Wirtschaft

Ende einer Anti-Klimakampagne "Hatten Angst, den Weg der Tabakindustrie zu gehen"

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Mit George W. Bush als US-Präsidenten würde es keinen Klimaschutz geben, davon war die Global Climate Coalition überzeugt.

(Foto: REUTERS)

In den 90er Jahren organisieren sich die größten und wichtigsten US-Unternehmen in der Global Climate Coalition, um Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu wecken - ohne, dass es die Öffentlichkeit merkt. Erfolgreich, wie man noch heute spürt. Denn die amerikanischen Industriegiganten prägen die "False Balance", wie der Vorsitzende der Deutschen Umweltstiftung Jörg Sommer im "Klima-Labor" von ntv erklärt. Die vermeintliche Klimakoalition stattet klimakritische Forscher aus und platziert sie in Medien. "Und weil die auch einen Professorentitel haben und in Talkshows maximal zwei Protagonisten von jeder Seite eingeladen werden, gewinnen Zuschauer den Eindruck: Offensichtlich ist sich die Wissenschaft nicht einig." Erst, als die ersten Unternehmen ein schlechtes Gewissen bekommen, fliegt die weitreichende Einflussnahme auf. Eine neue Studie trägt zusammen, wer daran beteiligt war - in der Hoffnung, die Unternehmen für den Schaden, den sie angerichtet haben, belangen zu können.

ntv: Das US-amerikanische Umweltmagazin "Grist" hat im April über die Global Climate Coalition geschrieben: Sie haben Klimaschutz ein Jahrzehnt lang gestoppt. Und dann damit angegeben. Stimmen Sie zu?

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Auch heute versuchen große Unternehmen Klimaschutz zu umgehen, sagt Jörg Sommer.

(Foto: Umweltbundesamt)

Jörg Sommer: Ja und nein. Das war definitiv das Ziel dieser Koalition, aber der Fokus lag in den USA. An der Klimakoalition waren fast ausschließlich US-Unternehmen beteiligt und wir wissen natürlich auch, dass die USA in dieser Zeit - in den 80er und 90er Jahren - nicht wirklich eine Rolle in der internationalen Klimaschutzbewegung gespielt haben. Ich habe trotzdem den Eindruck, dass es eine besonders effiziente industriepolitische Initiative war, gesellschaftlichen Fortschritt zu verhindern. Das lag sicherlich auch daran, dass besonders viele sehr umsatzstarke Unternehmen beteiligt waren.

Wer genau war denn Teil dieser Klimakoalition?

Tatsächlich war so ziemlich jedes große US-Unternehmen beteiligt, das direkt oder indirekt mit der Mineralölindustrie zu tun hatte und kein Interesse an einer Veränderung hatte. Koordiniert wurde die Gründung durch das American Petroleum Institut (API). Shell und Exxon waren drin, später auch BP. Auch die Automobilhersteller. In der Phase, als es die krachend gescheiterte Fusion von Daimler-Chrysler gab, auch Daimler. Es war die amerikanische Handelskammer drin, die mit unserem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vergleichbar ist, und dadurch die gesamte relevante US-Wirtschaft. Dow Chemical und die Chemiebranche waren natürlich drin, weil die auch Mineralöl-basiert ist.

Und dann haben die unbemerkt von der Öffentlichkeit den Klimaschutz unterwandert?

Das ist Teil des Erfolges: Gute Lobby- und PR-Arbeit entdeckt man nicht rechtzeitig. Im Grunde sind sie auch erst aufgeflogen, als die ersten Unternehmen anfingen, ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Das erste war Shell.

Weil man Angst hatte, man könnte schlecht dastehen?

Sie hatten Sorge, irgendwann so zu enden wie die amerikanische Tabakindustrie. Die hatte sich so in ihren Lügen und gefälschten Gutachten verstrickt, dass es am Ende einen riesigen ökonomischen Schaden gab. Deshalb hat man das sanft auslaufen lassen. Dann sind Dokumente, Mitgliederlisten, Budgets, Verträge und so weiter geleakt worden. Daher weiß man inzwischen genau, zu welchem Honorarsatz sie Professoren für falschen Leumund eingekauft haben. Das war der Hintergrund.

Tatsächlich war die Initiative anfangs auch gar nicht an die Öffentlichkeit gerichtet, sondern gegen den Weltklimarat IPCC und die zu erwartenden Berichte, von denen man in dieser Branche sehr genau wusste, in welche Richtung die laufen würden. Das waren keine Akteure, die nicht an den Klimawandel geglaubt haben und ihre Sicht der Dinge kommunizieren wollten. Die wussten genau, was ihnen bevorsteht. Deshalb wollten sie den IPCC und dessen wissenschaftliche Qualität diskreditieren. Dafür haben sie Professoren eingekauft, von denen sie wussten, dass die den Klimawandel anzweifeln. Die hat man in Talkshows und Medien gebracht, finanziell ausgestattet, abhängig gemacht.

Und damit haben sie den IPCC erfolgreich diskreditiert?

Wo finde ich das Klima-Labor?

Das Klima-Labor finden Sie bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Dafür müssen wir zurückgehen in die Gesellschaft der 80er und 90er Jahre. In den USA ist das Lügen im politischen Betrieb etwas völlig Normales. Die Wähler erwarten durchaus, belogen zu werden. Ein US-Politiker tritt eher wegen eines Sexskandals zurück als wegen einer Lüge.

Wer lügt, wird sogar Präsident.

Ja. Was wir mit Trump erlebt haben, ist eine Spätfolge davon. Ein Nachwuchspolitiker hat mal "It's politics, you have to lie" in einem CNN-Interview gesagt: In der Politik muss man lügen. Das war nie verwerflich. Wenn ich dann hinter mir Unternehmen mit unglaublichem Umsatz und Finanzmacht habe, kann ich diese Lügen natürlich in amerikanischen Medien sehr gut platzieren: Ich kaufe mir Wissenschaftler, ganze Talkshows oder Sender. Wir alle wissen, wie Trump groß geworden ist. Das ist eine Gesellschaft, in der schon immer mit unglaublichen Summen hantiert wurde, auch in Wahlkämpfen. Damit kann man Meinungsbildung betreiben. Es ist schwer, das zu belegen, aber wenn sie es wirklich geschafft haben, zehn Jahre lang entscheidende Klimaschutzmaßnahmen zu verhindern, reden wir bei der Mitgliederliste - nageln Sie mich nicht auf den Euro fest - von Hunderten Milliarden Euro Gewinn.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für so eine Lüge?

Das Grundkonzept war die sogenannte "False Balance".

"Wir müssen beide Seiten hören."

Genau. 1000 Wissenschaftler sagen fundiert, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt. Denen stellt man zwei gegenüber, die sagen: 'Nö, das ist noch nicht bewiesen.' Und weil die auch einen Professorentitel haben und in die Talkshow maximal zwei Protagonisten von jeder Seite eingeladen werden, gewinnen Zuschauer ohne wissenschaftlichen Hintergrund irgendwann den Eindruck: Offensichtlich ist sich die Wissenschaft nicht einig. Wir haben das auch in der Corona-Pandemie erlebt, es gibt zu jeder Meinung einen passenden Virologen.

Und das hat wirklich funktioniert?

Das ist natürlich nur zu einem gewissen Grad empirisch messbar. Wir wissen aber, dass Donald Trump den ganzen Quatsch um ein Vielfaches multipliziert hat und vor fünf Jahren trotzdem US-Präsident wurde. Bei seiner Wahlniederlage hat er sogar mehr Stimmen erhalten als bei seinem Sieg. Das bedeutet, dass man ungefähr die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung immer noch mit solchen Positionen einfangen kann. Das hat eine enorme Wirkung.

Ein Mineralölkonzern hatte außerdem Plakatwerbung mit einer Verabredung gemacht. Mann und Frau treffen sich zum Abendessen, dann stand dort sinngemäß: Stellt Euch das einmal ohne Öl vor … das Auto hatte keine Reifen, auf dem Tisch lag nichts zu Essen, das Treffen fand nie statt und so weiter. Die Botschaft war mehr oder weniger: Ohne uns könnt ihr kein lebenswertes Leben führen.

Ist Ihnen aufgefallen, dass es diese Werbespots nicht mehr gibt? Das hat aber nichts damit zu tun, dass die Unternehmen plötzlich ihr gutes Gewissen entdeckt haben.

Sondern?

Die Unternehmen sind klüger geworden. So wie natürlich auch die Umweltbewegung klüger und erfolgreicher geworden ist. Vor 20 Jahren sah es noch nicht so aus, als könnte man Klimaschutz in Regierungshandeln ummünzen.

Deshalb hat sich die Klimakoalition aufgelöst?

Nein, das hatte zwei andere Gründe. Der erste war, dass man Angst bekam, den Weg der Tabakindustrie zu gehen. Das zweite war, dass man in den 2000er Jahren mit George W. Bush einen US-Präsidenten hatte, von dem man sich sehr sicher war, dass er sowieso keine Klimapolitik umsetzt. Da konnte man die Initiative mit gutem Gewissen verlassen. Aber die Unternehmen heute sind die gleichen wie damals, sie fahren nur andere Strategien - angepasst an die öffentliche Debatte. Jetzt kaufen sie Zertifikate und stellen sich als klimaneutral dar. Das erfordert überhaupt keine Veränderung in meinem Handeln. Man muss nur in der Lieferkette gucken, welche Artikel die bessere CO2-Bilanz haben. Das sind wunderbare Marketing-Instrumente. In den sozialen Medien können Sie im Stundentakt lesen, welches Unternehmen wann klimaneutral wird.

Ein Thema, das wir auch schon diskutiert haben.

Ja. Die zweite Strategie ist perfider, dabei wird die Nachhaltigkeit als Bremse für Veränderung ausgenutzt. Man hört dann zum Beispiel vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), dass man die ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgen immer neu ausbalancieren müsse. Das ist angesichts der globalen Situation - mit Verlaub - Bullshit. Wir ruinieren Umwelt, Klima, Tierarten, Ressourcen – es gibt nichts auszubalancieren. Unser Planet hat ökologische Grenzen, die man nicht verhandeln kann. Man kann nur versuchen, innerhalb dieser Grenzen wirtschaftlich zu handeln.

Und die dritte Strategie?

Das Dritte sehen wir bei der Ukraine: Die globalen Krisen sind so bedrohlich, dass wir erst einmal Druck aus den ökologischen Maßnahmen rausnehmen müssen. Die Wirtschaft ist gerade wichtiger. Erst, wenn diese Krise vorbei ist, können wir über Ökologie reden.

Aber gerade jetzt wird doch der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien gefordert.

Das hören Sie aber nur von einem sehr kleinen Teil der Wirtschaft. Nur zwei Beispiele: die Landwirtschaft, die landwirtschaftliche Schutzgebiete aufweichen möchte. Das zweite ist die Atompolitik: Wir müssen bitte wieder Atomkraftwerke anschalten, weil wir das Gas von Putin nicht mehr kaufen wollen. Zwei Stichworte, aber es gibt noch viel mehr.

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Auch darüber haben wir schon sehr ausführlich gesprochen. Ist die Initative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ebenfalls eine Fortschreibung dieser Klimakoalition? Die hatte großen Anteil daran, den deutschen Solarausbau zu stoppen. Daran fühlt man sich beim Lesen ein bisschen erinnert.

Die Struktur ist vergleichbar, aber die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist aus einem anderen Grund entstanden: Es ging nicht um ökologische Themen, sondern um das Niederhalten sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Vorstellungen. Die "neue soziale Marktwirtschaft" war nie besonders sozial.

Die Global Climate Coalition war auch nicht besonders klimafreundlich. Kommt daher auch dieser Begriff "Ökodiktatur", der gerne verwendet wird? Klimaschutz funktioniert nur dann, wenn man ihm alles andere unterordnet?

Ja und nein. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Ökodiktatur gefordert zu haben, im Gegenteil. Ich engagiere mich selbst nicht nur für ökologische, sondern auch demokratische Themen. Aber in einer gewissen Art und Weise leben wir natürlich in einer Ökodiktatur. Warum? Das Ökosystem diktiert, was wir an Ressourcen haben. Punkt. Der Planet ist begrenzt. Das, was da ist, müssen wir uns mit sieben oder acht Milliarden Menschen teilen. Wenn wir das auch noch gerecht machen wollen, sind wir umso mehr angehalten, diese Grenzen anzuerkennen und uns in ihrem Rahmen zu bewegen. Darüber kann man jammern, aber das ist nicht verhandelbar.

Der Soziologe, der das Handeln der Klimakoalition untersucht hat, hofft, dass seine Ergebnisse dabei helfen könnten, die beteiligten Unternehmen vor Gericht zu belangen. Haben Sie etwas in diese Richtung gehört? Es sind ja riesige Summe in Konzernkassen geflossen.

Es gibt Bemühungen und auch ein paar internationale Organisationen von Juristen, die versuchen, große Konzerne in Musterprozessen zu beklagen. Manchmal erfolgreich, häufig nicht. Ich sehe nicht viel Erfolgspotenzial, denn noch einmal: Was war wirklich illegal? Es ist kein Verbrechen, zu lügen - außer im Zeugenstand. Es ist auch kein Verbrechen, einen Wissenschaftler finanziell zu unterstützen, wenn er daraufhin dieselben Dinge sagt, die er schon vorher gesagt hat - nur lauter.

Aber sind solche Untersuchungen der Tabakindustrie nicht später auch auf die Füße gefallen?

Die Tabakindustrie hat eiskalt Gutachten und Zahlen gefälscht. Das ist eine andere Geschichte. Dort ging es auch um die unmittelbare menschliche Gesundheit - übrigens die Argumentationskette der Fridays-For-Future-Leute vor dem Bundesverfassungsgericht: Es geht um die Gesundheit von zukünftigen Generationen. Aber ich glaube, dass vieles davon nicht so einfach beklagt werden kann. Deshalb fordert eine andere Initiative, dass wir den Klimaschutz im Grundgesetz verankern. Dann könnten Wälder und Flüsse Unternehmen indirekt über Stakeholder selbst verklagen. Das ist natürlich eine hehre Geschichte, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir den richtigen Weg beschreiten, wenn wir der Natur großzügig Rechte gewähren. Das ist der gleiche Ansatz, der uns die Misere gebracht hat, nämlich die Idee, dass wir die Herrscher des Planeten sind. Mein Ansatz ist schon, dass die Natur eine Diktatur ist, die uns Möglichkeiten gibt, mit denen wir umgehen müssen.

Und wenn wir die Möglichkeiten missbrauchen, bekommen wir Hitzewellen, Dürren und Stürme?

Absolut. Die Ökosysteme der Natur sind unglaublich träge. Aber wenn die mal ins Rollen kommen, kennen sie kein Pardon. Am Ende sind wir Menschen ohne Technik kleine Würstchen. Der einzelne hat in der Antarktis eine Überlebensperspektive von ein paar Stunden.

Mit Jörg Sommer sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch ist zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet worden.

Klima-Labor von ntv

Was hilft gegen den Klimawandel? Klima-Labor ist der ntv-Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen und Behauptungen prüfen, die toll klingen, es aber selten sind. Klimaneutrale Unternehmen? Gelogen. Klimakiller Kuh? Irreführend. Aufforsten? Verschärft Probleme. CO2-Preise für Verbraucher? Unausweichlich. Windräder? Werden systematisch verhindert.

Das Klima-Labor - jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert und aufräumt. Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Quelle: ntv.de

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