Wirtschaft

Nach dem Platzen der China-Blase "Junge Börsen neigen zu Übertreibungen"

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(Foto: REUTERS)

Die Möglichkeit, Aktien zu handeln stieß auf großes Interesse in China - offenbar auf zu großes. Doch der Crash muss in der richtigen Perspektive betrachtet werden, sagt Deka-Volkswirt Ulrich Kater im Interview.

Shanghai Composite
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n-tv.de: Viele Analysten werten die jüngsten Kurseinbrüche in China als reines Börsenproblem, das mit der chinesischen Konjunktur nichts zu tun hat. Teilen Sie diese Ansicht?

Ulrich Kater: Ich glaube, dass wir in China auf einem sehr jungen Aktienmarkt Übertreibungseffekte sehen. Viele Chinesen wollten den niedrigen Zinsen im eigenen Bankensektor entfliehen und haben dieses neue Instrument sehr begierig – zu begierig – aufgenommen. Dazu kommt die Unerfahrenheit mit dem Instrument Aktie. Wir kennen das auch von etablierten Aktienmärkten, das gehört leider mit dazu. Man muss das Ganze aber auch in die richtige Perspektive setzen: Das war jetzt eine sehr kurze und heftige Kursblase in den vergangenen Monaten. Im Vergleich zum Jahresbeginn haben wir in China aber noch Gewinne stehen. Deswegen sind die Rückwirkungen auf die Wirtschaft anders zu beurteilen, als bei einer Blase, die sich über viele Jahre aufbaut und dann platzt. Ein Problem hat eher die Politik in China, die freie Märkte anscheinend nur zulässt, wenn die Ergebnisse auch genehm sind.

Die Unerfahrenheit der Anleger in China wird sich nicht so schnell ändern lassen.

Eine Aktie hat bestimmte Eigenschaften, und diese Eigenschaften scheinen auf allen Märkten dieser Welt gleich zu sein. Die Verzinsung ist höher als bei allen anderen Anlageformen, die privaten Haushalten zur Verfügung stehen. Aber das gilt nur auf lange Frist – also zehn Jahre und mehr. Wer meint, dass er an der Börse schnell reich wird, der ist nicht nur am chinesischen Aktienmarkt falsch. Wer als Chinese den niedrigen Realzinsen im Bankensystem entfliehen möchte, der kann auch weiterhin Aktien kaufen. Zumal es jetzt günstiger geworden ist. Doch auch für die chinesischen Anleger gilt: Man sollte einen vorhandenen Betrag über zwei, drei Jahre strecken und immer in kleinen Schritten kaufen. Dann erwischt man auch einen Tiefpunkt wie er jetzt irgendwann wieder bevorsteht.

Von offizieller Seite wurden in China für die jüngsten Kurseinbrüche auch ausländische Investoren verantwortlich gemacht. Was ist davon zu halten?  

Der Einfluss der ausländischen Trader ist meiner Einschätzung nach an den chinesischen Aktienmärkten nicht größer oder kleiner als an anderen Aktienmärkten auch. Auch der deutsche Aktienmarkt ist zu mehr als der Hälfte in der Hand ausländischer Investoren. Vielleicht reizte der neue Markt auch die ausländischen Investoren. Grundsätzlich ist es aber egal, ob ausländische oder inländische Investoren auf einem Markt aktiv sind. Da gibt es von den Handlungsmustern her keine großen Unterschiede.

Derzeit versuchen Marktteilnehmer, Analysten und Ökonomen herauszufinden, wie es um die chinesische Konjunktur bestellt ist. Was ist Ihre Diagnose?

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Ulrich Kater ist seit 2004 Chefvolkswirt der Deka-Bank.

Wie für andere Länder auch, gibt es auch für China ein paar gesamtwirtschaftliche Vorlaufindizes. Die sind vielleicht noch nicht so gut erprobt, weil die Beobachtungszeiträume noch nicht so lang sind. Aber was sie uns gerade mitteilen, ist, dass die chinesische Wirtschaft sich nicht in einem Absturz befindet. Das ist eine wichtige Information. Denn eine "harte Landung", d.h. Wachstumsraten von zwei Prozent, wären für die Weltwirtschaft schon spürbar. Allerdings liegen wir etwa beim Einkaufsmanagerindex knapp unter der 50-Punkte-Marke, die Wachstum anzeigt. Die Wirtschaft ist also in eher schlechter Verfassung, es wird ihr nicht leicht fallen, das Wachstumsziel von sieben Prozent zu erreichen. Aber es ist eben kein Einbruch.

China hat ein strukturelles Problem. In den vergangenen 30 Jahren beruhten die unglaublichen Wachstums- und Produktivitätssteigerungen verkürzt gesprochen darauf, dass Landarbeiter in Fabriken gestellt wurden. Diese Strategie läuft nun aus. Neue Anforderungen auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nennt man Strukturwandel. Es wird interessant zu beobachten, inwieweit die chinesische Regierung diese permanente Herausforderung mit ihren bisherigen Instrumenten der Planung in den Griff bekommen wird.

Sie nannten schon den Einkaufsmanagerindex. Welche Konjunkturdaten schauen Sie sich noch an, wenn Sie wissen wollen, wie es China geht?

Von der Fassade her gilt für China der gleiche Datenkranz, wie für andere Länder auch. Die Messungen für das Bruttoinlandsprodukt sind ja international standardisiert. Stimmungsindikatoren, Auftragseingänge usw. gibt es hier auch. Allerdings ist die staatliche Kontrolle sehr hoch, das gilt auch für die Statistiken. Also muss man hier erstmal Erfahrungen sammeln, inwieweit die Zahlen verlässlich sind und zwar insbesondere in schlechteren Zeiten. Wer die Verschlechterung der chinesischen Wettbewerbsfähigkeit einschätzen möchte, muss auch hier auf Preis-und Lohndaten schauen. Wenn man auf das gesamtwirtschaftliche Geschehen der kommenden Monate schauen möchte, bleiben auch hier vor allen Dingen die Stimmungsindikatoren. Ob man von einem derart regulierten Aktienmarkt auch Informationen über die Wirtschaftslage ableiten kann, muss jeder für sich selbst beurteilen.

Was ist Ihr Ausblick für die kommenden Monate?

Wir erwarten, dass China sein Wachstumsziel knapp erreichen wird, das wäre irgendeine Zahl um die sieben Prozent herum. Allerdings wird die Qualität dieses Wachstums unbefriedigend sein. Man muss sich vor Augen führen, dass schon diese knappe Zielerfüllung ein bisschen übertrieben ist. Hier sieht man eine Auswirkung des Börsenbooms: Die sieben Prozent werden nur erreicht werden können, weil sich der Finanzsektor stark ausgedehnt und einen relativ hohen Wachstumsbeitrag geliefert hat. Wenn man den Börsenboom abzieht, ist die restliche Wirtschaft mit Raten unter sieben Prozent unterwegs. Wir rechnen damit, dass die chinesische Politik im kommenden Jahr die Welt darauf vorbereiten wird, dass das Wachstumsziel in den kommenden Jahren nach unten genommen wird.

Und wie wird die Welt darauf reagieren?

Für die Weltkonjunktur ist das nicht dramatisch, auf den Kapitalmärkten ist eine schrittweise Verlangsamung des chinesischen Wachstums schon eingepreist: In schnell wachsenden Volkswirtschaften nehmen Wachstumsraten mit den Jahren nun einmal ab. Die absoluten Zuwächse bei den Importen oder dem Rohstoffverbrauch wären aufgrund der Größe Chinas ja immer noch bedeutend. Womit die Weltkonjunktur aber nicht umgehen könnte, wäre ein plötzlicher konjunktureller Einbruch Chinas, also etwa ein Absturz der Wachstumsrate auf zwei Prozent oder weniger. Aber das erwarten wir nicht, zumindest nicht für das kommende Jahr. Wir rechnen damit, dass die offiziell ausgegebenen Wachstumsziele mehr oder weniger eingehalten werden – selbst wenn viel davon nur auf dem Papier stehen könnte.

Mit Ulrich Kater sprach Samira Lazarovic

Quelle: n-tv.de

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