Wirtschaft

Attacken auf Pipelines Ölreiches Nigeria ist in Aufruhr

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(Foto: dpa)

Eine Rebellengruppe sprengt Ölpipelines in Nigeria in die Luft - und stürzt das westafrikanische Land weiter ins Chaos. Doch bringen die Anschläge auch den weltweiten Ölmarkt aus dem Gleichgewicht?

Rächer auf Speedbooten greifen Pipelines internationaler Ölkonzerne in Nigeria an. Die "Niger Delta Avengers" fordern, dass die örtliche Bevölkerung an den Gewinnen aus der Erdölförderung beteiligt wird - und jagen dabei eine Pipeline nach der anderen in die Luft. Die Angriffe auf Afrikas normalerweise größten Ölproduzenten wirbeln den unter Korruption und Armut leidenden Staat noch weiter durcheinander. Zeitweise fiel die Ölproduktion auf ein 20-Jahres-Tief, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete.

Für das Land im Westen Afrikas ist das eine Katastrophe - hängen die Staatseinnahmen doch zu 70 Prozent vom Öl ab. Doch könnte die Rebellengruppe gar den weltweiten Ölmarkt aus dem Gleichgewicht bringen? Schließlich ist Nigeria nach eigenen Angaben der sechstgrößte Ölproduzent weltweit. Darüber gibt es geteilte Meinungen.

Malte Liewerscheidt von der Risikoberatung Verisk Maplecroft glaubt nicht an einen übermäßigen Einfluss des afrikanischen Landes. "Nigeria produziert nur etwa zwei Prozent des weltweiten Ölbedarfs", erklärt er. Das derzeitige Tief habe daher, wenn überhaupt, nur kurzfristige Auswirkungen. "Langfristig wird das keinen großen Einfluss auf den Ölpreis haben."

Ähnlich schätzt Pedro Omontuemhen, Nigeria-Experte der Beratung PricewaterhouseCoopers, die Bedeutung Nigerias auf dem Weltmarkt ein. Die Ereignisse in Nigeria wären lediglich ein Teil der weltweiten Entwicklungen, die den Ölpreis in die Höhe treiben. Im Mai legte der deutlich zu. Eine Rolle spielte dabei aber auch die sinkende Fördermenge in den USA. Hier wird das Öl hauptsächlich durch teures Fracking gewonnen. Niedrige Ölpreise zwangen einige Unternehmen, ihre Produktion auf Eis zu legen.

Dem Staat geht das Geld aus

Doch es gibt auch andere Meinungen. Der nigerianische Ökonomieprofessor Adeola Adenikinju von der Ibadan Universität glaubt, der Einfluss Nigerias auf dem weltweiten Ölmarkt sei größer. Das Produktionstief werde das Angebot auf dem Weltmarkt reduzieren und so den Ölpreis in die Höhe treiben, erklärt der Ökonomieprofessor. Allerdings betont auch er, dass Entwicklungen in den USA oder im Nahen Osten ebenfalls eine Rolle spielen, wenn der Preis steigt. Der Anteil Nigerias an diesen Entwicklungen sei allerdings nicht zu unterschätzen.

Die Experten sind sich allerdings einig, dass die Angriffe der "Niger Delta Avengers" dramatische Konsequenzen für das afrikanische Land selbst haben. Der anhaltend geringe Ölpreis hatte Nigeria bereits in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gestürzt. Die Währung verlor drastisch an Wert, dem Staat geht das Geld aus. Um eine Wirtschaftskrise zu vermeiden, erhöhte Nigeria den Benzinpreis im eigenen Land um knapp 70 Prozent.

Weitere Einnahmeverluste durch fehlendes Öl könnten dramatische Konsequenzen haben. Mehr als die Hälfte der Nigerianer lebt trotz des Ölreichtums in extremer Armut, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt nur bei 53 Jahren. Zu den drängendsten Problemen zählen Arbeitslosigkeit, eine hohe Aids-Rate und Korruption. Die Bevölkerung ist gespalten: Im Süden leben vorwiegend Christen, im Norden Muslime.

Die aus dem christlichen Süden stammenden Rächer aus dem Niger Delta traten wahrscheinlich 2006 erstmals auf den Plan. Bereits damals sorgten sie mit Entführungen von Mitarbeitern internationaler Ölkonzerne für Angst und Schrecken. Das ölreiche Niger Delta im Süden des Landes ist etwa so groß wie Bayern - und ein von Konflikten geprägtes Gebiet.

Mehrausgaben für das Militär

Die Regierung unter dem christlichen Ex-Präsidenten Goodluck Jonathan kam den Rächern 2009 mit einem Amnestie-Programm entgegen: Straferlass und ein Reintegrationsprogramm, wenn die Rächer die Waffen niederlegen. Die meisten taten das - allerdings soll das Programm unter dem aktuellen Präsidenten Muhammadu Buhari auslaufen, was zur aktuellen Eskalation beiträgt.

Professor Adenikinju von der Ibadan Universität prophezeit nun zusätzlich höhere Ausgaben für das Militär. Denn die Streitkräfte müssen die Ölpipelines schützen. Im schlimmsten Fall würden internationale Ölkonzerne ihre Pipelines in Nigeria schließen, weil sie um das Leben ihrer Mitarbeiter fürchten müssen. Das Unternehmen Shell etwa hat schon Anfang Mai Mitarbeiter von einer seiner Förderanlagen geholt.

Unterdessen machen die Niger Delta Avengers unbeirrt weiter - und lassen sich wohl auch von den Drohungen des Präsidenten nicht einschüchtern. "Eure Anlagen und Euer Personal werden unter unserem Zorn leiden", kündigten sie jüngst in einem Schreiben an.

Quelle: n-tv.de, Julia Naue, dpa

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