Wirtschaft

Zollbetrug mit Alu-Paletten Wie "Onkel Liu" die USA um Milliarden prellte

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Liu Zhongtian, einer der reichsten Chinesen, soll US-Zölle in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar unterlaufen haben.

(Foto: REUTERS)

Im Handelskrieg mit Peking erhöht die Trump-Regierung den Druck: Die US-Justiz klagt einen der größten chinesischen Aluminium-Tycoons an. Der Milliardär soll ein weltumspannendes Schmuggelsystem wie aus einem James-Bond-Film betrieben haben.

Der Pilot des Flugzeugs muss nicht schlecht gestaunt haben, als er 2014 in der mexikanischen Wüste plötzlich den geheimen Schatz entdeckte. Die Luftaufnahmen, die er damals im Auftrag von US-Aluminiumherstellern machte, sollten nur wenig später um die Welt gehen: In einem abgelegenen Fabrikgebiet bei San José Iturbide versteckten sich hinter Stacheldraht fast eine Million Tonnen des Leichtmetalls. Rund sechs Prozent der weltweiten Aluminium-Bestände lagerten mitten im mexikanischen Nirgendwo.

Nachdem das "Wall Street Journal" (WSJ) im Herbst 2016 über das mysteriöse Aluminium-Lager berichtet hatte und sich die US-Justiz dafür zu interessieren begann, passierte etwas noch viel Merkwürdigeres: Innerhalb weniger Monate wurde der Großteil der sauber gestapelten Metallbarren plötzlich aus der mexikanischen Wüste nach Vietnam verschifft. Dort schlummerte das Aluminium dann fortan unter Plastikplanen in einem abgelegenen Hafen weiter vor sich hin, bewacht von Männern mit Schlagstöcken, die das Lager auf Motorrädern umkreisten. Die Geschichte klingt wie aus einem James-Bond-Film, doch die Fotos belegen den Transport der Metallmassen.

Schon 2016 kam deshalb ein Verdacht auf, der sich nun offenbar bestätigt hat: Der Aluminium-Schatz von San José Iturbide soll Teil eines gigantischen, weltumspannenden Betrugssystem gewesen sein, mit dem der chinesische Milliardär Liu Zhongtian offenbar über Jahre den US-Zoll ausgetrickst und Anleger und Geldgeber getäuscht haben soll. US-Ermittler haben den 55-jährigen chinesischen Milliardär, bekannt unter den Spitznamen "Big Boss" und "Onkel Liu", deshalb nun wegen Geldwäsche und Zollbetrug im ganz großen Stil angeklagt. Der weist die Vorwürfe zurück: "Diese Dinge haben nichts mit mir zu tun", sagte er dem "WSJ" schon 2016.

Fast zwei Milliarden Dollar Schaden

"Onkel Liu" gehört China Zhongwang Holdings, einer der größten Aluminiumproduzenten der Welt. Den Börsenwert der Firma soll er laut Anklage mit den Aluminium-Transfers künstlich aufgebläht und die USA dabei um Zolleinnahmen von 1,8 Milliarden Dollar geprellt haben. Die Taten des "Big Boss" haben demnach zwar lange vor Donald Trumps Amtsantritt begonnen und gehen auf Schutzzölle zurück, die schon sein Vorgänger Barack Obama 2011 gegen Chinas Aluminiumindustrie verhängt hatte.

Trotzdem erhöht Washington mit der Anklage nun im Handelskrieg den Druck auf Peking. China und die USA überziehen sich seit über einem Jahr mit Zöllen und Gegenzöllen. Rund die Hälfte von Chinas Exporten hat Trump bereits mit Importabgaben belegt. Bei einer neuen Verhandlungsrunde wollen beide Seiten das Patt durchbrechen. "Onkel Liu" liefert Trump neue Munition: US-Ermittler geißelten bei der Vorstellung der Anklage die "wettbewerbshemmenden Praktiken" und "zügellose Kriminalität" des chinesischen Milliardärs als "Bedrohung für die amerikanische Industrie" und gelobten, die USA würden "Gefahren für die nationale Sicherheit aggressiv ins Visier nehmen."

Denn Lius Geschäfte dienten offenbar nur einem Zweck: Den Verkauf seines Roh-Aluminiums aus China als Einfuhren aus Mexiko zu tarnen und das Metall so illegal in die USA zu schmuggeln. Nötig wurde diese Umgehungsstrategie, weil auf Rohaluminium aus China ab 2011 drakonische Zölle von fast 400 Prozent erhoben wurden, mit denen Washington US-Hersteller vor unfairem Wettbewerb und Staatssubventionen in der Volksrepublik schützen wollte.

Der "Big Boss" verkauft an sich selbst

Laut Anklage dachten sich Liu und seine Mittäter eine besondere Masche aus: Die Aluminium-Barren wurden punktuell zusammengeschweißt und als Paletten deklariert. Denn auf die wurden als fertige Produkte anders als auf Roh-Aluminium keine Zölle fällig. 2,2 Millionen solcher "Paletten" soll "Onkel Liu" zwischen 2011 und 2014 über die Häfen von Los Angeles und Long Beach importiert und dann in vier Lagerhäusern in Kalifornien gebunkert haben.

Organisiert wurden die Importe über ein Netzwerk aus Tarnfirmen in Kalifornien, die letztlich Liu kontrollierte: Sie gehörten seinem Sohn und einem engen Geschäftspartner. So wurde auf dem Papier der Eindruck erweckt, es gebe in den USA massive Nachfrage für das Aluminium aus Liaoning. Letztlich verkaufte der Konzern aus dem chinesischen Rostgürtel das Metall aber an sich selbst. Mit den Scheinverkäufen blähte "Onkel Liu" laut den Ermittlern seine Bilanz auf, um an der Börse in Hongkong besser dazustehen.

Zu befürchten haben er und die anderen Angeklagten zwar erstmal nichts: Keiner von ihnen hält sich laut Staatsanwaltschaft derzeit in den USA auf. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Big Boss" und seinen Helfern aber schlimmstenfalls 465 Jahre Haft.

Quelle: n-tv.de

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