Wirtschaft

Homeoffice als neue Normalität? Corona-Krise stellt Arbeitswelt auf den Kopf

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In der Corona-Krise arbeiten viele von zu Hause aus.

(Foto: picture alliance/dpa)

In der Corona-Krise ist in Deutschland jeder dritte Beschäftigte laut einer Umfrage ins Homeoffice gewechselt. Während hierzulande noch diskutiert wird, ob ein Recht auf Arbeit von zu Hause gesetzlich verankert werden soll, sind US-amerikanische Tech-Unternehmen schon einen großen Schritt weiter.

Die Coronavirus-Pandemie hat viele Unternehmen gezwungen, kreativ zu werden. In der Krise arbeiten etliche Mitarbeiter zum ersten Mal von zu Hause aus. Was vorher nur in Ausnahmefällen möglich war, wurde für Millionen Arbeitnehmer schnell zum Alltag. Jeder dritte Beschäftigte ist laut einer Umfrage ins Homeoffice gewechselt. 35 Prozent gaben in der ersten Aprilhälfte an, teilweise oder vollständig in den eigenen vier Wänden zu arbeiten, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ermittelte. Vor der Corona-Krise haben nur 12 Prozent gelegentlich oder immer den heimischen Schreibtisch genutzt. Während hierzulande gerade eine Diskussion darüber losgeht, ob das Recht auf Arbeit von zu Hause aus gesetzlich verankert werden soll, ist man in den USA längst viel weiter.

Bei Facebook wechselten in der Corona-Krise mehr als 90 Prozent der Beschäftigten ins Homeoffice. Laut Konzernchef Mark Zuckerberg könnte daraus ein Langzeittrend werden. Er rechnet damit, dass die Pandemie einen Wandel hin zur Arbeit außerhalb des Büros angestoßen hat und in zehn Jahren rund jeder zweite Beschäftigte des Online-Netzwerks so arbeiten werde, sagte Zuckerberg in einem Interview des Technologieblogs "The Verge". Er gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren sogar Mitarbeiter eingestellt werden, die von Anfang an von zu Hause arbeiten. Im Gespräch mit "The Verge" betonte Zuckerberg, dass sich das Arbeiten von zu Hause als effizienter als erwartet erwiesen habe. "Einige Leute dachten, dass alles auseinanderfallen wird - aber das passierte nicht." Eine wichtige Frage auf Dauer sei aber, wie man dabei Unternehmenskultur, Kreativität und soziale Kontakte erhalte. Zugleich könnten durch Heimarbeit mehr Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten für ein Unternehmen arbeiten, weil weniger von ihnen umziehen oder pendeln müssten.

Die Büros von Twitter bleiben noch bis mindestens September geschlossen. Schon jetzt ist für das Unternehmen klar: Auch nach dem Ende der Krise sollen Mitarbeiter ihre Jobs von zu Hause aus uneingeschränkt fortführen können, wenn ihre Aufgaben dies zulassen. "Es wird unsere Entscheidung sein, die Büros zu öffnen - und die Mitarbeiter entscheiden, wann und ob sie zurückkehren", betonte Twitter. Das soll auch für das andere Unternehmen von Twitter-Chef Jack Dorsey, den Online-Bezahldienst Square, gelten. "In Zukunft werden Square-Mitarbeiter dauerhaft von zu Hause arbeiten können, selbst wenn die Büros wieder geöffnet sind", sagte ein Unternehmenssprecher "The Verge". Man habe in den vergangenen Wochen eine Menge darüber gelernt, was es brauche, damit Menschen effektiv außerhalb eines Büros arbeiten können.

Auch der Chef der E-Commerce-Plattform Shopify, Tobi Lutke, gab bekannt, dass die Corona-Krise die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt habe. "Die Bürozentriertheit ist vorbei", twitterte Lutke. "Ab heute ist Shopify standardmäßig ein digitales Unternehmen." Bis 2021 will das Unternehmen demnach seine Büros geschlossen lassen. Danach werden die meisten Mitarbeiter dauerhaft aus der Ferne arbeiten. Bislang nutzten Mitarbeiter im Homeoffice das Internet als Brücke zum Büro. "Das wird sich jetzt umkehren", schreibt Lutke.

Das Cloud-Speicherunternehmen Box ermöglicht es seinen Mitarbeitern, immerhin bis Ende 2020 "von überall" aus zu arbeiten. Bereits vor der Pandemie haben laut Chef Aaron Levie etwa 15 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice gearbeitet. Diese Zahl werde in Zukunft voraussichtlich noch weiter steigen. "Gleichzeitig wissen wir, wie wichtig Büros für einen persönlichen Austausch, Vernetzung und Kreativität sind", schreibt Levie in einem Blogbeitrag. "Deshalb ist unsere Zukunft eine hybride Zukunft."

Doch nicht nur die großen US-amerikanischen Tech-Giganten finden Wege, über einen längeren Zeitraum auf Distanz zu arbeiten. Auch der französische Autobauer PSA kündigt eine "neue Ära der Agilität" an. Mitarbeiter, die nicht in der Produktion arbeiten, können von nun an aus der Ferne arbeiten. "Angesichts der positiven Erfahrungen und der effizienten Maßnahmen, die bereits im Zusammenhang mit der Covid-19-Krise getroffen wurden, hat die Group PSA beschlossen, die Heimarbeit zu stärken", teilte das Unternehmen mit. Büros sollen so umgestaltet werden, dass bei Bedarf eine persönliche Zusammenarbeit möglich sei, der Immobilienbestand solle aber reduziert werden.

Geht es nach Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, solle jeder, der möchte, auch nach der Corona-Pandemie im Homeoffice arbeiten. Für Wirtschaftsminister Peter Altmaier besteht keine Notwendigkeit, das Recht auf Heimarbeit gesetzlich zu verankern. Altmaier sagte, er habe volles Vertrauen in Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Betriebsräte, dass vor Ort die richtigen Lösungen gefunden werden. Und so tüfteln in vielen deutschen Betrieben Chefs bereits an der Rückkehr ihrer Mitarbeiter ins Büro, messen Abstände zwischen Arbeitsplätzen aus oder teilen ihre Angestellten in Schichten ein.

Quelle: ntv.de, jki