Energieschock auf der InselDarum hat Großbritannien die zweithöchsten Strompreise

Vor 25 Jahren hat Großbritannien die niedrigsten Strompreise der EU. Inzwischen kostet Strom so viel wie in Deutschland. Auch die Briten machen Fehler bei der Energiewende. "Der Ausbau von Windkraft an Land wurde vor etwa 15 Jahren praktisch abgedreht", sagt Jan Rosenow von der Universität Oxford im "Klima-Labor" von ntv. "Den Solarausbau hat die damalige Regierung auch verschlafen, weil sie die Einspeisevergütung nicht zahlen wollte." Stattdessen wurde voll auf teure Windparks in der Nordsee gesetzt. Und Gaskraftwerke. Dann kam der Ukraine-Krieg, jetzt der Iran. Kein Lichtblick? Doch. Inzwischen boomt Solar selbst auf der verregneten Insel. Die "Einstiegsdroge" auch.
ntv.de: Wie werden der Iran-Krieg und die neue Energiekrise in Großbritannien aufgenommen?
Jan Rosenow: Nigel Farage und seine Partei Reform UK wollten Klimaneutralität bereits vor dem Iran-Krieg als politisches Ziel kippen. Die wollen weg von Net Zero, wie es hier heißt, und wieder Öl und Gas in der Nordsee fördern. Diese Diskussion hat durch den Krieg Aufwind bekommen. Wir erleben die vielleicht schwerste Energiekrise der Geschichte. Die Öl- und Gaspreise werden sicherlich monatelang hoch bleiben, weil vor Ort viel Infrastruktur zerstört wurde.
Großbritannien importiert enorm viel Gas, richtig?
Mittlerweile ja. In den 1990er Jahren kam das meiste Gas aus eigenen Vorkommen in der Nordsee. Inzwischen ist Norwegen ein wichtiger Versorger. Großbritannien bezieht aber auch zusehends Flüssiggas. Theoretisch kann man die Öl- und Gasimporte aus der Golfregion mit heimischer Förderung ersetzen.
So wie vor Borkum?
Ja. Einige Unternehmen verkaufen das als super Chance für die britische Energieversorgung, aber die britischen Erdgasvorkommen sind bereits zu etwa 90 Prozent erschöpft. Bisher weigert sich die Regierung, neue Bohrlizenzen herauszugeben. Der Druck wächst aber mit jedem Tag hoher Energiepreise. Die Energiekosten sind wegen der globalen Gaspreise enorm gestiegen.
Könnten neue Bohrungen in der Nordsee tatsächlich einen Unterschied machen?
Nicht wirklich. Es würde einige Jahre dauern, um überhaupt nennenswerte Mengen fördern zu können. Diese Mengen wären so gering, dass Großbritannien weiterhin Öl und Gas im Ausland einkaufen müsste und die Energiepreise eher nicht gedrückt werden. Und wenn die internationalen Preise hoch bleiben: Warum sollten die Unternehmen ihr Gas mit Rabatt an Großbritannien und nicht an den meistbietenden Abnehmer verkaufen? Das wurde nicht zu Ende gedacht. Deshalb bleibt die Energiewende langfristig das vielversprechendste Projekt, um vor diesen Preisschocks zu schützen.
Wäre die eigene, wenn auch kleine Förderung nicht trotzdem ein angebrachtes Zeichen der Unabhängigkeit? In Deutschland entfallen derzeit 20 Prozent des Energiebedarfs auf Strom. Wir benötigen Gas. Das beschaffen wir lieber selbst, als uns von Donald Trump oder Wladimir Putin abhängig zu machen, oder?
Das ist in Großbritannien ähnlich und wird mit Elektromobilität und Wärmepumpen langsam mehr. Die Potenziale sind höher. Theoretisch könnte man bis zu 75 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs mit bestehenden Technologien elektrifizieren.
Und als Kompromiss fördern wir das Gas für den Restbedarf lieber in heimischen Gewässern vor der Haustür, als auf LNG-Tanker aus den USA zu warten.
Das kann man diskutieren. Es ist nicht besser, Flüssiggas aus Katar oder den USA zu verbrauchen als aus der Nordsee. Aber die Unterstützer lehnen sich sehr weit aus dem Fenster. Man sollte die heimische Förderung nicht als Allheilmittel darstellen. Besonders frustrierend ist, dass Klimaziele in dieser Diskussion keine Rolle spielen, obwohl es das wichtigste Problem ist, das global gelöst werden muss. Es kann nicht das Ziel sein, bestehende fossile Importe mit heimischen Fossilen zu ersetzen.
Was würden Sie tun? Vor 25 Jahren hatte Großbritannien die niedrigsten Strompreise der EU. Dann kam die Energiewende. Inzwischen ist der Strom genauso teuer wie in Deutschland.
Bei den Industriestrompreisen ist Großbritannien sogar europäischer Spitzenreiter. Sie sind nie gefallen, sondern kontinuierlich gestiegen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist, dass in Großbritannien der Gaspreis fast immer den Strompreis diktiert.
Wie in Deutschland?
Extremer, weil die letzten Kohlekraftwerke bereits abgeschaltet wurden.
Es gibt keine Alternative zu Gaskraftwerken, falls der Gaspreis nach oben schießt?
Genau. Auf der Stromrechnung machen die Strombeziehungskosten ungefähr die Hälfte des Preises aus. Der Netzausbau ist wie in Deutschland der andere große Bestandteil. Der Stromverbrauch wird sich in den nächsten Jahrzehnten durch die Elektrifizierung mindestens verdoppeln, vielleicht sogar vervierfachen. Die Investitionskosten sieht man auf der Stromrechnung - genauso wie eine alte Förderung von Erneuerbaren, eine frühe Einspeisevergütung und auch eine frühe Förderung von Offshore-Windkraft. Großbritannien erhebt viele Umlagen und Abgaben.
Zum Beispiel auch für den Einbau von Smartmetern und für den Kapazitätsmarkt, der in Deutschland noch für die neuen Gaskraftwerke eingerichtet werden muss. Die britische Regierung erhebt außerdem eine Abgabe für ein neues Atomkraftwerk, das gebaut werden soll, für das aber kein privater Geldgeber gefunden wurde.
Diese Ausgaben summieren sich. Es wird diskutiert, einige Komponenten von der Stromrechnung zu entkoppeln. Das wäre die einfachste Möglichkeit, die Strompreise zu reduzieren. Die Frage ist: Wer zahlt stattdessen? So viele Optionen gibt es nicht. Der öffentliche Haushalt ist angespannt. Niemand will die Lücke um mehrere Milliarden Pfund vergrößern.
Wurden wie in Deutschland Fehler bei der Energiewende selbst gemacht? Beim Netzausbau? Oder sind die Gaskraftwerke und die zahlreichen Umlagen der einzige Grund für die hohen Strompreise?
Ein großer Fehler war, dass man den Ausbau von Windkraft an Land vor 10, 15 Jahren praktisch abgedreht hat. Die Regelung war drastisch. De facto konnten keine Onshore-Windparks gebaut werden.
Das bayerische Modell?
So in etwa. Es musste nur eine Person Widerspruch erheben und das Projekt wurde gekippt. Deshalb sieht man Windräder an Land fast nie. Das wird beim Netzanschluss zum Problem: Ein Windrad in der Nähe einer Ortschaft kann man schneller und günstiger anschließen als einen Windpark in der Nordsee. Im Offshore-Bereich muss man viel Geld in neue Stromleitungen investieren.
Mehr Windkraft an Land reduziert die Kosten für den Netzausbau?
Ja. Großbritannien hat auch den Solarausbau verschlafen. Hier haben erst fünf Prozent der Häuser eine Solaranlage auf dem Dach.
Weil man klischeehaft dachte, dass es nur regnet und sich Solarenergie nicht lohnt?
Die damalige Tory-Regierung von Premierminister David Cameron wollte die Einspeisevergütung für neue Solaranlagen nicht mehr bezahlen. Vor gut zehn Jahren gab es außerdem die Idee, alle Neubauten mit einer Solaranlage auszustatten. Diese Regel wurde ebenfalls gekippt. Jetzt gibt es riesigen Aufholbedarf. Der britische Markt boomt nach den guten Erfahrungen in Deutschland und anderen Ländern.
Gibt es Sorgen vor der Dunkelflaute?
Die Debatte wird geführt, aber längst nicht so hitzig wie in Deutschland, denn in diesem Punkt hilft die Nordsee: Die Stromerzeugung der Offshore-Windparks korreliert mit dem Wärmeverbrauch. Wenn es kalt ist und die Leute heizen wollen, herrscht besonders guter Wind. Auch in Großbritannien sollen deshalb viele Wärmepumpen installiert werden.
Wie läuft es im Wärmebereich?
Als ich 2006 nach Großbritannien gezogen bin, war ich schockiert. Die meisten Gebäude bestanden aus Backsteinen, Einfachverglasung und sonst nichts. Daran hat sich nicht viel geändert. Sie sind nicht isoliert. Das Problem ist, dass 85 Prozent aller Gebäude außerdem eine Gasheizung haben, weil Gas früher so günstig war. Der Wärmepumpen-Ausbau geht langsam voran. Großbritannien hinkt Deutschland hinterher. Von Ländern wie Schweden oder Dänemark möchte ich gar nicht sprechen.
Woran hapert es?
Das ist eine Preisdiskussion, die von allen Mythen begleitet wird, die rund um die Wärmepumpe existieren: Damit kann man keinen Altbau beheizen. Das funktioniert nur mit guter Isolierung. Das klappt nicht, wenn es wirklich kalt ist. Der Trend ist aber wie in Deutschland. Der Markt wächst trotz der polarisierenden Debatte. Das Marktvolumen hat sich in den vergangenen Jahren vervierfacht.
Polarisieren E-Autos auch?
Elektromobilität ist ein einfacheres Thema. Der Anteil der E-Autos ist höher als in Deutschland. Die Ladeinfrastruktur ist gut ausgebaut. Das Komitee, das die Regierung bei der Umsetzung der Klimaziele berät, sagt: Elektromobilität ist ein Bereich, bei dem wir auf Kurs sind.
Sieht man viele chinesische Modelle auf den Straßen?
Das ist gemischt. Man sieht E-Autos von Mercedes, BMW und VW, aber auch viele Tesla. Die Elon-Musk-Diskussion hatte keinen so großen Einfluss auf die Verkaufszahlen wie in Deutschland. BYD drängt ebenfalls in den Markt. Die bieten inzwischen gemeinsam mit dem Energieversorger Octopus Energy einen Deal an: Für weniger als 300 Pfund im Monat bekommt man E-Auto und zu Hause eine Ladesäule, die man ohne Aufschlag nutzen kann. Im Gegenzug darf Octopus das E-Auto nutzen und Strom ins Netz einspeisen.
Um das Netz zu stabilisieren?
Auch. Das Auto wird geladen, wenn Strom günstig ist. Wenn der Bedarf und somit der Strompreis steigen, wird er eingespeist und man verdient Geld. Das nimmt zu. 70 Prozent der britischen Haushalte verfügen bereits über ein Smart Meter. Ungefähr ein Drittel aller E-Auto-Besitzerinnen und -Besitzer nutzt bereits flexible Tarife. Die britische Bevölkerung ist experimentierfreudiger als die deutsche.
Und öffnet sich deshalb für andere Technologien wie Solaranlage und Wärmepumpe?
Auf jeden Fall. Der Octopus-Chef hat mal gesagt: Elektroautos sind die Einstiegsdroge für die Dekarbonisierung im Haushalt. Die Leute probieren sie und merken, dass es funktioniert. Dann kommt die Solaranlage, dann Batteriespeicher und Wärmepumpe. Plötzlich ist das ganze Haus elektrifiziert.
Und senkt die Energiekosten? Die aktuelle Labour-Regierung verspricht, dass ein typischer Einfamilien-Haushalt in vier Jahren 300 Pfund weniger zahlt als heute. Das sind 350 Euro.
In 20 Jahren sind die Energiepreise sicherlich niedriger als heute. Kurzfristig müssen unglaubliche Investitionen gestemmt werden, die man derzeit über die Stromrechnung finanziert. Ich kann nicht erkennen, wie man das ändern will. Die Labour-Regierung hat zum 1. April bereits einen Teil der Umlagen von der Stromrechnung entfernt. Das sollte die jährlichen Stromkosten um ungefähr 150 Euro senken. Was ist passiert? Die globalen Gaskosten sind massiv nach oben gegangen …
Mit Jan Rosenow sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.