Wirtschaft
Tesla setzt auch auf den chinesischen Markt.
Tesla setzt auch auf den chinesischen Markt.(Foto: AP)
Freitag, 25. November 2016

German Angst: Wo bleibt das deutsche Tesla?

Ein Kommentar von Martin Kaelble, Capital

Statt immer nur auf das Silicon Valley zu starren, sollten wir die Technologie-Täler Europas mehr beachten. Es muss hierzulande mehr Start-ups geben aus Branchen, in denen Deutschland global führend ist.

Vor Jahrzehnten waren es mal die Ford-Werke, später war Japan das Zukunftslabor der Welt, dann China und nun wieder Amerika. Das Silicon Valley ist der Pilgerort des 21. Jahrhunderts, Kalifornien das gelobte Land unserer Zeit. Glorifiziert, überhöht, verehrt.

Der Tenor lautet dabei stets: Wir müssen vom Valley lernen. Der Blick ist voll Ehrfurcht und oft genug gepaart mit einem – Verzeihung - typisch deutschen Unterlegenheitsgefühl. Längst ist die tastende Orientierungssuche einer unkritischen Überhöhung gewichen.

Das ist gefährlich. Natürlich müssen wir vom Valley lernen. Aber letztendlich müssen wir unseren eigenen Weg finden.

Wir sollten uns mehr auf unsere Stärken in Deutschland und Europa besinnen. Als Wannabe-Valley werden wir nie das Level des Originals erreichen. Setzen wir auf unseren eigenen Weg, können wir die Amerikaner dagegen auf einigen Gebieten sogar abhängen.

Im Marketing sind die Amerikaner Weltklasse. Wir sind eher tüftelnde Ingenieure, die sich mit der Selbstvermarktung schwer tun. Im B2C (business-to-consumer) sind die Amerikaner überragend, die deutsche Wirtschaft hat besondere Stärken im B2B-Bereich (business-to-business). Die Amerikaner sind gut in Software, wir sind Global Champions in Hardware.

Aber warum bestehen unsere Start-ups dann seit Jahren in erster Linie aus E-Commerce-Buden? Wo doch unsere vorhandenen Stärken eher im Deep-Tech und Ingenieurwesen liegen?

Weg des geringsten Risikos

Eine Erklärung lautet: German Angst. Denn indem man bekannte Modelle aus den USA kopiert, minimiert man das Wagnis. Es ist der Weg des geringsten Risikos. Aber nicht das Beste was wir können.

Oder anders ausgedrückt: Statt einem Zalando hätte es eigentlich längst ein deutsches Tesla geben müssen.

Warum wurde Tesla nicht in Deutschland erfunden? Weil die guten Ingenieure lieber auf Nummer Sicher zu VW gehen, als selbst etwas zu gründen. Weil die Innovationen hierzulande eher von den etablierten Playern kommen, diese aber nie so disruptiv sein können wie ein mit Venture Capital gefüttertes Start-up. Und weil es schon einen Elon Musk braucht, um ein so ambitioniertes Projekt wie Tesla hochzuziehen - Herr Musk aber in Deutschland als Spinner abgestempelt werden würde.

Natürlich ist noch nicht absehbar, ob die Wette Tesla am Ende funktioniert oder nicht. Aber ganz gleich ob Tesla nun als riesige Bubble verpufft oder nicht – als Impuls für den Autoindustrie-Standort wäre ein deutsches Tesla überragend. Die Autobranche, als Rückgrat der deutschen Wirtschaft, wird nicht allein durch die etablierten Autokonzerne überleben können, da können BMW und Daimler noch so viele Labs im Silicon Valley bauen. Wenn Deutschland also global beim Automobil auch in der Zukunft mitspielen will, dann braucht es in Deutschland Auto-Start-ups wie Tesla.

Und ein deutsches Tesla wäre nur konsequent. Ein Start-up - kein Lieferdienst, sondern Auto. Ein Start-up, das auf die vorhandenen Stärken der hiesigen Wirtschaft zurückgreift, in denen wir besser sind als die Amerikaner.

Mehr Start-ups aus Deep Tech

Und genau darum geht es: Es sollte mehr Start-ups geben aus Branchen in denen Deutschland global führend ist. Auto, Maschinen, Materials, Cleantech. Kurzum: Deep-Tech. Den Prozess der Digitalisierung zu begleiten, bietet neue Geschäftsmodelle, viele davon im B2B-Bereich. Die Synergien zur etablierten Wirtschaft sind enorm.

Allerdings braucht es dafür mehr Mut auf Investorenseite, weil die Geschäftsmodelle komplexer sind, es mehr Zeit und Risiko braucht, bis sich die Investition auszahlt.

Nun ehrlicherweise muss man auch sagen: eine ganze Reihe solcher Start-ups gibt es bereits in Deutschland. Und es ist auch einiges in Bewegung geraten. Aber wir Journalisten haben eine Obsession für Internet-Start-ups, deren Geschäftsmodelle sexy und leicht zu erklären sind. Die Berichterstattung ist in völligem Ungleichgewicht, zum Nachteil der Hardware- und B2B-Buden, die es hierzulande auch gibt, abseits des Berliner Rampenlichts, das allein den Rockets und Zalandos gehört.

Es könnte noch viel mehr von diesen Start-ups geben. Wenn wir anfangen würden, nicht mehr nur auf das Valley, sondern auch auf die Technologie-Täler Deutschlands und Europas zu schauen.

Dieser Text erschien zunächst bei Capital.

Quelle: n-tv.de