Kolumnen

Zwischen IAA und "roter Gefahr" Hat der Autostandort Deutschland Zukunft?

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Mercedes CLA: Deutsche Premiummodelle verkaufen sich bisher gut. Aber wie sieht es künftig aus? Auch darüber wird auf der IAA diskutiert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die IAA steht an und lockt Millionen Fachbesucher und Autoverrückte an. Die deutschen Produzenten rücken sich ins rechte Licht. Doch auch ausländische Hersteller und Zulieferer machen mobil - und rüsten auf. Wie zukunftsfähig ist der Standort Deutschland?

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Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Die Internationale Automobilausstellung (IAA) öffnet in wenigen Tagen in Frankfurt zum 65. Mal ihre Tore - nach Meinung des Branchenverbandes VDA die "automobilste Show der Welt". Die einen eilen zu den Ausstellungen, weil sie als Fachbesucher "Benzin im Blut" haben und sich seriös informieren wollen. Die anderen lechzen als "Otto-Normal-Verbraucher und PS-Freaks" emotional nach PS- und Luxuskarossen. Sie wollen die Shows sehen, genießen die hübschen Messehostessen sowie das Brimborium rund ums Kernthema Automobil. So gibt es beispielsweise eine Fahrschule für Kinder!

So oder so, jeder Besucher muss eine gesunde physische Konstitution mitbringen, will er die Fülle des automobilen Angebotes der rund 1000 Aussteller auf einer Fläche von 230.000 Quadratmeter auch nur halbwegs fußläufig erkunden. Eine gesunde Konstitution braucht auch die deutsche Automobilindustrie als Ganzes, Hersteller wie Zulieferer. Denn wie die "Automobilwoche" vermeldet, ist der Automarkt in Europa am Boden.

Asiens wachsende Bedeutung

Oh je, oh je! Wäre diese Prognose richtig, wären allerdings Zweifel berechtigt, ob aus der 65. IAA eine fröhliche PS-Party wird, auch wenn die Autobauer auf den Messeständen mit Sicherheit keine schlechte Stimmung verbreiten werden. Wozu die meisten Zulieferer sowie die deutschen Premium-Hersteller auch gar keinen Grund haben: Die IAA-Besucher dürfen sich auf ein Füllhorn von Modellneuheiten quer durch alle Pkw-Segmente freuen, unter denen trotz schlechter Zeiten auch echte Highlights stecken. So weist VDA-Präsident Wissmann zu Recht gewohnt optimistisch darauf hin, dass es " ... nirgendwo sonst mehr Weltpremieren, mehr Hersteller, mehr Zulieferer, mehr Innovation" gibt als auf der IAA.

Richtig! Und nirgendwo sonst gibt es mehr Wettbewerb auf engstem Raum, hätte er noch ergänzen können. Das zeigt sich allein daran, dass der Anteil ausländischer Aussteller an der 65. IAA inzwischen bei fast der Hälfte (43 Prozent) liegt, nach nur 32 Prozent bei der IAA 2011.

Darin spiegelt sich vor allem die zunehmende Bedeutung des Wirtschaftsraumes Asien wider. Mehr als ein Viertel der ausländischen Aussteller kommt aus dem asiatischen Raum (IAA 2011: 19 Prozent). Die Anzahl der chinesischen Zulieferer hat sich gegenüber dem Jahr 2011 mit mehr als 120 sogar verzehnfacht. Auch insgesamt hat die Anzahl der Zulieferer deutlich zugenommen. Sie liegt mit 375 um 23 Prozent höher als noch 2011.

Die Frage nach der Zukunft

Das wachsende automobile Angebot ist allein dem starken Wachstum der asiatischen Automobilmärkte zu verdanken und steht in scharfem Kontrast zur strukturell sinkenden Pkw-Nachfrage in Europa und Japan. In Europa haben die Zulassungen 2012 den niedrigsten Stand seit 30 Jahren erreicht. Und das ist nicht nur der Wirtschaftskrise und der Konjunktur geschuldet, sondern vor allem dem längerfristigen Trend.

Trotz all dieser negativen Faktoren scheut der VDA nicht vor der Frage nach der Zukunft der Automobilproduktion am Standort Deutschland zurück. In einer illustren Podiumsrunde werden sich Vertreter aller Lager der Branche - OEM, Zulieferer, Gewerkschaften, Betriebsräte und der VDA  -  öffentlich darüber die Köpfe zerbrechen, ob die Automobilproduktion überhaupt noch eine Zukunft am Standort Deutschland hat. Stimmen die Rahmenbedingungen? Welche Entscheidungen müssen Politik, Unternehmen und Gewerkschaften heute treffen, um Standorte und Beschäftigung in der deutschen Automobilindustrie zu sichern?

Ein Ausblick

Auch wenn natürlich vorher niemand das Ergebnis der Diskussion kennen kann, sei dennoch - auf der Grundlage von vierzig Jahren Erfahrungen in der Automobilindustrie - zu wesentlichen Punkten folgende Prognose gewagt:

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Die neue S-Klasse als Hoffnungsträger des Daimler-Konzerns

Keiner der Beteiligten wird die Zukunft der Automobilproduktion in Deutschland ernsthaft in Zweifel ziehen! Auch wenn das keiner so öffentlich verlauten lassen wird: Die deutsche Automobilindustrie ist gegenwärtig in allen Belangen Weltmarktführer, die neue Mercedes S-Klasse oder die Carbon-BMW i3 und i8 sind dafür repräsentativ.

Ebenso wenig dürfte aber auch einer der Diskutanten darauf hinweisen, dass der Abstieg des Produktionsstandortes Westeuropa bereits in vollem Gange ist. Betroffen sind davon vor allem die Volumenhersteller, die sich preislich mit ausländischen Qualitätsimporten auch aus Korea, Indien und Rumänien herumschlagen müssen. Ford schließt Werke in Belgien und England, Opel macht Bochum dicht und Peugeot stellt die Produktion in Aulnay bei Paris ein. Allein Fiat hat seine Produktion seit dem Jahre 2000 um zwei Drittel auf 640.000 Einheiten gekürzt, weil Konzernchef Marcionne die wirtschaftlichen Zustände in Italien für untragbar hält.

Feststellungen und Forderungen

Die Unternehmen werden auf den steigenden Wettbewerbsdruck von außen, etwa aus China, verweisen, der von ihnen noch höhere und risikoreichere Investitionen in Forschung und Entwicklung fordere und damit auch höhere Gewinne notwendig mache. Gleichzeitig aber auch von den Belegschaften und Gewerkschaften noch mehr Kostenkonstanz und Arbeitsflexibilität verlange.

Die Arbeitnehmervertreter ihrerseits werden auf die Verknappungen am Arbeitsmarkt verweisen. Und darauf, dass die steigenden Qualifikationsanforderungen auch in den Lohntüten ihren Niederschlag finden müssten.

Und alle zusammen werden unisono vehement die - nicht vertretene - Politik in die Pflicht nehmen, die für automobil- und industriefreundliche Rahmenbedingungen zu sorgen habe. Und dies zu Recht! Denn nicht von innen, sondern von außen lauern für den Automobilstandort Deutschland die größten Gefahren.

Vorsicht ist geboten

Dabei lassen sich zwei Haupt-Gefahrenquellen identifizieren: zum einen eine Verschlechterung der gesetzlichen wie ökonomischen Rahmenbedingungen. Stichwörter wären etwa "CO2-Gesetzgebung", Versorgung mit Rohstoffen wie Seltenen Erden oder auch Wechselkursverschlechterungen durch Euro-Aufwertung.

Hochgradig gefährdet wäre der Automobilproduktionsstandort dann, wenn die Umweltschutzgesetzgebung so gestaltet würde, dass in Europa davon ausschließlich die deutschen Premiumhersteller - das Rückgrat der Branche - getroffen würden. Bundeskanzlerin Merkel hat zwar jüngst in Brüssel das Schlimmste verhindern können, die Gefahr ist aber nach wie vor latent vorhanden. Faustformel in Zeiten der Globalisierung: Wo keine Autos mehr gefahren werden dürfen, werden auch keine mehr gebaut.

Zum anderen würde der Produktionsstandort Deutschland auch dann getroffen, wenn sich Wachstumsmärkte wie China hinter Zollschranken verbarrikadierten und damit ein Export hochwertiger Automobile oder Zulieferteile aus Deutschland nicht mehr möglich wäre. Das würde das Aus für ganze Produktlinien bei BMW, Daimler und Porsche bedeuten.

Fakt ist, dass der Protektionismus, versteckt oder offen über Einfuhrzölle (zum Beispiel: Indien 100 Prozent, Brasilien bis zu 47 Prozent), weltweit im Vormarsch ist. Bereits heute laufen zwei Drittel der deutschen Neuwagen im Ausland vom Band, nur die luxuriösesten Karossen kommen noch direkt aus Deutschland.

Warnende Hinweise

Fazit: Auch der Produktionsstandort Deutschland ist kein Selbstläufer mehr. Fakt ist, dass in Deutschland nach 2003 mit BMW in Leipzig keine neuen Automobilfabriken mehr gebaut wurden - wohl aber viele unter deutscher Regie im Ausland. Allein VW baut in China sieben neue Werke, davon werden fünf 2013 eröffnet. Hinzu kommen Produktionsverlagerungen bei Audi nach Genk (Belgien) und Györ (Ungarn) auf Geheiß der großen Konzernmutter sowie bei Daimler nach Tuscaloosa (USA) und Kecskemét (Ungarn). Das sind deutliche Warnzeichen!

Ohne Sicherung der deutschen Kernbeschäftigung von BMW, Daimler und VW/Audi würde der Automobilstandort Deutschland einen steinigen Weg vor sich haben. Darin dürften sich alle Teilnehmer der IAA-Podiumsdiskussion einig sein.

Die nächste Kolumne erscheintt am 30. September zum Thema "VW, der Eroberer".

Quelle: ntv.de