Wirtschaft

Danke, Theresa May! Das sind die deutschen Brexit-Profiteure

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Anti-Brexit-Demonstrant in London.

(Foto: picture alliance/dpa)

"No deal, no business": Ein chaotischer EU-Austritt der Briten schadet allen, warnen Ökonomen. Doch einige hätten bei einem harten Brexit ohne Vertrag viel zu gewinnen - auch dort, wo man es gar nicht vermutet.

Nachdem das britische Parlament Theresa Mays Brexit-Deal abgeschmettert hat, ist die Angst vor einem ungeregelten Brexit in der Wirtschaft immer deutlicher zu spüren. Heute Abend geht das Zittern weiter: Diesmal stellt die britische Premierministerin im Unterhaus ihren Plan B zur Abstimmung.

Sicher ist: Wird auch dieser Plan abgelehnt, rückt der chaotische EU-Austritt ein großes Stück näher. Keine der rund 2500 deutschen Firmen in Großbritannien wird davon unberührt bleiben. Einige sehen einem Brexit ohne Deal aber durchaus gelassen entgegen - oder profitieren von den politischen Wirren schon heute.

Frankfurt: Erste Anlaufstelle für Brexit-Banken

Die Mainmetropole gehört zu den größten Brexit-Profiteuren. Außer Frankfurt und Paris buhlen zwar auch Amsterdam, Dublin und Luxemburg um Finanzjobs aus der Londoner City. Aber wie es aussieht, hat die deutsche Bankenmetropole gute Chancen, das Rennen zu machen. Das behauptet zumindest die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba): "Frankfurt ist die erste Adresse für die Brexit-Banken. Es gibt keinen anderen Standort in Kontinentaleuropa, für den sich so viele Banken entschieden haben", zog Chefvolkswirtin Gertrud Traud im August 2018 Bilanz.

In einer Studie listet die Helaba 25 Institute auf, die sich entschieden haben, ihr Geschäft in Frankfurt auf- oder auszubauen. Bafin-Chef Felix Hufeld bezifferte die Zahl der Banken, die wegen der drohenden Turbulenzen in Großbritannien ihre Präsenz nach Deutschland verlegen oder hier ausbauen wollen, zuletzt sogar mit 45. 

Der deutsche Finanzplatz hatte sich bereits früh Chancen auf reichlich Zuzug von der Themse ausgerechnet. Der Brexit zwang Banken in London, sich schnell umzuorientieren. Für Geschäfte in der EU benötigen die Geldhäuser im Fall des harten Brexits künftig ein Standbein in einem EU-Staat. Für Umzug, neue Büros und neues Personal kalkulierten die Häuser anderthalb Jahre. Es galt also keine Zeit zu verlieren. Die Verstärkung aus London wertet Frankfurt im internationalen Wettbewerb auf. 

Anwälte, Zollexperten und Logistiker haben Konjunktur

Auch wenn ein harter Brexit den meisten deutschen Unternehmen schadet, gibt es Firmen, für die Brexit-Bürokratie, Zölle und Lizenzen neues Geschäft bedeuten. Anwaltskanzleien und Berater haben durch den Brexit Hochkonjunktur, besonders wenn sie auf Zollfragen spezialisiert sind. Denn viele Firmen sind immer noch im "Tal der Ahnungslosen": Sie kommen nun erstmals mit Zollfragen in Berührung und unterschätzen die anstehenden Aufgaben.

Überwiegend entspannt blicken laut der Unternehmensberatung Deloitte Vertreter des Handels und des Transportwesens dem harten Brexit entgegen: 67 Prozent schätzten den potenziellen Schaden für ihr Unternehmen in einer Umfrage im Sommer als "niedrig" ein. Ganze 44 Prozent sehen im Rückzug aus Großbritannien und der Verlagerung nach Deutschland oder Europa sogar explizit Chancen und "neues Geschäftspotenzial". Mehr als jedes fünfte Unternehmen rechnet auch mit "weniger Konkurrenz durch britische Unternehmen" auf dem EU-Markt.

Standort Deutschland: Mehr Aufträge für deutsche Firmen

Die EU-Statistikbehörde geht noch einen Schritt weiter: Sie erwartet, dass vieles von dem, was bisher von der Insel auf den Kontinent exportiert wird, künftig in der EU produziert wird. Das betrifft vor allem Aufträge für Fahrzeuge und Fahrzeugteile, Nahrungsmittel und Elektrotechnik.

Laut der deutschen Auslandswirtschaftsförderung GTAI jagten EU-Länder Großbritannien 2017 rund 45 Prozent der auf der Insel produzierten Autos und Teile ab. Vor allem deutsche Unternehmen dürften gute Chancen haben, diese Lücke bei einem EU-Austritt zu schließen, heißt es.

Aber auch britische Unternehmen, die es wegen des nahenden Brexits nach Deutschland verschlägt, werden für neue Impulse und Arbeitsplätze sorgen. Laut GTAI ist Deutschland der attraktivste Ausweichstandort für britische Investitionen. Im vergangenen Jahr haben demnach 172 britische Firmen ihr Interesse an Deutschland angemeldet. 2016, im Jahr des Brexit-Referendums, waren es lediglich 77.

Neben Finanzdienstleistern zöge es bislang vor allem Firmen aus der IT- und Softwarebranche nach Deutschland. Die spannende Frage sei nun, "ob auch die Produktion von der Insel auf das Festland verlagert wird", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" eine GTAI-Expertin. Der deutsche Ernst&Young-Chef Hubert Barth mutmaßt sogar, die ausländischen Konzerne könnten "in einem volatilen Umfeld, in dem auch in Nachbarländern Populisten nach der Macht greifen und der Nationalismus sich ausbreitet", zu einem Stabilitätsanker werden.

Großbritannien-Fans: Urlaub auf der Insel wird günstiger

Die Tourismus-Branche gehört eigentlich zu den Leidtragenden der Brexit-Wirren. Scheidet Großbritannien ohne Deal aus der EU aus, könnte der Flugverkehr zwischen der Insel und dem Kontinent zumindest für eine Weile zum Erliegen kommen. Ausgemachte Briten-Fans dürfte das kaum schrecken, sie sitzen schon auf gepackten Koffern.

Denn seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 hat die britische Währung bereits rund 15 Prozent abgewertet. Für die Briten ist es ein Graus. Aber für Touristen vom Festland oder aus den USA sind Hotels und Restaurants in Großbritannien nun deutlich billiger - und Reisen auf die Insel damit deutlich attraktiver.

Deutsche Häuslebauer: Theresa May sorgt für Niedrigzinsen

Zu den Gewinnern zählen auch die Häuslebauer in Deutschland. Während britische Immobilienbesitzer fluchen, weil ihr Vermögen durch den Brexit fast täglich schrumpft, dürfen sich deutsche Eigenheimkäufer bei Theresa May bedanken.

Wegen des drohenden Chaos-Brexits flüchten Investoren scharenweise in Bundesanleihen und Pfandbriefe. Das drückt nicht nur die Bond-Renditen, sondern auch die Zinssätze für Hypothekenanleihen. Kaufen und Bauen von Immobilien ist hierzulande unter anderem deshalb günstiger.

Bundesligaprofis: Absahnen in der Premier League 

Bei einem Chaos-Brexit stehen dem britischen Fußball harte Zeiten bevor, weil es deutlich schwieriger werden dürfte, gute Spieler aus der EU auf die Insel zu locken. Bislang dürfen englische Klubs gemäß EU-Recht beliebig viele EU-Ausländer in ihren Reihen haben. Wenn nach dem 29. März die Frage von Arbeitserlaubnissen aufkommen sollte, werden Manchester United, Chelsea und Liverpool künftig viel genauer überlegen müssen, wen sie verpflichten, sagen Experten.

Für gute Spieler aus der EU, die mit einem Wechsel in die britische Premier League geliebäugelt hatten, wird die Insel dann nicht mehr erste Wahl sein. Entsprechend müssten die Gehälter für EU-Ausländer steigen. Vielleicht führt der Weg des einen oder anderen aussichtsreichen Nachwuchsfußballers, der nicht in der Premier League anlanden konnte, dann zur Bundesliga. Dort wäre man nicht abgeneigt. Englands Fußball-Ikone Gary Lineker, der seine sportliche Glanzzeit in den 80ern hatte, wird deshalb nicht müde, Lanzen für Brüssel zu brechen: "Die EU ist zwar nicht perfekt, aber sie leistet sowohl für Europa als auch für das Vereinigte Königreich eine Menge außerordentlicher Dinge."

Quelle: n-tv.de

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