Wirtschaft

"Schulden verwalten reicht nicht" Warnschuss für die Politik

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Finanzmärkte rechnen mit der Politik ab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Aus Sorge vor einer weltweiten Rezession und einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise fliehen Anleger weltweit in Scharen aus den Aktienmärkten. Es ist die Abrechnung mit der Krisenpolitik in den USA und Europa. Schulden lediglich zu verwalten, reiche nicht, sagt Finanzmarktexperte Robert Halver bei n-tv.de. Die Lage sei ernst. "Die Integrität der Eurozone steht zur Disposition", sagt Folker Hellmeyer, Chefsvolkswirt der Bremer Landesbank bei n-tv.

Die wieder aufkeimende Furcht vor einer weltweiten Wirtschaftskrise führt zu einer neuerlichen massiven Verkaufswelle. Viele Börsianer sehen angesichts der Schuldenkrisen in den USA und Europa sowie der vor sich hin dümpelnden Konjunktur in den Vereinigten Staaten die Gefahr einer Rezession. Investoren und Marktbeobachter fürchten, dass die Politik die Schuldenkrisen auf beiden Seiten des Atlantiks nicht mehr in den Griff bekommt.

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Europa produziert jede Menge an Müll, verleiht hier jemand seinem Unmut Audruck.

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Nach Ansicht des Kieler IfW-Instituts steuert die globale Wirtschaft auf düstere Zeiten zu. "Im Moment haben wir noch keine Rezession, aber das Risiko hat zugenommen und mit der Schuldenkrise zu tun", sagte der Chefvolkswirt des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. "Die Märkte erwarten klare Signale, dass die Haushalte konsolidiert werden." Die Schuldenkrise sei bisher "überhaupt nicht gelöst", weder in der Euro-Zone, noch in den USA.

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Die Zweifel an den politischen Maßnahmen gegen die Schuldenkrisen schlug, wie von vielen Marktbeobachtern befürchtet, nun voll auf die Finanzmärkte durch. Was Europa in der Schuldenkrise abliefere, reiche nicht, sagte Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank bei n-tv. Alle Konjunkturprognosen müssten ausgesetzt werden. Das politische Risiko führe dazu, dass das gesamte Konstrukt in Frage gestellt werde. "Die Integrität der Eurozone steht zur Disposition." Was Europa in den letzten achtzehn Monaten abgeliefert habe, komme nicht an die Standards der Krisenbewältigung von 2008 und 2009 heran. Es seien poltische Maßnahmen und eine europäische Solidarität gefragt, so "wie wir sie bisher nicht gesehen haben". 

Der Finanzmarktexperte Robert Halver haut in die gleiche Bresche. Die reine Verwaltung der Schulden reiche nicht, erklärte er im Interview mit n-tv.de. Sich immer nur zu überlegen, wie möglichst viele Rettungspakete geschnürt werden könnten, sei nicht genug. Europa brauche eine Perspektive. "Womit wollen wir Geld verdienen?" Den Schuldenkompromiss in den USA bezeichnete er als "verdammt schlecht". Amerika habe kein Steuerproblem, sondern ein Nachfrageproblem. Es gebe eine massive Nachfrageschwäche. Dadurch, dass der Staat jetzt spare, werde diese Schwäche jetzt sogar noch verstärkt.

Sich bei der europäischen Schuldenproblematik an den USA zu orientieren, wie es an Märkten passiere, bezeichnete Hellmeyer als fatal. Europa unterscheide sich vollkommen von den USA. Und jetzt werde Europa von den Finanzmärkten "geschlachtet". Die Marktreaktionen am Freitag waren in der Tat drastisch.

Talfahrt an den Börsen

Der europäische Stoxx50 sackte den zehnten Tag in Folge ab und verzeichnete damit einen Serienrekord. Der Index notiert inzwischen so niedrig wie seit zwei Jahren nicht mehr. Der Dax ist seit acht Tagen auf Talfahrt und hat seitdem rund 15 Prozent an Wert verloren. Allein in den vergangenen acht Tagen verlor der deutsche Leitindex mehr als 1100 Punkte und damit seine kompletten Jahresgewinne. Der tiefste Stand seit Oktober 2010 wurde erreicht. Zuletzt hatte der deutsche Leitindex im Jahr 1993 eine solche Verlustserie erlebt. Allerdings waren damals die Abschläge mit gerade einmal insgesamt 4,1 Prozent deutlich geringer.

Der Dow Jones Industrial war am Donnerstag um mehr als 500 Punkte abgestürzt und fiel erstmals seit Dezember 2010 wieder unter die Marke von 11.400 Punkten. Damit unterbot er deutlich sein bisheriges Jahrestief, das er im März während der sich zuspitzenden Reaktorkatastrophe in Fukushima erreicht hatte.

Der Schweizer Franken erklomm zum Euro wiederum ein Rekordhoch, Anleihen schuldengeplagter Euroländer werden massiv abgestoßen. "Weit und breit ist keine Unterstützung zu sehen", kommentierte ein Händler.

Globale Rezession eingepreist

In den vergangenen Tagen hätten Anleger immer stärker realisiert, "dass wir in Europa und in den USA massiven strukturellen Problemen gegenüberstehen und dass diese mit Geld - Rettungsschirmen oder Anleihekäufen - nicht gelöst werden können", sagte der Aktienhändler Darren Sinden von Silverwind Securities.

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Die Jahresgewinne im Dax werden in der achttäigen Verlustserie aufgezehrt.

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Der Markt preise zwar eine globale Rezession im Jahr 2012 ein, sagte Heino Ruland, Marktanalyst bei Ruland Research. Er glaube aber nicht, dass es zu einer Rezession in den USA kommen werde. "Wegen der Entschuldung wird sich das Wachstum aber verlangsamen. Im Jahr zwei einer wirtschaftlichen Erholung gab es häufig Rücksetzer an den Märkten." Seiner Ansicht nach birgt das auch Potenzial für die Märkte.

Wenn sich die Annahmen des Marktes als falsch herausstellen würden und sich die "Stimmungsindikatoren der Einkaufsmanager aus dem verarbeitenden und dem nicht-verarbeitenden US-Gewerbe über der wichtigen Marke von 50 Punkten halten, beginnt bereits im August die Jahresendrally".

Schwelbrand in der Eurozone

Der Deutschen Bank als einem der größten Vermögensverwalter der Welt bereitet die Schuldenkrise in der Eurozone die größten Sorgen - mehr noch, als der Schuldensumpf der USA. Auch Georg Schuh, Chef-Anlagestratege (CIO) der institutionellen Vermögensverwaltungssparte DB Advisors kritisiert, "in Europa fehlt der Schulterschluss von Notenbank und Regierungen". Mit dem zweiten Rettungspaket für Griechenland, das in den nationalen Parlamenten noch verabschiedet werden muss, habe man sich lediglich Zeit gekauft."

Zuletzt sind verstärkt Spanien und Italien ins Visier der Finanzmärkte geraten. Für sie wird die Finanzierung am Kapitalmarkt immer teurer. Sollten die dritt- und viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone ebenfalls unter den Rettungsschirm schlüpfen müssen, hätte dies unabsehbare Folgen. EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso erwägt deshalb bereits eine Aufstockung des aktuellen Euro-Rettungsschirms.

Vor dem Hintergrund der Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten kündigten Frankreich, Deutschland und Spanien an, sich enger abzustimmen zu wollen. Heute ist ein Telefonat des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem spanischen Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero geplant.

Quelle: n-tv.de, ddi/dpa/rts