aussichten schienen also alles andere als gut und so litten selbst die unparteiischen Zuschauer nach diesen bewegenden Anfangsszenen mit den tapferen Kickern Nordkoreas.

Zum ersten Mal nach 1966 hatte sich eine nordkoreanische Mannschaft für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Die Hymne hörten die Spieler der Demokratischen Volksrepublik bei einer WM allerdings zum ersten Mal. In England war der Fifa damals vom Gastgeberland aus politischen Gründen das Abspielen untersagt worden - woraufhin der Fußballweltverband entschied, dass es überhaupt keine Nationalhymnen bei der Weltmeisterschaft 1966 geben sollte.

Eingekaufte Fans feuern eifrig an

Weil Nordkoreaner ihr Land nicht verlassen dürfen, ließ die Führung der Volksrepublik die ihnen zugewiesenen 1000 Tickets durch eine Agentur in China verteilen - kostenlos. Einzige Bedingung: Die chinesischen Schlachtenbummler wurden mit Fahnen und Fanutensilien Nordkoreas ausgestattet und hatten für das Nachbarland zu jubeln. Vereinzelt hieß es deshalb in Presseartikeln, Nordkorea habe 1000 Schauspieler aus China einfliegen lassen. Wie auf den TV-Bildern vom 15. Juni 2010 gut zu sehen ist: Die mit Freitickets ausgestatteten Fans nahmen ihren Job äußerst ernst und schwenkten fleißig und voller Eifer die Fahnen Nordkoreas.

Als das Spiel schließlich angepfiffen wurde und die Tränen von Jong Tae-se getrocknet waren, sagte der Kommentator des österreichischen Fernsehens, Oliver Polzer, folgenden Satz: "Von den Brasilianern weiß man, dass sie den Ball immer haben wollen und ihn meist erst nach dem Finale wieder hergeben." Zumeist ist das in der Tat so, aber an diesem Abend machten die Nordkoreaner den Südamerikanern das Leben schwer. Zwar beschränkte sich die Mannschaft der Volksrepublik darauf, das eigene Tor zu verteidigen, aber das taten sie mit Feuereifer und sehr geschickt.

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Jong Tae-se: "Ich bin sehr lustig in Bochum zu sein".

(Foto: imago sportfotodienst)

Es dauerte bis zur 55. Minute, ehe der haushohe Favorit durch Maicon zum bis dahin eher überraschenden 1:0 kam. Als Elano in der 72. Minute das 2:0 schoss, dachte allerdings niemand mehr im Stadion und daheim an den TV-Geräten daran, dass die Mannschaft der Volksrepublik noch einmal ins Spiel würde zurückkommen können. ORF-Kommentator Oliver Polzer spottete gar: "Die Nordkoreaner machen keine Anstalten etwas im System zu ändern." Doch als Nam Yun Ji in der 88. Minute auf Vorlage von Jong Tae-se auf 1:2 verkürzte, lag für einige aufregende letzte Minuten gar eine Sensation in der Luft. Doch es blieb beim knappen Vorsprung Brasiliens.

Nordkoreas Fußballer bäumen sich auf

Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass Nordkorea sein Pulver bei dieser WM bereits verschossen hatte. Nachdem man in den beiden nächsten Partien zehn Treffer kassierte - sieben gegen Portugal und drei gegen die Elfenbeinküste -, fuhr man als Mannschaft mit dem schlechtesten Ergebnis aller 32 Teilnehmerländer nach Hause zurück. Besonders bitter in den Augen der nordkoreanischen Führung: Die desaströse Niederlage gegen Portugal wurde live im Fernsehen übertragen. Das gab es vorher noch nie.

Der Führer des Landes, Kim Jong-Il, sah das Abschneiden seines Teams als Verrat am gesamten Volke Nordkoreas an. Besonders hart traf es Trainer Kim Jong-hun. Er hatte bereits vor dem Turnier durch eine Kuriosität das Ansehen des Landes "beschmutzt". Der nordkoreanische Coach hatte den etatmäßigen Stürmer Kim Myong-won als dritten Torwart nominiert - in der Hoffnung, dass dieser dann in Südafrika auch tatsächlich als Stürmer auflaufen könne. Doch die Fifa durchschaute die vermeintliche Listigkeit des Trainers und schob dem Vorhaben einen Riegel vor. Kim Myong-won spielte keine Minute bei der WM.

Nachdem sich die Mannschaft nach ihrer Rückkehr vor 400 Menschen in einem Tribunal in einer sechsstündigen Sitzung selbst "zerfleischen" und den Trainer öffentlich an den Pranger stellen musste, kamen Gerüchte auf, Coach Kim Jong-hun müsse als Bestrafungsmaßnahme auf einer Baustelle arbeiten. Angeblich entbehrte das jedoch der Wahrheit.

Jong Tae-se bekam von all dem nichts mit. Er reiste nach der Weltmeisterschaft nach Deutschland zu seinem neuen Arbeitgeber, dem VfL Bochum. Und obwohl er die Presse in seinem ersten Satz auf Deutsch wissen ließ, "Ich bin sehr lustig in Bochum zu sein" - wechselte er schon bald zum 1. FC Köln. Doch auch dort sollte der "Rooney Asiens" nicht glücklich werden. In einem Text an seine Fans schrieb der feinfühlige Sohn eines Südkoreaners und einer Nordkoreanerin einmal: "Ich hoffe, ich kann alle Menschen glücklich machen." Seine Tränen des Glücks und des Stolzes vom 15. Juni 2010 werden wir alle jedenfalls so schnell nicht vergessen! 

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Quelle: ntv.de

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