Wirtschaft
(Foto: imago/ITAR-TASS)
Freitag, 19. Dezember 2014

Devisenreserven schmelzen: Wie flüssig ist Russland?

Von Jan Gänger

Um die Krise zu überwinden, setzt der Kreml vor allem auf einen Trumpf: die riesigen Währungsreserven. Doch zum Leidwesen der russischen Führung könnte sich herausstellen, dass Größe nicht alles ist.

Für Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist die Sache eindeutig: Sein Land werde schon allein wegen der üppigen Devisenreserven die Krise überstehen, sagte er auf der alljährlichen großen Pressekonferenz. Mit mehr als 400 Milliarden Dollar ist das Finanzpolster der Zentralbank tatsächlich außerordentlich umfangreich. Es ist allerdings problematisch, Währungsreserven nur nach der absoluten Höhe zu beurteilen.

Es stellen sich derzeit vor allem zwei Fragen: Sind die Reserven groß genug? Und können sie im Notfall schnell eingesetzt werden? Russlands Regierung und Zentralbank beantworten beide Fragen mit einem klaren Ja. So eindeutig ist die Sache allerdings nicht.

Zum 17. Dezember lagen die Reserven bei rund 410 Milliarden Dollar. Das ist zwar eine stattliche Zahl. Doch das heißt eben auch, dass das Finanzpolster angesichts der Währungskrise in diesem Jahr um fast 20 Prozent zusammengeschmolzen ist. Zu Beginn des Jahres hatte es noch bei mehr als 509 Milliarden Dollar gelegen.

Ein Teil der Devisenreserven wurde zudem in zwei Staatsfonds gesteckt. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg schätzt das derzeitige Volumen auf knapp 170 Milliarden Dollar. Nach Ansicht von einigen Analysten steht diese Summe der Notenbank nicht vollständig zur Verfügung. Ihrer Einschätzung zufolge ist ein Großteil der Fondsgelder in langfristigen Infrastrukturprojekten gebunden. Ein anderer Teil wird dazu verwendet, um russische Banken mit Dollar zu versorgen. Das ist nötig, weil sie wegen der westlichen Sanktionen vom US-amerikanischen und vom europäischen Finanzmarkt abgeschnitten sind.

Rosneft in Schwierigkeiten

Wie viel Geld gebunden ist, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Etwa 45 Milliarden Dollar der Reserven bestehen aus Gold. Weitere 12 Milliarden Dollar sind beim Internationalen Währungsfonds gebunden. Der britische "Economist" verweist auf Experten, denen zufolge die verfügbaren russischen Devisenreserven etwa 200 Milliarden Dollar betragen. Zugleich betont das Magazin, dass Vertreter der russischen Zentralbank und Ratingagenturen widersprechen und diese Zahl für viel zu niedrig halten.

Nicht nur russische Banken haben hohe Schulden in Fremdwährungen, auch Unternehmen haben sich im Ausland verschuldet. Alleine der sanktionierte staatliche Ölkonzern Rosneft muss in diesem Jahr der Bank of America Merrill Lynch zufolge 13 Milliarden und im kommenden Jahr 18 Milliarden Dollar Schulden zurückzahlen oder umfinanzieren. Rosneft-Chef Igor Setschin hat die russische Regierung deshalb mehrfach um Hilfe gebeten.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher weist auf ein weiteres Problem hin: "Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Land wie Russland gar nicht die Kapazität hat, hohe Schulden aufzunehmen", sagte er n-tv.de. Sowohl die Einnahmen als auch das Vertrauen in die Institutionen seien vergleichsweise gering.

Vor diesem Hintergrund sind selbst 410 Milliarden Dollar womöglich deutlich weniger eindrucksvoll, als es auf den ersten Blick scheint.

Quelle: n-tv.de