Wirtschaft

Volkswagens "Zukunftspakt" In Wolfsburg droht neuer Ärger

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VW-Werk in Wolfsburg: Der Konzern muss effizienter werden.

(Foto: dpa)

Der Autobauer VW und seine mächtigen Arbeitnehmervertreter verhandeln über ein immenses Sparprogramm. Der Konzern bringt seine Mitarbeiter am Vormittag auf den neuesten Stand. Das sieht nach einem Muskelspiel des Betriebsrats aus.

Seit dem Bekanntwerden der Abgas-Tricksereien vor einem Jahr sieht sich Volkswagen weltweit nicht nur horrenden Forderungen nach Milliardenentschädigungen gegenüber. VW will die zerfledderte Konzernstruktur einen und wieder profitabler wirtschaften. Der Autobauer konzentriert sich immer noch nicht auf wenige Märkte, sondern agiert weltweit als Tausendsassa. Ein junges Start-up kann bei Zukunftstechnologien wie E-Mobilität auch aufgrund einfacher Strukturen deutlich wendiger agieren.

VW Vorzüge
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Sprich: Die VW-Werke müssen konkurrenzfähiger werden. Dafür verhandeln Betriebsratschef Bernd Osterloh und Markenchef Herbert Diess über die Neuausrichtung von VW, dem sogenannten "Zukunftspakt". Denn auf dem Prüfstand steht das komplette VW-Reich: 15 Marken in 30 Werken - gesamter Umsatz geschätzt rund 213 Milliarden Euro. Saniert werden soll nicht nur in Wolfsburg.

Der Informationsbedarf der Belegschaft ist entsprechend groß. In einer Betriebsversammlung informiert Osterloh im Verlauf des Tages die Beschäftigten in Wolfsburg über den Status quo des Fahrplans – einen Monat nach der letzten Betriebsversammlung. Damals versprach Osterloh: "In vier bis sechs Wochen werden wir auf die Zielgerade kommen, um einen Zukunftstarifvertrag mit Volkswagen zu schließen." Der Konzern ließ am Mittwoch hören: Man habe einiges "vorstrukturiert" und müsse "nun an den Details arbeiten".

Salzgitter muss zittern

Dass diese "Details" wohl heißen, dass VW auch ganze Werke einsparen muss, da die Produktion eines Elektromotors deutlich einfacher ist als das Bauen eines Dieselaggregats, wird den Mitarbeitern am Donnerstag wohl keiner sagen. Dies könnte beispielsweise das Motorenwerk in Salzgitter treffen.

Laut dem Markenchef soll der Pakt im November spruchreif stehen. Man wolle noch den Untersuchungsbericht der eingesetzten Kanzlei "Jones Day" in Sachen Abgasskandal abwarten. Klar ist: Um bei E-Mobilität und autonomem Fahren den Anschluss an die Konkurrenz nicht zu verlieren, müsse sich VW "deutlich verbessern", sagt Diess.

Und doch ist jetzt schon wieder ein Belegschaftstreffen im Stammwerk angesetzt, zu dem nicht weniger als die sonst üblichen 20.000 Mitarbeiter gekommen sind – schließlich schwebt über allem das Drohgespenst Jobabbau. Die Presse muss draußen bleiben. Der Konzern fasst seine Belegschaft aktuell mit Samthandschuhen an, das nährt die Gerüchte über ein immenses Sparprogramm: Offenbar sollen 10.000 Jobs bei der Marke VW bis 2025 wegfallen, spekuliert das "Manager Magazin" – das sind rund zehn Prozent aller Mitarbeiter. Auch ist von Einsparungen von rund fünf bis sechs Milliarden Euro die Rede. Das allein erklärt das Unbehagen vieler Mitarbeiter.

Ringen um betriebsbedingte Kündigungen

Offenbar gibt es auch schon einen Plan, wie der massive Stellenabbau ablaufen soll: Der Konzern erörtert offenbar Programme, wie man Mitarbeiter umschulen und so an anderer Stelle im VW-Reich einsetzen könnte - beispielsweise beim Ausbau des neuen Feldes Digitalisierung.

Markenchef Diess unterstrich vor dem Treffen, dass die Jobs der Stammbelegschaft sicher seien. Im Gegenzug sei aber auch die Bereitschaft für Veränderung nötig. Etwa, indem sich Mitarbeiter für andere, neue Aufgaben weiterqualifizieren.

Die Idee zu diesem Modell kommt von Osterloh. Der Betriebsratschef wird von vielen als der mächtigste Mann im Wolfsburger Imperium gesehen. Gern macht er eigene Spar-Vorschläge. In mehreren Zeitungsinterviews hatte er zuletzt versucht, Konzernlenker Matthias Müller ein Zugeständnis abzuringen: Betriebsbedingte Kündigungen sollte es nicht geben, man könne Stellen doch auch durch "natürliche Fluktuation" nach und nach abbauen. Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er schieden in den nächsten Jahren ohnehin aus dem Konzern aus. So ließe sich die Personaldecke jährlich um etwa 1500 bis 2500 Stellen erleichtern. Da müsste VW nicht noch an anderen Stellen den Rotstift ansetzen.

Leiharbeiter müssen wohl gehen

Bei dem Treffen am Donnerstag hatte Diess aber eine Bombe im Gepäck: Alle aktuell beschäftigten Leiharbeiter des Konzerns würden nicht übernommen, erfuhr Bild.de. Dies betrifft rund 700 Mitarbeiter, die nun ihren Job verlieren. Solche Pläne kursieren seit Monaten durch Wolfsburg.

Betriebsrat und Vorstand fällen Personalentscheidungen traditionell in beidseitigem Einverständnis. Wenn Osterloh vor dem Treffen am Donnerstag also warnte, dass die Verhandlungen um den Zukunftspakt noch "scheitern könnten", kann man das Treffen in Wolfsburg daher auch als finales Muskelspiel der Arbeitnehmervertreter interpretieren: Vor den entscheidenden Verhandlungen mit der Konzernspitze soll noch mal ein Signal an den Vorstand gesendet werden.

Quelle: ntv.de

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