Neue Mächte der EnergiewendeDeutschland zögert, Vietnam und Thailand ziehen vorbei
Interview: Christian Herrmann und Clara Pfeffer
Lange Zeit ist Europa der Vorreiter der Energiewende. Inzwischen läuft China Ländern wie Deutschland den Rang ab. Im Umfeld der Volksrepublik erwächst neue Konkurrenz. In Staaten wie Thailand oder Vietnam boomen Elektromobilität und erneuerbare Energien. Aus Eigennutz: Sie möchten kein Geld mehr für fossile Importe ausgeben, sondern welches verdienen. Sie bauen deshalb um Zukunftsbranchen vollständige Wertschöpfungsketten auf. "Südostasien bildet für mehrere Technologien ein neues geopolitisches Cluster", sagt Maria Pastukhova von der Denkfabrik E3G im Podcast "Das Klima-Labor von ntv". Die Leiterin des Forschungsprogramms "Globale Energiewende" legt Europa nahe, sich zu sputen, wenn es nicht abgehängt werden möchte: "Die Weltwirtschaft wartet nicht auf Länder, die zögern." Die entscheidende Frage ist: Wie gelingt die Energiewende, ohne erneut abhängig zu werden? "Europa hat drei nicht so gute Optionen."
ntv.de: Ist die Energiewende Geopolitik?
Maria Pastukhova: Auf jeden Fall. Energiesysteme sind kapitalintensive und infrastrukturreiche Projekte. Diese Projekte liegen zum Teil in der nationalen Macht von Ländern, zum Teil sind sie grenzüberschreitend und unmittelbar mit den Machtverhältnissen der betroffenen Länder verbunden. Die Energiewende ist genauso geopolitisch wie das öl- und gasbasierte System.
Sie sagen, dass sich die geopolitischen Zentren der Energiewende verschieben. Inwiefern?
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat im April einen Bericht über die Energietrends des vergangenen Jahres veröffentlicht. Darin sieht man, dass die Bedeutung der OECD-Staaten bei der Energiewende zurückgeht. Europa und die USA waren früher die Vorreiter. 2010 kam China dazu. Das ist inzwischen Marktführer. Jetzt rücken neben China andere asiatische Staaten ins Zentrum der Energiewende - nicht nur bei der Dekarbonisierung der Energiesysteme: Sie schaffen Wertschöpfungsketten und knüpfen Beziehungen mit anderen Energiewendemächten, neben China vor allem mit Indien.
Was genau verschiebt sich?
Für eine Energiewende benötigt man Zugang zu Wertschöpfungsketten, zu Ressourcen, zu Solarpanels oder auch zu Wechselrichtern. Südostasien bildet für mehrere Technologien ein neues geopolitisches Cluster. Ein weiterer IEA-Bericht zeigt, dass sich etwa die Verkäufe im Bereich der Elektromobilität im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt haben. Der Anteil von E-Autos bei den Neuwagen lag bei knapp 20 Prozent. Das ist in etwa das Niveau, das Europa und Deutschland seit einigen Jahren halten. Angeführt wird die Verbreitung von Ländern wie Vietnam, Indonesien und Thailand. Wir reden also nicht einmal von China.
In südostasiatischen Ländern verkaufen sich E-Autos genauso gut wie in Europa, oder welche Botschaft ziehen Sie aus diesen Zahlen?
Das kommt auf das Land an. Europa hat 2025 wieder zugelegt, aber einzelne Märkte in Südostasien haben Europa bereits überholt. In Vietnam waren vergangenes Jahr fast 40 Prozent der neu verkauften Autos elektrisch. Mit Vinfast hat Vietnam auch einen eigenen E-Auto-Hersteller. Thailand steht bei 25 Prozent und damit nahe am europäischen Niveau. E-Mobilität wächst in vielen asiatischen Ländern rasant.
Betreffen diese Angaben ausschließlich E-Autos oder werden alle Optionen aus dem Bereich der Elektromobilität zusammengefasst? E-Mobilität gibt es ja in allen Farben und Formen. E-Bikes, Roller und die kleinen Scooter gehören auch dazu.
E-Autos. Zwei- und Dreiräder sind in den Angaben nicht enthalten. Dort ist das Wachstum noch stärker. 2025 wurden weltweit etwa 11 Millionen elektrische Zwei- und Dreiräder verkauft. Das sind etwa 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten in China, aber das ist keine Geschichte chinesischer Dominanz. In vielen Märkten entstehen drumherum lokale Industrien. In Vietnam haben sich die Verkäufer elektrischer Zweiräder 2025 zum Beispiel auf rund 735.000 Fahrzeuge mehr als verdoppelt. Indien ist ein weiteres Beispiel. Dort sind Scooter die dominante Art, sich fortzubewegen. Und die Türkei zeigt mit der eigenen Marke Togg als Anker, dass Elektromobilität inzwischen auch als Industriepolitik verstanden wird.
Wird die Verbreitung in diesen Ländern politisch gesteuert und gefördert oder entscheiden sich die Menschen dafür, weil es das bessere Angebot ist?
Es sind hauptsächlich wirtschaftliche Faktoren. Viele der Länder hängen im Mobilitätsbereich extrem von Ölimporten ab, also von Lieferungen aus dem Mittleren Osten. Die versuchen seit einigen Jahren, davon wegzukommen. Seit der Iran-Krise noch mehr. Dazu kommt, dass E-Autos in den vergangenen Jahren günstiger geworden sind. Das gilt nicht nur für chinesische, sondern auch für vietnamesische oder türkische. In vielen Fällen ist E-Mobilität auch mit dem Ausbau der heimischen Industrie verbunden. Thailand etwa war lange immer ein Auto-Hub.
Thailand?
Ja. Thailand hat eine starke Autoindustrie. Das ist ein zentraler Industriesektor. Dort werden viele Autos für die Region gefertigt. Jetzt rüstet die Autoindustrie auf Elektromobilität um, weil sie ihren Status behalten möchte. Das wird von chinesischen Investitionen getrieben, ist aber auch an die lokale Produktion und Export-Ambitionen gekoppelt. Elektromobilität ist in vielen Ländern alles zusammen: Industriepolitik sowie der Versuch, günstigere Fortbewegungsmethoden für die Bevölkerung zu schaffen und Importabhängigkeiten zu beenden.
Machen sich diese Länder nicht trotzdem von China abhängig? Davor wird in Europa und den USA gewarnt.
Japan versucht im Rahmen der AZEC-Initiative auch, eigene Technologien in der Region zu verankern. Die stammen aber hauptsächlich aus dem Kohle- und Gasbereich, weil die heimische Nachfrage nicht mehr so stark ist. Aber ja, der industrielle Aufstieg der Region ist hauptsächlich China-getrieben. Speziell in Zukunftstechnologien stecken viele chinesische Investitionen. Diese engen Beziehungen schaffen wirtschaftliche Abhängigkeiten.
Aber keine technologischen?
Man muss beim China-Risiko unterscheiden: Das geringste Risiko besteht dort, wo Technologie passiv, austauschbar und standardisiert und nicht in kritische Steuerungssysteme eingebettet ist. Solarmodule sind austauschbar. Dort ist das Risiko die Lieferabhängigkeit. Wenn Europa keine mehr bekommt, haben wir ein Problem mit dem weiteren Ausbau, aber keinen Systemkollaps, denn es sind viele Solaranlagen bereits installiert. Die südostasiatischen Länder adressieren dieses Risiko, indem sie um die chinesischen Investitionen herum ein eigenes Industriecluster mit eigener Fertigung aufbauen.
Es geht aber nicht nur um Technologien, sondern auch um die notwendigen Rohstoffe dafür. Gibt es dafür in den südostasiatischen Ländern oder auch in der Türkei eigene Lieferketten?
China ist als "Electro State" (Elektrostaat), der die gesamte Wertschöpfungskette von den Rohstoffen hin zu den High-Tech-Produkten kontrolliert, ein Einzelfall. Das ist nirgendwo sonst möglich, weil nirgendwo sonst die notwendigen Skalen vorhanden sind. Das wäre ineffizient. Teile der Wertschöpfung deckt die Region aber gut ab. Indonesien verfügt über eine starke Rohstoffbasis. Nickel gehört zu den kritischen Rohstoffen, die für zukunftsfähige Technologien benötigt werden. Indonesien hat auch eigene Batterie- und EV-Cluster. Die werden durch China unterstützt, Südkorea investiert aber auch sehr stark.
China ist nicht allein?
Ja. Unterschiedliche Länder kontrollieren den Zugriff auf bestimmte Ressourcen. Viele befinden sich in Afrika oder Lateinamerika. Bei denen steckt China fast immer mit drin. Alternativ ist Russland leider auch ein großer Lieferant kritischer Rohstoffe. Man braucht also nicht unbedingt eine eigene Rohstoffgewinnung, um unabhängig zu sein. Die Verarbeitung ist ein viel größeres Problem, denn ohne sind kritische Rohstoffe nutzlos. Ein nicht verarbeitetes Stück seltene Erde ist letztlich ein Stein. Es dauert im Schnitt etwa sieben Jahre, diese Kapazitäten aufzubauen. Die Verarbeitung selbst ist außerdem toxisch. Wenn sie nicht streng reguliert wird, bestehen erhebliche Umwelt- und Gesundheitsrisiken, etwa durch Abwässer, Säuren oder auch radioaktive Begleitstoffe. Deshalb ist die Frage, wo Europa Verarbeitungskapazitäten für Lithium und andere Materialien aufbauen könnte, so umstritten.
Gibt es eine Lösung?
Es wird überlegt, strategische Partnerschaften mit anderen Ländern zu schließen, zum Beispiel in Afrika oder Lateinamerika. Die suchen ebenfalls nach Alternativen zum chinesischen Geschäftsmodell. Europa ist nicht auf sich allein gestellt.
Es gibt den Vorschlag, dass Mittelmächte wie Deutschland, Kanada, Australien oder auch Brasilien enger zusammenarbeiten müssen, um sich vor China, aber auch den USA zu schützen. Was halten Sie davon?
Europa hat drei nicht so gute Optionen, die es navigieren muss.
Nämlich?
Europa kann erstens versuchen, die komplette Wertschöpfung in Europa aufzubauen. Das ist extrem kostspielig und dauert. Die zweite Option ist das andere Extrem: komplette Offenheit gegenüber China. Man wäre abhängig, hätte aber einen Zufluss an günstigen Technologien. Die dritte Option wäre, die Energiewende zu verlangsamen und in dem System zu bleiben, in dem wir sind. Alle drei Optionen sind riskant. Die dritte Option ist vielleicht am riskantesten, wenn man sich die Entwicklung der Öl- und Gaspreise anschaut.
Die deutsche Regierung scheint die dritte Option zu wählen. Es wird zwar nicht vom Verlangsamen der Energiewende gesprochen, aber darauf läuft das geplante Angleichen oder "Synchronisieren" der unterschiedlichen Geschwindigkeiten hinaus.
Die Wege sind bekannt. Deutschland und andere europäische Länder setzen sich weiterhin einer extrem fragilen Welt aus, wenn sie sich an das alte System klammern. Niemand weiß, wie lange ein Zehntel des globalen Öls und ein Fünftel des globalen Flüssiggases auf dem Markt fehlen werden. Es weiß auch niemand, was weniger Tempo für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder bedeutet, denn während hier langsamer gemacht wird, beschleunigen andere Länder. Darunter sind viele Entwicklungsländer in Südostasien, von denen man es wahrscheinlich nicht erwarten würde. Das sieht man auch bei den Emissionen. Die sind 2025 in den OECD-Staaten das erste Mal in den vergangenen 30 Jahren schneller gestiegen als in den Entwicklungsländern. Dort war der Anstieg immer höher, weil die Energienachfrage so stark gewachsen ist.
Durch das Bevölkerungswachstum und weil bisher viel Strom mit Kohle erzeugt wurde?
Unter anderem. Jetzt ist das Emissionswachstum in den Entwicklungsländern so weit zurückgegangen, dass es sich auf europäischem Niveau befindet. Wenn Europa so weitermacht, werden unsere Emissionen bald langsamer fallen als in diesen Regionen.
Deutschland und Europa müssen den Weg in Richtung Elektrogesellschaft klar und zügig weitergehen und sich nur entscheiden, wo die notwendigen Technologien dafür herkommen: Fertigen wir sie selbst, mit anderen oder kaufen wir alles in China ein?
Den Weg muss man weitergehen. Die Weltwirtschaft wartet nicht auf Länder, die einen anderen einschlagen oder zögern. Der richtige Weg ist aber weder Autarkie noch komplette Offenheit, sondern kontrollierte Offenheit.
Kontrollierte Offenheit?
Das meint die schnelle Nutzung günstiger Technologien überall dort, wo die Risiken beherrschbar sind. Das betrifft Solarpanels, Batterien oder auch Wärmepumpen. Die kann man relativ einfach austauschen.
Bei Telekommunikationstechnologien bleibt man dagegen vorsichtig?
Genau. Wechselrichter, Smart Meter, Leittechnik und digitale Netzsteuerungssysteme sind nah an der Systemkontrolle dran. Damit kann man Strom nicht nur messen, sondern Energielieferungen und Energieservices auch steuern. Wenn diese Technologien kompromittiert werden oder der Hersteller keinen Support mehr leistet, kann das die Versorgungssicherheit gefährden. Deshalb muss Europa dafür eigene Fertigungs- und Systemkompetenzen aufbauen - nicht zwingend autark und allein. Das geht mit verlässlichen Partnern und Produktionshubs außerhalb der eigenen Grenzen.
Mit Maria Pastukhova sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.