Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 28. Juni 1994 Wie Lambada-Legende Milla die WM verzückt

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Die Lambada-Legende: Roger Milla.

(Foto: imago/Norbert Schmidt)

Er ist der Star der WM 1990 - und 38 Jahre alt, als er ins Licht der Öffentlichkeit tritt. Vier Jahre später in den USA stellt der Kameruner Roger Milla einen Rekord für die Ewigkeit auf. Und beinahe wäre er sogar in der Bundesliga gelandet.

Schalke-Präsident Günter Eichberg hatte einen Plan. Wenn alles so klappen würde, wie er sich das vorstellte, dann würde es der ganz große Überraschungscoup des Sommers werden. Ein Jahr nach der WM 1990 wollte der "Sonnenkönig" niemand Geringeres als den Star der Weltmeisterschaften von Italien, den Kameruner Lambadatänzer Roger Milla, verpflichten. Doch kurz bevor es zur Vertragsunterzeichnung kommen sollte, meldete Eichberg, dass Milla leider irgendwo unauffindbar "im Busch verschwunden" sei.

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1:6 verloren und trotzdem Mann des Spiels: Roger Milla.

Sprung zurück ins Jahr 1994. An der Strafraumgrenze bekommt Roger Milla an diesem 28. Juni den Ball in der 46. Minute zugepasst. Geschickt setzt er sich gegen seinen russischen Gegenspieler durch und verwandelt im Fallen den Ball zum 1:3. Am Ende des Tages siegt Russland in dieser sportlich wertlosen Partie souverän mit 6:1. Und doch spricht die Fußballwelt bis heute von diesem einen Augenblick, als Milla die Kugel im Tor der Russen versenkte. Denn der Kameruner ist zu diesem Zeitpunkt bereits 42 Jahre alt – und damit der älteste Torschütze, der je in einem WM-Spiel getroffen hat. Dieser 3. Spieltag in der Gruppenphase am 28. Juni 1994 in Palo Alto zwischen Russland und Kamerun vor über 70.000 Zuschauern ist die finale Schlussszene einer wundersamen Geschichte, die so nur der Fußball schreibt.

Rückblick. Sommer 1990. Im Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand bestreiten Weltmeister Argentinien und Kamerun die Eröffnungspartie zur diesjährigen Fußball-WM. Es ist der Tag, an dem ZDF-Kommentator Marcel Reif nach dem überraschenden 1:0 durch Kameruns Omam-Biyik laut in sein Mikrofon ruft: "Ich darf als Reporter ja nicht parteiisch sein … ich will auch nicht parteiisch sein – aber … lauft, meine kleinen schwarzen Freunde, lauft!" Vor wenigen Minuten erst war beim Stand von 0:0 Kana-Biyik vom Platz geflogen. Als nach 88 Minuten auch Massing das Feld verlassen muss, beginnt Marcel Reif leise zu singen: "Zehn kleine Negerlein …". Kamerun rettet dennoch den knappen Vorsprung über die Zeit und schreibt so eine der größten Überraschungsgeschichten der WM-Historie. Torschütze Omam-Biyik meint nach der Partie: "Es wird Zeit, dass die Leute begreifen, dass wir keine Gorillas sind, die an Bäume hängen und Bananen fressen."

Der legendäre Jubel-Lambada

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Ein Mann spielt an diesem Tag nur eine untergeordnete Rolle. Als er in der 81. Minute für Cyrille Makanaky in die Begegnung kommt, soll Roger Milla nur dabei mithelfen das 1:0 zu sichern. Doch schon nach dem nächsten Spiel wird kein Fußballfan mehr diesen 38jährigen Kameruner je vergessen.

Als Roger Milla sechs Tage später in Bari das Feld beim Stand von 0:0 betritt, sind bereits 58 Minuten gespielt. Kamerun und Rumänien begegnen sich auf Augenhöhe – bis Milla in der 76. Minute einen Fehler in der rumänischen Hintermannschaft ausnutzt, das 1:0 erzielt und anschließend zu seinem mittlerweile legendären Jubel-Lambada an die Eckfahne eilt. In der 86. Minute sichert der Kameruner mit seinem zweiten Tor den Sieg über Rumänien endgültig. Kommentator Rolf Kramer wird an diesem Tag sagen: "Diese Kameruner, sie sind wie eine Schlange, die in der Sonne liegt und schläft. Plötzlich sind sie da, auf einmal züngeln sie, beißen sie, und schon wieder haben sie die Weltmeisterschaft vergiftet!"

Nach der bedeutungslosen Niederlage im dritten Spiel der Vorrunde gegen die Sowjetunion geht es im Achtelfinale gegen Kolumbien. Und wieder sitzt Milla bis zur 54. Minute nur auf der Bank. Und wieder steht es zum Zeitpunkt seiner Einwechslung noch 0:0 – genau wie nach 90 Minuten. ARD-Kommentator Gerd Rubenbauer ist alles andere als begeistert von dieser Partie: "Der Schweiß von Milla ist das Einzige, was in diesem Spiel läuft." Und dann sticht die Schlange Kameruns doch noch zu. Mit einem Doppelschlag in der 106. und 108. Minute der Verlängerung sichert Roger Milla seiner Mannschaft das Weiterkommen. Die ganze Welt schaut auf dieses Team und diesen Mann, der erst 38 Jahre alt werden musste, bis jedermann ihn kennerlernen sollte.

Und obwohl Kamerun im Viertelfinale einen 0:1-Rückstand nach Millas Einwechselung zur zweiten Halbzeit in ein kurzzeitiges 2:1 umwandeln kann, unterliegen sie England nach Verlängerung mit 3:2. Nach der Partie möchten Journalisten vom englischen Coach wissen, ob sein Team den Gegner vielleicht unterschätzt habe. Bobby Robson antwortet legendär: "Nein, nicht unterschätzt. Sie haben einfach viel besser gespielt, als wir vorher dachten!"

Die WM 1994 sollte am Ende weder für Kamerun noch für Roger Milla ein Happyend haben. Nach der Vorrunde war bereits Schluss. Doch dieser Rekord vom 28. Juni 1994 wird vermutlich bis in alle Ewigkeit halten. Wie die Erinnerung an den Mann, der uns 1990 mit seinen Toren und Tänzen verzückte!

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Quelle: n-tv.de

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