Wirtschaft
(Foto: REUTERS)
Freitag, 29. Juli 2016

Börse steigt trotzdem: Britische Wirtschaft spürt den Brexit

Von Egmond Haidt und Daniel Saurenz

Der britische Aktienmarkt steigt trotz des Brexit-Referendums auf Jahreshochs. Doch trüben sich die Perspektiven für die Wirtschaft von Tag zu Tag weiter ein. Was ist da los?

Die britische Notenbank steht mit dem Rücken der zur Wand. Die britische Wirtschaft kühlt sich immer stärker ab, und für viele Investoren scheint der nächste Schritt der englischen Notenbank völlig klar zu sein: Bei der Sitzung am 4. August wird Notenbankchef Mark Carney die Zinsen senken und damit versuchen, die sich stark abkühlende Wirtschaft zu stützen. Die Zinsen liegen seit mehr als sieben Jahren am Rekordtief von 0,5 Prozent. Die jüngsten Konjunkturdaten deuten unmissverständlich darauf hin, dass die Wirtschaft auf dem Weg in die Rezession ist. Eine Rezession liegt vor, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge gegenüber dem Vorquartal sinkt.

So war der Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft, also die Sektoren Dienstleistungen und Industrie, den die Researchfirma Markit veröffentlicht, im Juli von 52,4 Punkte auf 47,7 Punkte eingebrochen und notiert damit auf dem niedrigsten Niveau seit April 2009. Gleichzeitig ist das der größte jemals gemessene Rückgang. Damit liegt der Index, der die künftige Konjunkturentwicklung abbildet, deutlich unter der 50er-Marke, die die Grenze zwischen Wachstum und Schrumpfen ist.

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"Im Juli gab es eine dramatische Abschwächung der Wirtschaft, da die Geschäftsaktivitäten mit der stärksten Rate seit dem Höhepunkt der Finanzkrise Anfang 2009 eingebrochen sind", sagte Chris Williamson, Chefvolkswirt bei Markit. Besorgniserregend sei zudem der starke Rückgang der Auftragseingänge, oder die Einstellung und Verschiebung von Projekten, die hauptsächlich auf den Brexit, also den geplanten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, zurückgeführt worden seien.

Immobilienmarkt leidet

Obwohl Großbritannien den Brexit mit der EU erst noch aushandeln muss und es möglicherweise erst Anfang 2019 zu einem Austritt kommen könnte, zeigen sich bereits jetzt die Auswirkungen des Brexit, denn der heiß gelaufene Immobilienmarkt zeigt starke Bremsspuren. So hat die Immobilienfirma Capital & Counties Properties den Wert ihrer Grundstücke im Londoner Stadtteil Earls Court um 14 Prozent abgeschrieben, und signalisiert damit, dass die Preise für Luxusimmobilien deutlich sinken dürften.

Die Analysten der Société Générale prognostizieren, dass die Häuserpreise in London um bis zu 30 Prozent einbrechen könnten, da sich die Wirtschaft abkühlt und Unternehmen Aktivitäten ins Ausland verlagern. Wie sehr sich die Stimmung nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch bei den Verbrauchern nach dem Brexit eingetrübt hat, zeigt, dass die Einzelhandelsumsätze im Juli den stärksten Einbruch seit mehr als vier Jahren verbucht haben. Der Branchenverband teilte mit, dass der Index von vier auf minus 14 Punkte kollabiert sei.

Zinsen auf Rekordtief

Während Notenbankchef Carney mit einer möglichen Zinssenkung die Wirtschaft stützen will, fallen die Renditen auf immer neue Tiefstände - die Zinsen für zehnjährige Anleihen auf das Rekordtief von 0,71 Prozent gefallen. Tendenz: sinkend. Strafzinsen scheinen nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Gleichzeitig gehen die Zinsen für Unternehmensanleihen immer weiter zurück. Damit verschärft sich das Umfeld für viele Pensionsfonds und Betriebsrentenkassen weiter, denn sie haben fast die Hälfte ihres Vermögens in Anleihen investiert.

Laut der Beratungsfirma Hyman Robertson ist die Deckungslücke der Betriebsrentenkassen bis zum 1. Juli auf 935 Milliarden Pfund nach oben geschossen, gegenüber 820 Milliarden kurz vor dem Brexit-Referendum. Damit zahlen die künftigen Rentner den Preis für ihr Abstimmungsverhalten, immerhin hatten bei dem Referendum rund 60 Prozent der Briten im Alter ab 65 Jahren für einen Austritt aus der EU gestimmt.

Zwar ist der Aktienmarkt, gemessen am FTSE 100, nach dem zwischenzeitlichen Einbruch nach dem Referendum kräftig gestiegen und notiert in der Nähe des 52-Wochen-Hochs. Ebenso wie etliche andere Aktienmärkte der Welt spiegelt er aber immer weniger die Fundamentaldaten wider, die immer schlechter werden, sondern hauptsächlich die Aussicht auf die nächste Geldschwemme. Vor dem Hintergrund könnte der FTSE 100 zwar weiter steigen. Hiesige Anleger dürften daran aber dennoch kaum verdienen können, weil der Rückgang des Pfund gegenüber dem Euro weitergehen dürfte.

Quelle: n-tv.de