Wirtschaft

Deutsche Autobauer direkt betroffen "China lernt jetzt Kapitalismus"

In China rumort es am Aktienmarkt - binnen sechs Wochen gibt es einen Einbruch von rund 30 Prozent. Die deutschen Autohersteller leiden dabei doppelt. Wieso das so ist, ob es Gewinner gibt und wer die Verlierer sind, sagt Autoexperte Helmut Becker.

In China rumort es am Aktienmarkt. Nach einem Kurssprung von 150 Prozent binnen eines Jahres gibt es nun einen Einbruch von rund 30 Prozent innerhalb von sechs Wochen. Die deutschen Autohersteller leiden dabei doppelt. Wieso das so ist, ob es Gewinner gibt und wer die Verlierer sind, sagt Autoexperte Helmut Becker im n-tv.de Interview.

n-tv.de: Herr Becker, der chinesische Automarkt hat im Juni einen Rückschlag erlitten, erstmals sank im Jahresvergleich der Absatz. Es waren deutliche 3,2 Prozent. Was steckt dahinter?

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Helmut Becker: Das lässt den Schluss zu, dass in einigen Teilen Chinas bereits eine Marktsättigung eingesetzt hat. Das mag nicht für das Innere des Landes gelten, aber für die Küstenregion, da wo auch der Boom stattgefunden hat. Gleichzeitig drückt natürlich auch der Kursverfall an den chinesischen Aktienmärkten auf die Kaufbereitschaft der Kunden, denn dort wurde am meisten gezockt - Schanghai, Hongkong.

Was bedeutet das für die deutschen Autohersteller, die in China in den letzten Jahren ziemlich gut gefahren sind und Schwächen auf den Märkten in Westeuropa oder Russland so ausgleichen konnten?

Ganz klar: Mit deutlichen Absatzrückgängen in China gibt es bei den deutschen Herstellern auch deutliche Ergebniseinbußen. Diese Entwicklung ist bereits an den Aktienkursen an den deutschen Börsen und deren Verlusten abzulesen: BMW, Daimler und Volkswagen lassen deutlich Federn.

Gleichzeitig brechen die Kurse an den chinesischen Börsen ein. Marktexperten sprechen bereits vom "Platzen der Blase". Welche Gefahr geht davon noch zusätzlich aus?

Shanghai Composite
Shanghai Composite 2.817,97

Genau wissen wir das noch nicht, denn der Vorgang ist neu. Nur eines ist sicher: dass ein chinesischer Börsencrash - obwohl hauptsächlich eine innerchinesische Angelegenheit - auf den Westen ausstrahlt, ist klar. Das große Problem ist: Das, was sich gerade an den chinesischen Börsen tut, ist für die Chinesen selbst neu. Die Chinesen lernen jetzt erst einmal richtig Kapitalismus. Das heißt, unendliches Wachstum ist nicht möglich. Die große Gefahr dabei ist, dass der Boom an den Aktienmärkten zum Großteil auf Pump finanziert wurde. Dadurch kommt es nun zu Einkommenseinbußen - und zu einem zurückhaltenderen Kaufverhalten vor allem im Speckgürtel Chinas, der Küstenregion. Das wiederum bekommen die deutschen Autobauer direkt zu spüren. Wenn es hart auf hart kommt, sind Einbußen von 10 bis 20 Prozent für die deutschen Hersteller alles in allem denkbar.

Wen trifft es am härtesten?

Ich denke, den Volkswagen-Konzern und Audi. Die Wolfsburger sind am stärksten vom chinesischen Markt abhängig. Jedes dritte Auto aus dem VW-Konzern wurde bisher in China verkauft.

Gibt es Profiteure?

Ja, die chinesischen Hersteller selbst. Die führten bisher ein Schattendasein. Aber: Sie haben viel gelernt, qualitative Fortschritte gemacht. Und: Sie sind erheblich billiger und robuster als die deutsche Hightech-Konkurrenz. Das kommt den Chinesen jetzt zugute - sehr zur Freude übrigens der chinesischen Regierung!

Welche Rolle spielt diese eigentlich?

Die steht dem Ganzen fassungslos gegenüber, wurde von der Entwicklung mehr oder weniger überrollt. Peking merkt jetzt, dass man auch in kommunistischen Systemen mit rein dirigistischen Maßnahmen Finanzmarktbewegungen nicht steuern kann. Die Versuche, der Regierung an der Börse zu intervenieren, sind einfach nur lachhaft.

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: ntv.de