Wirtschaft

Reaktionen auf den Euro-Zinsentscheid Experten zweifeln an der EZB-Strategie

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"Mit den Problemen alleingelassen": Für die Eurozone wird es wohl schwieriger.

(Foto: REUTERS)

Die Europäische Zentralbank öffnet ihre Scheusen: Die Währungshüter senken den Euro-Leitzins auf 0,75 Prozent - den niedrigste Stand in der Geschichte des Euro. Ein Kursspektakel bleibt aus. Reihenweise melden sich skeptische Stimmen zu Wort. Ein Überblick.

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"Der Schritt ist vornehmlich symbolischer Natur."

(Foto: REUTERS)

Die hat Experten und Investoren zunächst nicht überzeugen können. An den Börsen gaben die Aktienkurse europaweit nach, der Euro rutschte um eineinhalb US-Cent unter die Marke von 1,24 Dollar. Analysten reagierten sehr skeptisch. Die Marktteilnehmer schienen von den Maßnahmen der Währungshüter ebenfalls wenig überzeugt.

Metzler-Analyst Eugen Keller machte für die Kursrückgänge an den Märkten vor allem die pessimistischen Töne von EZB-Präsident Mario Draghi auf der Pressenkonferenz verantwortlich. "Viele haben erkannt, dass es für die Wirtschaft kurzfristig schwerer wird. Bis zur EZB-Sitzung hatten die Anleger gehofft, dass die Notenbank noch mehr gegen die Schuldenkrise unternimmt, aber jetzt ist man mit den Problemen alleingelassen worden."

Einige Börsianer hatten neue Liquiditätsspritzen - oder wenigsten deren Ankündigung - gefordert. Andere hofften auf eine Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms. Draghi deutete indes weder die eine noch die andere Maßnahme an. Überrascht zeigten sich viele Analysten von der Entscheidung der EZB, den Einlagezins auf null zu senken. Experten bezweifelten, dass damit der dahinsiechende Interbankenhandel wieder in Gang kommt.

"Der Schritt ist vornehmlich symbolischer Natur", kommentierte IMK-Direktor Gustav Horn die Zinssenkung. "Auf der einen Seite signalisiert die EZB mit ihm, dass sie der Rezession im Euroraum Rechnung trägt. Dies mag helfen, die Märkte ruhig zu halten und die Erwartungen zu stabilisieren. Auf der anderen Seite überlagert die Krise des Euroraums diesen positiven Aspekt völlig."

In einem derart unsicheren ökonomischen Umfeld würden auch die niedrigen Zinsen die Unternehmen nicht zu spürbar erhöhten Investitionen anregen, meinte Horn weiter. "Daher bleibt die Überwindung dieser Krise die dringlichste Herausforderung für die europäische Wirtschaftspolitik."

"Teuer erkaufte Atempause"

Der frühere Bundesbanker und heutige Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands öffentlicher Banken (VÖB), Hans Reckers, sparte nicht mit Kritik: "Die Leitzinsentscheidung verschafft den EU-Krisenstaaten zwar Luft, um überfällige Reformen umzusetzen und die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaften zu verbessern. Diese Atempause hat aber nur kurzfristige Wirkungen und ist zudem teuer erkauft."

Kai Carstensen vom Münchener Ifo-Institut nannte die seiner Ansicht nach wahren Adressaten der Maßnahme: "Aus meiner Sicht ist die Zinssenkung am ehesten als zusätzlicher Schritt bei der Subventionierung von schwächelnden Banken zu verstehen."

Auch Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon sah keinen Grund für Euphorie: "Einen nennenswerten konjunkturellen Effekt wird diese Zinssenkung von "nahe Null" auf "noch näher Null" nicht haben." Ökonomen sahen das ähnlich. "Rein ökonomisch dürfte der Effekt der Zinssenkung gering sein", bestätigte Volkswirt Thomas Amend von HSBC Trinkaus. Die Kappung des Leitzinses auf 0,75 Prozent dürfte eher psychologische Effekte haben, denn die Zinsen seien schon vorher extrem niedrig gewesen. "Die Politik ist weiterhin am Zug, die Beschlüsse des EU-Gipfels umzusetzen und weitere Maßnahmen gegen die Schuldenkrise zu finden."

"Der Anleger muss zusehen"

Aus der ergeben sich aus der Zinssenkung nur begrenzte Konsequenzen: Die Banken dürften die niedrigeren Zinsen nach Ansicht der Experten wie bislang üblich nur mit zeitlicher Verzögerung und auch nicht in vollem Umfang weitergeben - etwa in Form von günstigeren Konditionen für Kredite. Auf der anderen Seite macht die Zinssenkung die Spareinlagen der Bankkunden immer unattraktiver, denn deren Zinsen werden meist rasch in Folge eines solchen EZB-Schritts gesenkt.

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"Der Trend zur Flucht in Sachwerte wird beschleunigt."

(Foto: REUTERS)

Bereinigt um die aktuelle Preissteigerung von rund zwei Prozent sind die Renditen bereits heute oft negativ. Die Folge: "Der Trend zur Flucht in Sachwerte wird durch die Zinssenkung noch beschleunigt", erklärt Reckers. Ähnliches befürchtet Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: "Der Anleger muss zusehen, wie sein Geld immer mehr an Kaufkraft verliert".

Ihren Einlagensatz hat die EZB auf null Prozent gesenkt. Die Institute bekommen also keine Zinsen mehr von den Währungshütern, wenn sie Geld über Nacht bei der Zentralbank parken. Damit sollen die Banken ermuntert werden, sich untereinander wieder mehr Geld zu leihen. Allerdings bildet der Einlagensatz der EZB gleichzeitig die Untergrenze für Zinsen auf Tagesgeld. Verbraucher müssen also damit rechnen, auf ihre Tagesgeldkonten weniger Zinsen zu bekommen als bisher. "Dieser Schritt wurde von den Banken schon einkalkuliert", sagte Verbraucherschutzexperte Nauhauser. Bereits in den letzten Wochen hatten viele Geldhäuser die entsprechenden Sätze gesenkt.

Kaum Auswirkungen auf die Zinsen

Generell haben Banken die Entscheidung der Notenbank oft schon längst in die Zinssätze eingerechnet. "Ich glaube nicht, dass Banken ihre Kredite jetzt zu besseren Konditionen anbieten", meinte Dekabank-Volkswirt Kristian Tödtmann. Schließlich müssten die Institute weiter für jeden vergebenen Kredit Sicherheiten hinterlegen. Wie risikoscheu die Banken mittlerweile geworden sind, zeigt auch der Blick auf die Dispozinsen. Diese sinken normalerweise, wenn das gesamte Zinsniveau niedriger wird. Im Moment sind die Gebühren für ein überzogenes Girokonto unverändert hoch. Der durchschnittliche Überziehungszins beträgt nach Berechnungen der Verbraucherschützer rund elf Prozent, in der Spitze sind es 15 Prozent.

Auch bei Hypothekenkrediten sind keine großen Änderungen zu erwarten. Denn dabei handelt es sich meistens um lang laufende Darlehen, die nicht sofort auf Änderungen bei den kurzfristigen Zinsen reagieren. "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Konditionen für Baukredite eher von der Entwicklung längerfristiger Anlagen wie Pfandbriefe oder Bundesanleihen abhängen", sagte Tödtmann. Profitieren könnten Bankkunden höchstens, wenn die Geldhäuser wieder mehr Kredite vergeben würden. Angesichts der anhaltenden Turbulenzen auf den Finanzmärkten durch die Staatsschuldenkrise sehe es danach aber vorerst nicht aus. "Ich erwarte, dass die Kreditvergabe in den nächsten Monaten weiterhin stagniert", sagt Tödtmann.

Parallele Schritte in London und Peking

Mit der Zinssenkung schloss sich die EZB den Notenbanken von Großbritannien und China an, die ihrerseits kurz zuvor eine Lockerung der Geldpolitik bekanntgegeben hatten. China hatte überraschend den Einlagezins um 25 Basispunkte auf drei Prozent gesenkt und den Zins für Ausleihen um 31 Basispunkte auf sechs Prozent gekappt. Zugleich beschloss Großbritannien, zum dritten Mal seit Krisenbeginn die Notenpresse anzuwerfen und ein Anleihe-Rückkaufprogramm über 50 Mrd. Pfund zu starten.

Der Dax schloss am Tag der EZB-Entscheidung 0,5 Prozent niedriger bei 6535,56 Punkten. Der Eurostoxx50 beendete den Tag mit einem Minus von 1,1 Prozent bei 2286 Zählern. In Madrid und Mailand ging es mit drei und zwei Prozent noch deutlicher bergab. Auch die europäischen Bankaktien konnten von dem Zinsentscheid nicht profitieren - der Stoxx-Branchenindex schloss 1,2 Prozent tiefer.

Im Dax verloren Commerzbank und Deutsche Bank 2,4 und 1,6 Prozent. An den US-Börsen hielten sich die Anleger ebenfalls zurück, obwohl der Arbeitsmarktbericht des privaten Anbieters ADP überraschend gut ausgefallen war.

Am gab der Euro auf 1,2374 Dollar nach - am Vorabend in New York hatte er noch bei 1,2525 Dollar gelegen. Der Bund-Future stieg um 83 Ticks auf 143,15 Zähler. Die Renditen für spanische und italienische Anleihen zogen nach einigen Tagen der Entspannung wieder an.

Der Preis für Gold fiel zeitweise um mehr als ein Prozent und notierte später noch 0,5 Prozent im Minus bei 1607 Dollar pro Feinunze. Am Terminmarkt für Rohöl kletterte der Preis für die Nordsee-Sorte Brent um 1,4 Prozent auf 101,16 Dollar pro Barrel. Dort wurden die Kurse allerdings vor allem vom Arbeitskampf in der norwegischen Ölindustrie und den überraschend starken Rückgang der US-Öllagerbestände bestimmt.

Quelle: ntv.de, mmo/rts

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