Wirtschaft

"Die Chinesen kaufen Picassos" Christie's ruft "neue Ära" aus

Internationale Kunstkenner blicken auf ein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr zurück. Schwindel erregende Summen und spektakuläre Auktionsrekorde zeigen: Der Kunstmarkt wächst, die reichen Käufer kommen aus aller Welt, die Preise ziehen steil an.

Der Druck der Niedrigzinsen lenkt immer mehr Anlagevolumen in den Markt für alternative Investments. Wie groß der "Anlagenotstand" unter vermögenden Sparern mittlerweile ist, zeigt der internationale Kunsthandel. Dort kurbeln rasant steigende Preise das Geschäft mit wertvollen Gemälden, Skizzen, Sammlerstücken und anderen Kunstobjekten immer weiter an. Nach Einschätzung einer prominenten Instanz im Markt gibt es weitere Faktoren des Booms.

"Das Jahr 2013 hat eine neue Ära auf dem Kunstmarkt eingeläutet", sagt Kunstexperte Jussi Pylkkänen, der beim beim Londoner Auktionshaus Christie's die Aktivitäten in Europa, dem Nahen Osten, Russland und Indien leitet. Die hohe Qualität, ein zunehmend globales Käuferspektrum und das vergrößerte Marktvertrauen bei Kunstbesitzern hätten im zu Ende gehenden Jahr den internationalen Kunstmarkt beflügelt.

Die Interessenten seien zunehmend global aufgestellt und hätten das gemeinsame Ziel, "das Beste" zu kaufen, sagte Pylkkänen. "Der Horizont hat sich verändert und erweitert. Wenn heute ein wirklich großartiges Kunstwerk auf den Markt kommt, ist es nur noch eine Frage, wie viele Bieter sich darum streiten."

Dreistelliger Millionenbetrag für Bacon

Pylkkänen war es, der im November in New York das Triptychon "Three Studies of Lucian Freud" von Francis Bacon für 142,4 Millionen Dollar versteigert hat. Damit erzielte das Auktionshaus einen neuen Rekord: Es ist das bislang teuerste Kunstwerk der Auktionsgeschichte. "Es war ein historischer Abend", erinnert sich Pylkkänen. Einen Gesamterlös von fast 700 Millionen Dollar bei jener Auktion habe er sich niemals träumen lassen.

Die Wende auf dem Kunstmarkt habe sich aber schon Monate vorher bei den Frühjahrsauktionen abgezeichnet, als eine "erhebliche Anzahl" von Klienten für Werke impressionistischer und moderner Kunst mit ihren Geboten die 20 Millionen Dollar-Marke überschritten.

Das erste Halbjahr 2013 brachte für Christie's Erlöse von fast 3,7 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 2,7 Milliarden Euro. Das entspricht einer Steigerung von 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im zweiten Halbjahr folgten Rekorderlöse bei Herbstauktionen in London und New York. Wie gut das Jahr im Kunstmarkt wirklich lief, kann Christie's allerdings im Januar aufdecken. Dann steht das Jahresergebnis des Auktionshauses zur Veröffentlichung an.

"Wir werden noch mehr Preise um die 100 Millionen Dollar-Marke erleben", prognostiziert Pylkkänen nun. Sowohl der Enthusiasmus der Käufer als auch die Zuversicht der Kunstanbieter in weiter steigende Preise sei 2013 gewachsen. Abgesehen von privat genutzten und spekulativ gekauften Immobilien gelten die sogenannten Alternativen Investments im derzeitigen Niedrigzinsumfeld zu den wichtigsten Wachstumsbereichen im Geldanlagemarkt. Zu diesem Sektor zählen Anlageberater neben Investitionen in ausgesuchte Fahrzeuge aus dem Oldtimer-Segment auch Geldanlagen wie etwa Schmuck, Edelmetalle, Wein und vor allem Kunst.

Im diesem sehr speziellen Markt seien laut Pylkkänen über die vergangenen fünf Jahre immer mehr Interessenten aufgetaucht, die "nur noch das Allerbeste wollen". Diese Einzelpersonen, Museen oder Institutionen wüssten sehr genau, dass zum Beispiel im Bereich der Nachkriegskunst noch viele große Werke auf den Markt kommen werden.

Die alten Hasen steigen aus

Der "nachweisliche Enthusiasmus" der Käufer habe sich auf die Besitzer von Kunst übertragen und ihr Vertrauen in den Markt beflügelt. "Tatsache ist, dass die Eigentümer von Kunst der vergangenen 70 Jahre jetzt damit die Realität eines erfolgreichen Verkaufs verbinden können." Schon für die großen Auktionen dieses Jahres in London und New York habe Christie's Kunst von "außergewöhnlichem Kaliber" angeboten bekommen, und für 2014 gehe es damit weiter. Qualität und Kunstleidenschaft blieben die treibenden Kräfte auf dem internationalen Markt.

Im vergangenen September beging Christie's mit einer ersten Auktion in Shanghai die ersten unabhängigen Verkaufsveranstaltungen dieser Art auf dem chinesischen Festland überhaupt. Seitdem sei die Tür für neue Käufer "weit offen", so Pylkkänen. Nicht nur Picasso und Warhol, sondern auch Rembrandt und Michelangelo seien in Shanghai gut angekommen.

"Kleiner Teil der Wahrheit"

"Die Chinesen kaufen Picassos, wo immer sie auftauchen," sagte Pylkkänen. In China will Christie's seine Präsenz ebenso ausbauen wie in Indien und in Russland. Dabei hat das Auktionshaus das Beispiel von Dubai im Auge, wo das Netzwerk von Händlern seit 2005 von 6 auf 80 Adressen gewachsen sei.

Dennoch blieben die neuen Märkte im internationalen Rahmen "nur ein kleiner Teil der Wahrheit". Der Kunstmarkt werde nach wie vor von Käufern aus Europa und den USA bestimmt. "Aber die Proportionen und Prozentanteile werden sich unweigerlich angleichen. Das ist noch nicht passiert, aber es wird passieren," sagte Pylkkänen.

Trotz seines Optimismus will er für das Auktionshaus für 2013 aber keinen finanziellen Rekord voraussagen. "Es wird einen Rekord an neuen Käufern und an großen Kunstwerken geben, und diese beiden Faktoren treiben unweigerlich die Ergebnisse hoch", meinte Pylkkänen.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa