Wirtschaft

EZB bereitet Minuszinsen vor Schlachtplanung in Sintra

Draghi, Mario.jpg

EZB-Chef Mario Draghi in Sintra: Die Planungen für eine neue Offensive in der Euro-Krise laufen auf Hochtouren.

(Foto: picture alliance / dpa)

In der portugiesischen Bergidylle sammelt Europas Notenbanker Kraft für eine historische Entscheidung: Sollen sie in einer Großoffensive unerprobte Geheimwaffen gegen die Wirtschaftskrise einsetzen?

Dass Sintra historisch wird, haben sich die Notenbanker schon gewünscht, aber eigentlich erst in ein paar Jahren. Zum ersten Mal hat die Europäische Zentralbank (EZB) 150 erlesene Gäste zu einer Konferenz in die Kleinstadt nur eine halbe Autostunde von Lissabon entfernt geladen. Umgeben von jahrhundertealten Palästen und Burgen, inmitten malerischer Hügel, sollen sich die Ökonomen, Währungshüter und Spitzenpolitiker aus der ganzen Welt von nun an jedes Jahr treffen. Sintra soll so wichtig werden wie das Gipfeltreffen in Jackson Hole, der Kleinstadt in Wyoming, wo sich seit 1978 die Spitzen der US-Notenbank treffen. Eine Art Think Tank, abgeschottet von der Außenwelt, ein Forum, auf dem die Währungshüter in Ruhe den Zustand der Weltwirtschaft diskutieren können.

Doch die Wirklichkeit überholt die Pläne der EZB. Die Lage ist zu dramatisch, als dass die Treffen von Sintra erst in den kommenden Jahren historisch werden könnten. Rechtspopulisten haben bei der Europawahl das EU-Parlament erobert. "Wir sind extrem besorgt über diese Tendenz", sagte der scheidende Kommissionspräsident Manuel Barroso Anfang der Woche in Sintra. Europa blicke auf "seine größte finanzielle, wirtschaftliche und soziale Krise seit Beginn der europäischen Integration". Vielleicht wird das portugiesische Bergidyll deshalb schon in den nächsten Tagen in die Geschichte eingehen. Als der Ort, an dem die Währungshüter die Kraft sammelten für ihre kommende Großoffensive in der Euro-Krise.

Die Geldstrategen sitzen in der Falle

Die Notenbanker machen mobil, das ist nicht zu überhören: "Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt", donnerte EZB-Chef Mario Draghi in Sintra. Es sei die Verantwortung der Notenbank, alarmiert zu sein und sich vorzubereiten, zu handeln - falls nötig.

Europas oberster Währungshüter, der wie ein General vor der Entscheidungsschlacht ins Horn stößt, muss mit den anderen Notenbankern Anfang Juni eine Entscheidung treffen - die vielleicht folgenschwerste seiner Amtszeit. Seit Beginn der Euro-Krise haben sie die Leitzinsen bereits auf 0,25 Prozent gedrückt. Trotzdem leiden weite Teile Europas unter hoher Arbeitslosigkeit. Sollen die Generäle das Geld noch billiger machen, die Zinsen noch weiter senken, auf gerade noch 0,1 Prozent, damit die Wirtschaft endlich in Gang kommt?

Auf den ersten Blick scheint das keinen großen Unterschied zu machen. Ob 0,1 oder 0,25 Prozent, die Zinsen bleiben so niedrig wie nie. Banken können sich de facto kostenlos und unbegrenzt Geld bei der Zentralbank leihen. Trotzdem ist es eine historische Zäsur: Liegt der Zins erst bei Null, kann er nicht weiter sinken. Die Währungshüter geraten in eine Sackgasse. Ihnen bleiben nur noch außergewöhnliche Maßnahmen, um die Wirtschaft weiter anzukurbeln.

Geheimwaffen sollen die Krise beenden

Doch Draghi und die Notenbanker sind entschlossen. Sie wollen trotzdem in die Offensive gehen. Die Wirtschaft in den Schuldenstaaten stagniert oder schrumpft. In der ganzen Eurozone ist die Inflation viel zu niedrig. In Griechenland, Zypern und Portugal fallen die Preise. Sinken sie zu sehr, besteht die Gefahr, dass Verbraucher nichts mehr kaufen, weil sie hoffen, dass alles noch billiger wird. Das würgt Unternehmen ab, die dann nichts mehr verdienen. Eine Abwärtsspirale, aus der es kaum ein Entrinnen gibt.

Auch viele Wissenschaftler sehen das so und geben der EZB deshalb Schützenhilfe bei ihrem Angriff. "Es gibt zunehmend Indizien dafür, dass Volkswirtschaften, die in einen starken Abschwung mit niedriger Inflation geraten, allzu leicht in eine ökonomische und politische Falle geraten", sagte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in Sintra. Fest steht aber: Wenn Draghi und die Notenbanker die Zinsen wirklich praktisch auf Null senken, haben sie ihr Pulver verschossen. Dann bleiben ihnen bleiben nur noch Geheimwaffen.

Genau die bereiten sie vor. Wenn die Generäle im Juni in die Offensive gehen, soll es erstmals auch negative Zinsen geben. Die Banken sollen dann eine Strafgebühr zahlen, wenn sie ihr Geld über Nacht bei der EZB parken. So wollen die Währungshüter erreichen, dass die Geldhäuser es in die Wirtschaft stecken und Arbeitsplätze schaffen, statt es gegen eine Aufbewahrungsgebühr in den Tresoren verrotten zu lassen.  

Negative Zinsen dürften vorerst der Normalfall bleiben: Die EZB erwartet, dass die Preise erst 2016 wieder stark genug steigen werden. Wann die Notenbanker ihre Geheimwaffe wieder einmotten können, ist noch nicht klar. Ziemlich sicher werden sie aber in den kommenden Jahren in Sintra darüber reden, wie sie die Offensive wieder beenden, die sie dort jetzt gerade planen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen