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Klima-Rosskur für Europa Wer nicht losgeht, kommt nicht an

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Die EU will weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energieträgern.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Europa soll bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden. Das wird anstrengend und vor allem teuer - für die Wirtschaft und für die Menschen in Europa. Konflikte sind programmiert.

Alles fit? Nein, gar nicht! Der Name des spektakulären EU-Klimaschutzprogramms "Fit for 55" täuscht. Das ist kein Fitness-Training mit dem Ziel eines grüneren und klimafreundlicheren Europas. Das, was das Team um EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in dem lange erwarteten Klimaschutzprogramm vorschreibt, wird eine Rosskur. Manche werden scheitern. Für die Übrigen ist ein gehöriger Muskelkater programmiert.

Das neue Ziel der EU, bis zum Jahr 2030 den CO2-Ausstoss um mindestens 55 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 zu senken, macht vieles teurer - und anders. Strompreise und Transportkosten werden weiter steigen. Unser Konsumverhalten wird sich ändern. Ganze Industrien müssen sich neu erfinden. Am Ende steht der fast komplette Verzicht auf Öl, Kohle und Gas.


Auf mehr als 1000 Seiten haben die Brüsseler Bürokraten notiert, wie die 27 EU-Staaten ihre Klimaziele erreichen sollen. Überbordende Kritik ist fehl am Platze. Die EU-Kommission setzt nur das um, was sie gemeinsam mit den Mitgliedstaaten und dem EU-Parlament längst beschlossen hat.

Jetzt gilt es zu liefern. Jeder Einzelne und jedes Unternehmen hat seinen Anteil daran, dass der Plan aufgeht. Es wird ungemütlich werden. Sich lautstark und pauschal dem Schutz von Umwelt und Klima zu verschreiben, war lange einfach. Jetzt, wo immer klarer wird, wo die Reise hingeht und konkrete Restriktionen erkennbar sind, wird es unbequem.

Aus der Transformation kann ein Aufschwung entstehen

Die Risiken für eine florierende Wirtschaft, die Wohlstand sichert, sind enorm. Ein Beispiel, welche Transformationsleistungen erforderlich werden, liefert die Autoindustrie. Ab dem Jahr 2035 sollen Neuwagen keine Emissionen mehr verursachen dürfen. Die EU verbietet damit die Verbrennungsmotoren. Die Autobauer reagieren. Immer mehr Elektro-Modelle feiern Premiere. Audi zum Beispiel will schon in vier Jahren gar keine neuen Verbrennerautos mehr präsentieren. Zulieferer, die Teile herstellen, die künftig nicht mehr gebraucht werden, verfallen in Panik. Ingenieure stellen ihr Studium infrage. Und Autofahrer fragen sich, wie das funktionieren soll, wo es doch viel zu wenige Ladesäulen gibt.


Es wird spannend sein, wie die Politik sich verhält. Bislang geht vieles zu langsam. Anbieter von Windkraftanlagen beklagen zu langwierige Genehmigungsverfahren. Und Stahlproduzenten fürchten, dass sie im globalen Wettbewerb noch häufiger den Kürzeren ziehen. Denn die vorgelegten Klima-Ziele beschränken sich nur auf Europa. Heimische Unternehmen, die zum Beispiel mit chinesischen Firmen außerhalb der EU konkurrieren, könnten einen Nachteil erleiden. Schutzzölle und internationale Vereinbarungen würden das verhindern. Es könnten aber Handelskonflikte drohen.

Dennoch: Das Klimaschutzprogramm der EU weist den Weg in die richtige Richtung. Durch bloße Lippenbekenntnisse wird der Planet nicht gerettet. Die ersten Schritte fallen sicher schwer. Aber wer nie losgeht, kommt auch nie an. Wichtig ist, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit so viele Arbeitsplätze wie möglich geschützt werden. Dann kann durch die Transformation sogar ein Aufschwung entstehen.

Quelle: ntv.de

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