Wirtschaft

"Dinge radikal vereinfachen" Darauf kommt es beim Gründen an

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Nur die wenigsten Startups können sich über langfristigen Erfolg freuen. Nur eines von zehn überlebt.

(Foto: imago/Westend61)

Für viele junge Menschen ist das eigene Startup der Traum schlechthin. Mit der eigenen Idee Geld verdienen, sein eigener Chef sein und sich selbst verwirklichen. Aber der Weg dahin ist alles andere leicht. Drei Gründer erklären, worauf es wirklich ankommt.

Die Deutschen melden jedes Jahr rund 600.000 Gewerbe an. Einige davon sind Startups. So nennen sich junge Unternehmen, die eine neuartige Geschäftsidee haben und damit schnell wachsen möchten. Doch nur die cleversten Ideen, die innovativsten Produkte und die besten Lösungen für Probleme bleiben langfristig erfolgreich. Ein tolles Logo, ein cooler Name und ein perfekter Buisnessplan sind wertlos, wenn das Produkt schlecht ist, weiß auch Bilal Zafar. Er hat mit seinem Bruder die Onlineplattform richtiggutbewerben.de gegründet. Dort können Kunden professionelle Bewerbungsschreiben kaufen. Mittlerweile hat der 31-Jährige fast 60 Mitarbeiter - die Idee kommt gut an.

"Als erstes sollte man testen, ob die Idee oder das Produkt überhaupt etwas taugt", sagt Zafar im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Dazu eigne sich beispielsweise eine kleine Test-Website. Mit der könne man dann "Marktforschung light" betreiben und schauen, wie viele Menschen sich für das Produkt interessieren.

Der Vorteil an dieser Methode ist, dass sie kaum Geld kostet. Eine Website ist schnell gebaut und in den Sozialen Medien kann man bereits für kleines Geld etwas Werbung schalten. Möchte man ein Produkt vertreiben, braucht man nur noch einen Gewerbeschein. Der kostet in Deutschland zwischen 10 und 65 Euro. Und wenn die Idee einschlägt, könne man sich Gedanken um die Rechtsform der Firma und ähnliche Fragen machen, sagt der Gründer. Er empfiehlt Gründern, pragmatisch zu sein, anstatt zu versuchen, alles perfekt zu machen. Diese Arbeitsweise hat sich der Düsseldorfer von erfolgreichen Unternehmern wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg abgeschaut.

"Gute Mitarbeiter sind kriegsentscheidend"

"Viele Gründer machen am Anfang den Fehler, Dinge unnötig kompliziert zu machen", findet Zafar, der seine Firma zuletzt erfolgreich bei der TV-Sendung "Die Höhle der Löwen" vorgestellt hat. Für viele Gründer-Probleme finden sich online hilfreiche Tipps, aber deren schiere Anzahl kann schnell überfordern. Wo findet man zum Beispiel gute Mitarbeiter?

Max Scherer ist einer der drei Gründer von "wildcorn". Das ist ein Startup, das vereinfacht gesagt Snacks wie Kartoffelchips und Popcorn in gesund herstellt. Bei der Mitarbeitersuche habe er Glück gehabt: Viele seiner Angestellten stammen aus seinem Freundeskreis, sind Bekannte von Freunden oder die Mitbewohner von Cousins. "Gute Mitarbeiter sind kriegsentscheidend", sagt Scherer, der mit "Wildcorn" bereits sein viertes Unternehmen aufgebaut hat. Arbeitskollegen findet der Seriengründer nicht nur in seinem näheren Umkreis, sondern auch auf Karriereplattformen wie "LinkedIn" oder "Xing". Über 150 Gespräche hat er geführt, um die zehn Plätze in seinem Kreuzberger Büro zu besetzen.

Und diese Mitarbeiter wollen auch bezahlt werden. Das Geld ist nach der Idee der wichtigste Aspekt beim Gründen. Um mit einem Unternehmen durchzustarten, muss erst einmal viel Geld investiert werden. Aber nur die wenigsten Gründer haben die Mittel, um Büroräume, Mitarbeiter und Produktionskosten zu finanzieren. Deshalb verkaufen vielversprechende Jungunternehmer, Anteile an Investoren. Schreibt das Startup irgendwann Gewinne, fallen Beteiligungen ab.

Gründen geht auch ohne Netzwerk

Doch die Suche nach Geldgebern ist schwierig, gerade für Gründer, die neu im Geschäft sind. Diese Erfahrung hat auch Max Scherer gemacht, obwohl er sehr gut vernetzt ist. Erst nach unzähligen Telefonaten, E-Mails und Briefen haben er und seine Mitgründer die passenden Investoren gefunden. Dazu hat Weber unter anderem sein Netzwerk genutzt, alte Bekanntschaften in Investment-Gesellschaften kontaktiert und auch mit finanzkräftigen Mittelstandsfamilien gesprochen. Am Ende haben sich dann vier passende Investoren gefunden.

Eine weitere Möglichkeit ist, sich Geld bei Freunden oder der Familie zu leihen. Aber das ist riskant: Geht der Plan nicht auf und das Unternehmen pleite, hängt der Haussegen womöglich schief und Freundschaften können zerbrechen. Bleibt alternativ nur noch der Weg zur Bank, doch die zögert oftmals mit Krediten, wenn die Idee neu und das Geschäftsmodell schwer zu verstehen ist. Dennoch sollten junge Gründer nicht den Mut verlieren, sagt Max Scherer. Viele Investoren haben auf Portalen wie LinkedIn oder Xing ein offenes Ohr, wenn es um neue Ideen geht, mit denen sie Geld verdienen können. Ein gutes Netzwerk ist vor allem in der Startup-Szene hilfreich, so Scherer. Eine Vorrausetzung für eine erfolgreiche Gründung sei das aber nicht. Die meisten Investoren seien auch dann gesprächsbereit, wenn Gründer zwar noch jung, aber dafür ehrgeizig sind.

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Zwei Ehepaare wollen das Gesundheitswesen digitalisieren.

Hat man eine gute Idee und kann andere Leute auch dafür begeistern, ist der Grundstein für das eigene Unternehmen gelegt. Auch, wenn es manchmal etwas länger dauert. Manchmal passiert das aus Gründen, auf die man als Unternehmer wenig Einfluss hat. Alice Martin hat erst vor wenigen Monaten ihr Startup "dermanostic" gegründet. Das ist eine App, bei der Kunden ein Bild ihrer Hautkrankheit versenden und Ärzte anhand dessen eine Diagnose stellen können. Als Martin und ihre Mitgründerin Estefania Lang einen großen Ideenwettbewerb gewonnen haben, war ihnen klar: Diese Idee kann funktionieren. Fehlte nur noch ein Investor, aber die Suche war alles andere als einfach.

Müssen Gründer BWLer sein?

"Das Hauptproblem für potentielle Investoren war, dass wir Mediziner sind und damit in den Augen von Geldgebern keine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse mitbringen", sagt Martin. Zudem sei ihre Kollegin schwanger gewesen, was Investoren zusätzlich vor einem Einstieg abgeschreckt habe. Irgendwann gab es so viele Schwangerschafts-bedingte Absagen, dass die Medizinerinnen überlegt haben, nur noch ihre Männer zu den Pitches zu schicken. Irgendwann hatte das Vierer-Team dann doch Glück: Ein familienfreundlicher Investor gab ihnen Geld. Seit März ist die App am Markt.

Aber die Investorensuche war nur eine von vielen Hürden für das junge Unternehmen. Die Medizinerinnen mussten einige rechtliche Hürden nehmen, um mit ihrer App an den Start zu gehen. "Ich finde, dass es die Bürokratie teilweise extrem schwierig macht", sagt Martin. Dennoch ist sie sich darüber bewusst, wie wichtig bestimmte Sicherheitsvorkehrungen sind. Gerade in sensiblen Bereichen wie der Gesundheitsversorgung seien die Maßnahmen sinnvoll.

Nur jedes zehnte Startup überlebt

Aber auch Gründer Zafar hat stressige Erfahrungen mit den deutschen Behörden gemacht. Er findet, dass Deutschland es Gründern leichter machen sollte. "Viele Prozesse kosten nicht unbedingt viel Zeit, aber dafür Nerven." Er befürchtet, dass die langwierigen, teils komplizierten Verfahren junge Menschen vom Gründen abhalten könnten. Seiner Meinung nach müsse das Verfahren so schnell wie möglich digitalisiert werden. "Sonst werden wir von anderen Ländern bald abgehängt."

Wer gründen möchte, braucht ein dickes Fell und muss leidensfähig sein, sagt Seriengründer Max von Wildcorn. Optimist zu sein, helfe auch oftmals. Es könne schließlich immer etwas schiefgehen. Eine gesunde Portion Realismus helfe auch. Denn auch die vermeintlich beste Idee kann schließlich scheitern. Nur jedes zehnte Unternehmen überlebt am Markt, und nur die wenigsten werden ein "Unicorn". Das sind Unternehmen, die mit mindestens einer Milliarde Euro bewertet werden. In Deutschland haben das in den vergangenen Jahren nur ganz wenige Startups wie Zalando oder Hello Fresh geschafft. Aber damit man so erfolgreich wird, braucht man nicht nur ein grandioses Produkt, sondern auch ein wenig Glück.

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Welche Staaten entscheiden die US-Wahl? Von wo aus können deutsche Raketen künftig ins All starten? Kann Geld Impfskeptiker überzeugen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de