Wirtschaft

Insekten als Superfood Die neuen Proteinbomben auf unseren Tellern

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Gewöhnungsbedürftiger Snack: Bislang haben sich Insekten in Deutschland noch nicht als Lebensmittel etabliert. Das ändert sich aber langsam.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie kriechen, klettern und krabbeln überall auf der Welt. Für die meisten Menschen sind sie unscheinbar bis eklig. Trotzdem steckt in ihnen ein gewaltiges Potenzial: Wissenschaftler diskutieren bereits die artgerechte Zucht.

Achteinhalb Milliarden Menschen werden laut UN-Bericht zur Weltbevölkerung im Jahr 2030 auf unserem Planeten leben. Tendenz: weiter steigend. Hungersnöte könnten bereits in naher Zukunft verheerender sein als das, was die Welt bisher gesehen hat. Eine Lösung für dieses Problem könnten kleine Krabbler wie Grillen, Heuschrecken oder Raupen sein. Auf der Insecta 2019 in Potsdam versuchen Wissenschaftler aus 38 Nationen unter anderem die Frage zu beantworten, wie Insekten als Lebensmittel salonfähig gemacht werden können.

Einer von ihnen ist Oliver Schlüter. Er koordiniert am Potsdamer Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) den Forschungsbereich zur Qualität und Sicherheit von Lebens- und Futtermitteln. Es gilt, die ganz großen Fragen über die ganz kleinen Lebewesen zu beantworten: Welche Arten werden für die Zucht ausgewählt, unter welchen Bedingungen müssen sie aufwachsen und wie kann man Insekten im industriellen Stil heranzüchten? Dazu hat das ATB die Insecta erstmals im Jahr 2015 ins Leben gerufen.

Für Schlüter sind die Tiere ein vielversprechendes Lebensmittel: "Insekten sind die ideale Ergänzung zu unserer Ernährung. Wir wissen, dass bereits für zwei Milliarden Menschen Insekten regelmäßig auf dem Speiseplan stehen. Trotzdem werden sie noch nicht großindustriell gezüchtet." Dabei bieten die kleinen Lebewesen viele Vorteile. So sei die Flächennutzung deutlich geringer als bei der Geflügel- oder Fleischzucht, ebenso sei die Futterverwertung besser. Die Menge, die der Züchter an die kleinen Tiere verfüttert, ist ähnlich groß wie seine Ausbeute, die er im Anschluss weiterverarbeiten kann.

Schädling oder Lebensmittel?

In der ethischen Bewertung des potenziellen Superfoods ist man sich aber noch nicht einig: Wie funktioniert eine artgerechte Haltung für Grillen, Heuschrecken oder Raupen? "Werden Grillen zu eng gehalten, kannibalisieren sie sich gegenseitig. Aus wirtschaftlicher Sicht bedeutet das natürlich Verlust", so Schlüter.

Ein weiterer Grund für Diskussionen sei die Frage, wie die Tiere getötet würden. "Insekten sind im kollektiven Gedächtnis eher als Schädling verankert. Da ist der Tod also besser zu akzeptieren, als wenn man eine Hauskatze überfahren hat", so der Wissenschaftler. Gängig seien das Einfrieren oder das Zermahlen von lebenden Tieren. "Das Schmerzempfinden, wie wir es besitzen, können Insekten nicht umsetzen. Deren Nervensystem ist völlig anders aufgebaut. Trotzdem muss der Tötungsprozess schnellstmöglich durchgeführt werden, das ist selbstverständlich", sagt Schlüter.

Noch sind die unscheinbaren Proteinbomben auf deutschen Tellern selten zu finden. Das ändert sich seit Anfang 2018. Durch eine neue EU-Verordnung dürfen Insekten seitdem als komplettes Tier oder alternativ als verarbeitetes Lebensmittel verkauft werden. Schlüter erkennt eine positive Entwicklung: "Ich glaube, dass sich das Thema etablieren wird. Mir scheint es, als wäre es in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt er.

Mit Grillen-Riegel auf Wachstumskurs

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Das Unternehmen von Alexander Pfaff produziert den Instinct-Riegel. Jeder einzelne beinhaltet 35 Grillen.

(Foto: Bearprotein GmbH)

Alexander Pfaff begrüßt das langsame Umdenken in der Bevölkerung. Er ist Gründer des Berliner Startups Bearprotein, das den ersten Bio-Insektenriegel Europas vertreibt. Der 40-jährige Wirtschaftswissenschaftler kam das erste Mal über einen ehemaligen Kommilitonen auf den Geschmack: "Ein großer Vorteil von Insekten ist, dass man keine Hormone oder Antibiotika braucht. Sie sind natürlich und nicht überzüchtet."

Die Wachstumszahlen des noch jungen Insekten-Startups sind vielversprechend. Aktuell werden seine Grillen-Riegel deutschlandweit in 250 Bio-Supermärkten verkauft. Die Entwicklung des Produkts dauerte seine Zeit, am Ende kam eine Proteinbombe aus gemahlenen Grillen im Format eine Müsliriegels heraus. Die streng kontrollierten Zuchttiere bezieht Pfaff aus Kanada. Dort seien die Vorschriften strenger als in der EU, sodass die Tiere unter nachhaltigeren Bedingungen heranwachsen könnten.

Er und seine Mitstreiter seien mit dem Ziel an den Start gegangen, Insekten als Lebensmittel bekannt zu machen. Den eigentlichen Plan, eine Insektenfarm aufzubauen, habe man aber schnell aufgegeben. "Der Markt dafür ist einfach noch nicht so weit." Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland in Sachen Insektenverzehr hinterher: "In Finnland haben bereits 80 Prozent der Bevölkerung schon einmal Insekten gegessen und auch Frankreich ist uns noch voraus", sagt Pfaff.

Im Gegensatz zu Wissenschaftler Schlüter glaubt Pfaff, dass über Insekten als Nahrungsmittel zu wenig gesprochen wird. Das Thema sei nie richtig präsent in der Gesellschaft. Dennoch stehen die Zeichen bei Pfaffs Unternehmen auf Wachstum: "Unsere Tests haben gezeigt, dass verarbeitete Insekten am besten funktionieren. Erst haben wir ganze Insekten verkauft, aber mit den Proteinriegeln haben wir heute fast dreimal so viele Abnehmer", sagt der Unternehmer.

Lecker Snack zum Bier

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Gar nicht mehr so befremdlich: Zermahlene Insekten können Lebensmitteln beigemischt werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch die Wissenschaft bescheinigt Pfaffs Unternehmensstrategie die besten Aussichten: Fabian Christandl von der Hochschule Fresenius hat mit Kollegen in einer 2018 veröffentlichten Studie herausgefunden, dass Insekten-Nahrung eher akzeptiert wird, wenn sie verarbeitet wurde. Der Wirtschaftspsychologe glaubt, dass der fehlende Hunger der Deutschen auf Krabbeltiere ein kulturelles Phänomen ist: "Insekten gelten in vielen anderen Kulturen überhaupt nicht als exotisch, beispielsweise im asiatischen Raum. Dort werden sie genauso als Snack zum Bier konsumiert wie bei uns Kartoffelchips."

Bis Insekten zum alltäglichen Lebensmittel werden, wird wohl noch einige Zeit verstreichen. "Viele Konsumenten empfinden Ekel bei dem Gedanken, ein Insekt zu essen. Informationen über die Produktion von Lebensmitteln aus Insekten können zwar eine rationale Grundlage liefern, diese Abneigung aufzugeben. Trotzdem dürfte es schwer werden, diese emotional bedingten Widerstände aufzubrechen."

Insecta-Veranstalter Schlüter ist da optimistischer. Er glaubt wie Unternehmer Pfaff, dass die Proteinbomben in Pasta, Riegeln oder Shakes den Weg ebnen könnten, um Insekten endgültig salonfähig zu machen: "Es kommen immer mehr Produkte auf den Markt, in denen die tierischen Proteine eingearbeitet sind. Da fangen die Lebensmittelproduzenten gerade an, sich richtig auszutoben", sagt er.

Quelle: n-tv.de

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