Orbáns ungewollter Solarboom"Kein anderes Land hat einen Solarsprung wie Ungarn hingelegt"
Interview: Christian Herrmann & Clara Pfeffer
Der frühere ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán interessiert sich wenig für Klimawandel und Energiewende. Ungarn gehört dennoch zur globalen Solarspitze. Durch eine unbedachte Regelung wird die eigene Solaranlage zum Muss für viele Haushalte. "Alle wussten: Wenn ich mir eine Solaranlage anschaffe, werde ich de facto von den Systemkosten befreit", sagt Osteuropa-Analystin Maike Kirsch von der Denkfabrik E3G im Podcast "Das Klima-Labor von ntv". 2023 zog Orbán die Subventions-Notbremse, doch der Solarboom war vollbracht: Ungarn deckt inzwischen fast ein Drittel seines Strombedarfs mit der Sonne ab. Durch eine Windkraft-Blockade fehlt allerdings der Gegenpol, das Stromsystem ist nicht ausbalanciert. "Das ist dem neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar bewusst", sagt Kirsch. Er will bei Netzausbau, Batteriespeichern und Windrädern ranklotzen. Diese Pläne kollidieren jedoch mit der anderen großen ungarischen Stromquelle: Das Atomkraftwerk Paks stellt 45 Prozent des ungarischen Stroms bereit und soll ausgebaut werden - zusammen mit Russland.
ntv.de: Ungarn hat im vergangenen Jahr etwa ein Viertel seines Strombedarfs mit Solarstrom gedeckt. Das ist mehr als Deutschland oder Spanien und etwa dreimal so viel wie im weltweiten Schnitt. Ist das dank oder trotz Viktor Orbán gelungen?
Maike Kirsch: Die richtige Antwortet lautet wahrscheinlich: teils, teils.
Wie ist es dazu gekommen? Orbán ist eher für Gasdeals mit Gazprom bekannt, die er während des russischen Angriffs auf Ukraine abgeschlossen hat. Der enorme Solarausbau überrascht.
Das stimmt. 2015 lag der Solaranteil am Strommix bei zwei Prozent. Danach ging es schnell bergauf. Jetzt steht Ungarn bei 25 bis 30 Prozent. Kein anderes Land hat einen vergleichbaren Sprung hingelegt. 2024 hat Solarenergie auch Erdgas überholt. Gleichzeitig ist der Kohleanteil auf sechs Prozent zurückgegangen. Ursache war eine Regelung, die man Net-Metering-Policy nennt.
Was bedeutet das?
Das ist ein Abrechnungssystem. Das Argument war Bezahlbarkeit. Ungarische Haushalte mit Solaranlagen konnten jahrelang in sonnigen Zeiten Strom ins Netz einspeisen. Der wurde später verrechnet mit dem Strom, den sie in anderen Zeiten aus dem Netz bezogen haben, also am Abend oder im Winter. Es sind keine Kosten für den Stromtransport oder die Speicherung angefallen. Kein Haushalt mussten seinen Solarstrom selbst verbrauchen, wenn es zu viel gab. Das war ein sehr attraktives Gutschriftsystem.
Eine andere Form der Einspeisevergütung, nur noch lukrativer?
Alle Haushalte wussten: Wenn ich mir eine Solaranlage anschaffe, werde ich weitgehend von den Systemkosten befreit. Wer übers Jahr gesehen genauso viel Strom einspeist, wie er verbraucht, musste praktisch keine Netzkosten zahlen. Dafür geht in Deutschland ein Viertel des Strompreises drauf. Das hat jedoch dazu geführt, dass das ungarische Stromnetz nicht mithalten konnte. Die Kosten für den Ausbau und die Modernisierung des Netzes und für den Ausbau von Speichern wurden nicht gedeckt.
Die Haushalte haben im Sommer ein Strom-Guthaben aufgebaut und es im Winter verbraucht?
Jein. Diese Haushalte waren abgesichert gegen Schwankungen der Strompreise und damit indirekt auch der Gaspreise. Sie hatten durch das Abrechnungssystem aber keinen Anreiz, das Netz effizient zu nutzen, sprich: Strom dann zu verbrauchen, wenn er reichlich und günstig ist und zu sparen, wenn er knapp und teuer ist. Dieses Problem sieht man heute noch, etwa bei der Dürre und dem Ausfall des Atomkraftwerks Paks in diesem Sommer: Tagsüber konnte Solarstrom unglaublich viel Bedarf abdecken. Die Strompreise lagen mittags bei etwa 100 Euro pro Megawattstunde, das sind 10 Cent je Kilowattstunde. Abends musste Ungarn Strom primär auf Basis von Erdgas importieren. Der hat teilweise mehr als das Doppelte gekostet. Vor drei Jahren hat die Orbán-Regierung deshalb ein Moratorium für die Einspeisung von Solarstrom eingeführt und diese Abrechnungsregelung geändert. Zusätzlich hieß es, das Netz sei zu alt, nicht gut genug ausgebaut und flexibel genug.
Das klingt nach Argumenten, die man aus Deutschland kennt.
Ja. Davon abgesehen weisen die beiden Länder aber große Unterschiede beim Strommix, den Abhängigkeiten von Russland oder auch beim Netzausbau auf. In Deutschland wurden viel mehr Überlegungen angestellt, wie man das System ganzheitlich besser aufstellt. Man kann nicht nur den Solarausbau anreizen. Man muss mitdenken, wie sich Nachfrage verändern wird, wie man Anreize für Haushalte und Industrie setzt, das System effizient zu nutzen, wie viel Flexibilität man benötigt und welche anderen Energieformen man als Ergänzung braucht. Die Orbán-Regierung hat sich darüber keine Gedanken gemacht. Die ist mehr oder weniger von der EU dazu gezwungen worden: Die neuen Strommarktregeln sehen vor, dass Stromkosten die tatsächliche Netznutzung widerspiegeln müssen.
Orbán wollte einfach mit günstigem Solarstrom in der Bevölkerung punkten?
Vermutlich. Ökonomisch ergibt Solarenergie für Ungarn natürlich Sinn, das Potenzial ist enorm. Die Klimaperspektive hatte weniger Einfluss. Das sieht man an den Gasimporten. Aber das Gas, das nicht aus Russland kommt, ist inzwischen extrem teuer geworden. Der Staat zahlt viel Geld, um die Stromrechnung künstlich niedrig zu halten. Die neue Regierung weiß. Die Abhängigkeit von Erdgas kostet viel Geld.
Deshalb der Solarboom.
Das Abrechnungssystem war der erste Grund. Der zweite waren die explodierenden Gaspreise währender der Energiekrise. Außerdem hatte Ungarn eine sehr restriktive Windpolitik. Die Orbán-Regierung hat bis 2024 vorgeschrieben, dass ein Windrad einen Mindestabstand von zwölf Kilometern zur nächsten Besiedelung haben muss. Das hat dazu beigetragen, dass sich das Land auf Solarenergie als günstige Stromquelle gestürzt hat.
Zwölf Kilometer? Noch restriktiver als die windfeindliche 10H-Regelung in Bayern?
Ja. Praktisch war es nicht möglich, Windenergie zu bauen. Damit blieb nur die Solarenergie für den Ausbau der Erneuerbaren.
Hat dieser Populismus unter dem neuen Ministerpräsidenten Bestand? Péter Magyar krempelt viele Bereiche spürbar um. Windräder würden helfen, weniger Gas zu verbrauchen.
Die neue Regierung hat einen grundlegend anderen Kurs - teilweise aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeit und Energiesicherheit und teilweise, weil man 16,4 Milliarden Euro an EU-Mitteln freischalten möchte. Geplant ist, die Gasimporte zu diversifizieren und bis 2035 unabhängig von Russland zu sein. Ein Fokus ist neben dem weiteren Solarausbau das Stromnetz. Die Regierung investiert 1,5 Milliarden, weil es bereits überlastet ist und ausgebaut werden muss. Bis 2032 sind außerdem vier Gigawatt an Windenergie und der Ausbau von Speichern geplant.
Das ist für deutsche Verhältnisse nicht so viel, aber Ungarn verbraucht in der Spitze nur gut sechs Gigawatt. Deutschland hat einen zehnmal so hohen Verbrauch.
Ja. Solar steht aktuell bei 8,4 Gigawatt. Das Ziel sind 12 Gigawatt bis 2030. Wind soll zu einem Drittel davon ausgebaut werden.
Wie realistisch ist die Umsetzung des Plans? Aus Deutschland wissen wir: Es ist viel schwieriger, das Netz auszubauen als Erneuerbare.
Es wird auf jeden Fall Probleme geben. Das Netz kommt bereits an seine Grenzen. Solaranlagen werden abgeregelt. Trotzdem ist es sinnvoll, sich ambitionierte Ziele zu setzen. Es ist nicht entscheidend, ob man sie punktgenau erfüllt. Der Regierung scheint sehr bewusst, dass dieses System ausbalanciert werden muss. Solarstrom braucht einen Gegenpol, damit man nicht teuer Energie importieren muss, wenn keine Sonne scheint. Das ist häufig Wind. Der Magyar-Regierung ist auch bewusst, dass ein flexibles Stromsystem deutlich mehr Batteriespeicher benötigt und die Haushalte Smart Meter. Ohne Smart Meter wissen Verbraucher nicht, wann es am sinnvollsten ist, Strom zu verbrauchen und wann nicht.
Um das System zu optimieren und die Kosten zu senken?
Grundsätzlich ist es doch egal, wann die Waschmaschine läuft. Das kann man intelligent und automatisiert steuern. In der Industrie können bestimmte Prozesse auch flexibel hoch- und heruntergefahren werden, ohne die Wirtschaftlichkeit des Betriebs zu beeinflussen. Wenn diese Flexibilität vergütet werden darf, kann die Industrie finanziell sogar profitieren. Diese Flexibilität hat gefehlt, als Paks im August mit nur 10 Prozent Leistung lief. Die Regierung musste mehrere Großunternehmen persönlich fragen, ob sie 700 Megawatt Strom abschalten können.
Die Industrie ist offen für die Pläne?
Als die Energiekrise die Strompreise 2022 in den Himmel getrieben hat, hat sich klar gezeigt: Die Industrie hat kein Interesse an schwankenden und hohen Preise von fossilen Energieträgern. Sie hat eigene Solaranlagen installiert und den Boom weitergetragen.
Bis zu diesem Sommer hat auch das Atomkraftwerk Paks zu stabilen Strompreisen beigetragen. Wie geht es damit weiter? Wird die Donau umgebaut, damit es bei Niedrigwasser nicht wieder heruntergefahren werden muss? Geplant ist eigentlich, es auszubauen und neue Reaktoren zu errichten - zusammen mit Russland.
Der fünfte Reaktorblock befindet sich bereits im Bau. Anschließend soll der sechste Block folgen. Die neue Regierung hat nicht entschieden, ob das Projekt gestoppt wird. Aber sie muss abwägen, ob Paks so resilient gemacht werden kann, dass es künftig in Dürreperioden funktioniert und was das kosten wird, denn man weiß: Der Bau von Atomkraftwerken ist extrem teuer. Die Zusammenarbeit mit Russland ist der dritte wichtige Aspekt. Das hängt wahrscheinlich von der EU ab.
Die Magyar-Regierung hat Russland anders als die Orbán-Regierung zur "Bedrohung" erklärt. Bei der Atomenergie weiß aber selbst die EU nicht, wie sie mit Russland umgehen soll. Frankreich arbeitet trotz aller Sicherheitsbedenken ebenfalls eng mit dem staatlichen Atomkonzern Rosatom zusammen. Ungarn wäre also nicht allein mit diesem Widerspruch.
Die neue Regierung möchte sich offenabr möglichst viele Optionen offenhalten. Sie will die Beziehungen zur EU normalisieren und die russische Abhängigkeit reduzieren. Mit Paks II hat sie aber ein weit fortgeschrittenes und mit Russland verflochtenes Projekt geerbt. Letztlich muss sie aber unabhängig von Dürren und Russland überlegen, ob ein neues, extrem teures Atomkraftwerk sinnvoll ist, wenn man sieht, was in Kalifornien passiert: Dort wird Solarstrom abgeregelt, weil es nicht möglich ist, ein Atomkraftwerk herunterzufahren. Das muss rund um die Uhr mit mindestens 80 Prozent Leistung laufen, damit es wirtschaftlich ist. Atomenergie kann zwar technisch in einem Stromsystem mit vielen Erneuerbaren betrieben werden, sie ist jedoch kaum flexibel.
Mit Maike Kirsch sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.