Wirtschaft

Deutschland und das Reich der Mitte Wie wichtig ist China wirklich?

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(Foto: dpa)

Der Besuch von Ministerpräsident Wen Jiabao wirft Licht auf die deutsch-chinesischen Beziehungen und die neue Rolle des roten Riesenreichs. Die deutsche Wirtschaft erhofft sich enorme Chancen. Für den Export sind derzeit die Österreicher noch wichtiger als die Chinesen.

Wenn es um China geht, scheinen sich deutsche Konzernlenker wie , und regelmäßig beinahe zu überschlagen: Die Chefs von Daimler, Siemens und Volkswagen wiederholen bei jeder Gelegenheit bereitwillig, welche enormen Chancen das bevölkerungsreichste Land der Erde ihrer Einschätzung nach für die deutsche Wirtschaft bietet.

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"Angst ist ein schlechter Ratgeber": Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao (Archivbild).

(Foto: REUTERS)

Mit seinen Wachstumsraten, einem stetig wachsenden Bedarf an Maschinen, Technik und Konsumgütern und anschwellenden Käuferschichten lockt China nicht nur Dax-Schwergewichte an. Der deutsche Mittelstand macht dank Qualität und Know-how bereits seit Jahren gute Geschäfte in Fernost. "Chinas wirtschaftlicher Aufstieg ist eine Chance und keine Bedrohung für die deutsche Wirtschaft", bestätigt denn auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben.

Dass Wirtschaftsmann Wansleben dabei ausdrücklich auf die Sorgen vor dem roten Riesenreich eingeht, zeigt, wie unheimlich vielen Deutschen der Aufstieg Chinas ist. Tatsächlich hegen hierzulande nicht nur Unternehmer erhebliche Bedenken, wenn sie in Richtung Peking blicken. Die große Mehrheit der Deutschen ist einer Umfrage zufolge besorgt über den zunehmenden Einfluss Chinas auf die deutsche Wirtschaft.

Mehrheit der Deutschen fürchtet China

78 Prozent der Befragten bereite es Sorgen, dass China in wachsendem Maße Unternehmen in Europa und Deutschland aufkaufe, berichtete zum Beispiel die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Yougov. Nur 11 Prozent begrüßten demnach diese Entwicklung. 58 Prozent der Befragten bewerteten es auch als negativ, dass China bald die stärkste Volkswirtschaft der Welt sein wird. Die ablehnende Haltung sei vor allem unter jüngeren Teilnehmern der Umfrage festzustellen, hieß es.

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Siemens-Hauptversammlung zu Jahresbeginn: Vor allem die boomende Nachfrage aus Schwellenländern wie Indien und China verschafft den deutschen Unternehmen Rückenwind.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Die deutsche Wirtschaft profitiert wie keine andere Volkswirtschaft in Europa vom Boom in China", hält DIHK-Chef Wansleben dagegen. Die Unternehmen würden mehr in die Volksrepublik exportieren als ihre Konkurrenten aus Frankreich, Großbritannien und Italien zusammen. "Deutschland ist damit Chinas wichtigster Handelspartner in Europa", betonte Wansleben.

In China selbst sieht man das offenbar nicht anders. Im Vorfeld des zweitägigen Deutschland-Besuchs von Ministerpräsident Wen Jiabao hatte sich das offizielle Mitteilungsblatt der Kommunistischen Partei in Peking erstmals in einer Art Weißbuch mit einem einzelnen europäischem Land befasst. Einem Bericht der "Welt" zufolge erheben die Parteiautoren Deutschland darin zum "bevorzugten europäischen Verbündeten." Die Zwischenbilanz der Machthabers Chinas lobt den deutsch-chinesischen Austausch ausdrücklich als umfangreicher als mit jedem anderen Land. Beispielhaft seien nicht nur der Jugendaustausch, sondern auch die Kooperation in der Bankenaufsicht, beim Klimaschutz und vor allem die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technologie.

Geschäftsgeheimnisse aus Germany

Doch gerade damit verknüpfen viele deutsche Unternehmer ihre größten Sorgen: Durch den zuweilen vorgeschriebenen Zwang zum Technologietransfer, strenge Investitionsvorgaben und den aus deutscher Sicht unzureichenden Schutz für geistiges Eigentum, Urheberrechte und Patente sehen sie ihre geschäftliche Zukunft im Kern bedroht. Mit zunehmendem Wohlstand treten chinesische Konzerne verstärkt auch als Investoren in Deutschland auf. Die Angst vor einem Ausverkauf ins Ausland gilt unter finanzschwachen Technologieführern in der deutschen Unternehmenslandschaft längst als reales Bedrohungsszenario.

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Deutschland und China: Vor Beginn einer langen gemeinsamen Reise?

(Foto: REUTERS)

Angesichts tiefsitzender Sorgen warnt Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler vor Panikmache. "Angst ist immer ein schlechter Ratgeber", sagte der FDP-Politiker im Hinblick auf den rasanten Aufstieg der Volksrepublik. Mögliche Übernahmen deutscher Unternehmen durch Konkurrenten aus China sieht Rösler gelassen. "Wir begrüßen das große chinesische Interesse an Direktinvestitionen in Deutschland", sagte Rösler der "Bild"-Zeitung. "Es ist gut für unsere Wirtschaft, für Wachstum und Beschäftigung, wenn sich Investoren langfristig bei uns engagieren und hier Arbeitsplätze schaffen."

China biete für die deutsche Wirtschaft große Chancen. "Denn die deutsche Wirtschaft profitiert vom starken Wachstum des chinesischen Marktes." Zwar konkurriere China immer stärker auf den internationalen Märkten mit deutschen Unternehmen, gerade auch im Bereich der Hochtechnologie. "Wir sind hier aber gut gewappnet: Deutsche Unternehmen stehen im internationalen Wettbewerb ausgezeichnet da", sagte Rösler.

Österreich wichtiger als China?

In nackten Zahlen betrachtet, erscheint die Aufregung um China ohnehin leicht übertrieben. Im vergangenen Jahr lag die Volksrepublik in der Rangliste der wichtigsten Handelspartner der deutschen Exportwirtschaft lediglich auf Platz 7. Deutschland lieferte laut Statistischem Bundesamt Waren im Wert von rund 53,6 Mrd. Euro nach China aus - und damit etwas weniger als zum Beispiel nach Österreich (53,7 Mrd. Euro), nach Italien (58,5 Mrd. Euro) oder in die Niederlande (63,2 Mrd. Euro).

Diese drei europäischen Partner weisen freilich eine weitaus geringere Dynamik auf. Bei den Einfuhren wirken die Daten schon beeindruckender: Hier liegt China mit einem Volumen von 76,5 Mrd. Euro mit deutlichem Abstand auf Platz 1 - vor den Niederlanden (68,8 Mrd. Euro), Frankreich (61,7 Mrd. Euro) und den USA (45,1 Mrd. Euro). Hinter der Importstärke verbergen sich die , die auch viele deutsche Unternehmen zur Auslagerung der Produktion nutzen.

Blick in die Wirtschaftswelt von Morgen

Bei den Umsätzen im deutschen Außenhandel schafft es China trotz allem nicht auf den Spitzenplatz. Hier rangiert das Schwellenland nach Frankreich und den Niederlanden auf Platz 3. Doch woher rührt dann die Aufregung um die neue Wirtschaftsmacht? Um die Begeisterung von Unternehmern wie Zetsche, Löscher oder Winterkorn zu verstehen, lohnt ein Blick auf Stichworte wie Absatzmarkt und Wirtschaftswachstum. Erst im vorvergangenen Jahr ist China an Deutschland vorbei zur zweitgrößten Volkswirtschaft aufgestiegen.

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Die Flaggen haben zwei Farben gemeinsam: Tischschmuck zu Beginn deutsch-chinesischer Konsultationen (Archivbild).

(Foto: picture-alliance/ dpa)

China gilt unter Ökonomen mittlerweile als "Wachstumslokomotive der Welt". Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) rechnen für das laufende und das kommende Jahr in China mit Wachstumsraten um die 9,5 Prozent. Die wirtschaftliche Macht der Volksrepublik beginnt sich also gerade erst zu entfalten. Wenn es keine größeren Verwerfungen in China selbst gibt, dürfte die Bedeutung Chinas als Handelspartner Deutschlands aller Wahrscheinlichkeit binnen kurzem erheblich steigen. Gleichzeitig scheinen die in einer Phase der wirtschaftlichen Stagnation gefangen.

Dass sich die Welt dramatisch verändert, betonen weitblickende US-Beobachter schon seit Jahren. "Das Gravitationszentrum der Welt wird sich vom Atlantik zum Pazifik verschieben", hatte zum Beispiel der frühere US-Außenminister Henry Kissinger bereits 2005 festgestellt. Es ist genau diese Bewegung, auf die sich nicht nur Unternehmen wie Daimler, Siemens und VW einstellen müssen.

Quelle: ntv.de, mit dpa/rts