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"Licht ins Dunkel tragen" Alexander Gerst träumt vom Mars-Abenteuer

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Will die Geheimnisse lüften, die im Weltraum auf den Menschen warten: Alexander Gerst - hier beim Außenbordeinsatz auf der ISS im Oktober 2014.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Im Juni fliegt Esa-Astronaut Gerst zum zweiten Mal zur Internationalen Raumstation – diesmal als Commander. Doch damit haben sich für ihn noch längst nicht alle Träume erfüllt. Im Interview erzählt er von weiteren Plänen, vom WG-Leben auf der ISS und von Runglisch.

Herr Gerst, Sie haben heute Morgen schon eine Trainingseinheit in der Sojus-Kapsel absolviert. Was haben Sie erlebt?

Heute wurden zwölf verschiedene Pannen simuliert. Einige davon wären im Ernstfall auch kritisch gewesen. Wir hatten zum Beispiel einen Triebwerksausfall, ein Leck an Bord, wir hatten auch kleinere Sachen, wie ein Funkgerät, das kaputtgegangen ist. Wir haben es trotzdem geschafft, zu landen. Eine Feuersimulation hatten wir heute nicht, insofern war das Training noch recht human, trotz der zwölf Ausfälle. Aber es gibt immer mal wieder auch Tage, wo man aus dem Training rauskommt, und man ist schweißnass. Vor allem dann, wenn die Ventilation für den Raumanzug ausfällt, dann sitzt man drei Stunden lang kurz vor dem Überhitzen und verliert dabei zwei Liter Wasser.

Die Pannenbewältigung ist derzeit also der Schwerpunkt Ihres Trainings?

Mittlerweile geht es nicht mehr darum, dass wir Sachen neu lernen, sondern dass wir alles nochmal eintrainieren und die Kommunikation einstimmen, dass man lernt, wie der andere kommuniziert. Wir haben viele Notfalltrainings zusammen gehabt, nicht nur in der Sojus, sondern auch an Bord der Raumstation. Darüber hinaus nehmen jetzt die wissenschaftlichen Versuche Form an. Das heißt, wir fangen jetzt wirklich an, die konkreten Versuche zu trainieren, die wir dann an Bord durchführen. Dabei sind wir auch selbst Versuchskaninchen. Wir werden beispielsweise regelmäßig im Kernspintomographen untersucht oder wir geben Blut ab. Das passiert gerade in den letzten Wochen und Monaten vor dem Flug.

Was steht für Sie wissenschaftlich noch auf dem Programm?

Wir werden auch diesmal wieder zahlreiche Experimente durchführen. Aus dem Bereich der Materialwissenschaft zum Beispiel. In einem erforschen wir Granulate für industrielle Prozesse. Wir wollen besser verstehen, wie sich Granulate physikalisch verhalten. Das ist wichtig zum Beispiel für die Pharmazie oder für die Bauwissenschaft. Man muss wissen, wie sich Zement vermischt oder Sand oder wie man Medikamente so abfüllt, dass sie immer genau die gleichen Inhaltsstoffe haben. Dafür muss man grundlegende physikalische Gegebenheiten erforschen, und das können wir in diesem Fall auf der Raumstation machen. Dann haben wir Experimente zum Kristallwachstum oder zur Erforschung von Legierungen. Wir haben auch einige Experimente zur Immunphysiologie dabei, in denen es darum geht, dass wir das menschliche Immunsystem und Krebserkrankungen besser verstehen.

Sie waren bereits im Jahr 2014 auf der ISS mit der Mission Blue Dot. Was wird auf dieser zweiten Mission für Sie anders sein?

Ich kann jetzt besser einschätzen, was wichtig ist und was nicht. Die Kunst des Astronautendaseins ist ja, dass man unnütze Informationen von nützlichen trennt und filtert. Das ist für mich vor allem wichtig, weil ich jetzt als Commander freie Kapazitäten brauche. Vorher war mir auch nicht so klar, wieviel Arbeit das tatsächlich schon im Vorfeld des Fluges sein wird. Mit der Crew muss vieles koordiniert werden. Jeder muss zum Beispiel genau das Training bekommen, das er oder sie braucht. Man muss auch schauen, dass sich alle von der Crew und von der Bodenstation gut kennen. Wenn man später ein Problem im Orbit hat, dann ist es extrem wichtig, dass nicht irgendwo jemand anruft, den man noch nie gesehen hat. Ein Problem ist viel einfacher zu lösen, wenn man sich kennt. All das ist eine wirklich tolle Aufgabe. Mir macht es riesig Spaß, weil es etwas ist, wo ich merke, da kann ich mit meiner Erfahrung doch einen Unterschied machen. Ich kann den Kollegen, die noch nicht geflogen sind, hier vielleicht eine Angst oder da eine Sorge nehmen. Und es macht Spaß, wenn man sieht, dass die Crew zusammenwächst, in ihrer Kapazität als Mannschaft wächst.

Sie sind auf der ISS rund um die Uhr mit der Crew zusammen. Geht man sich da auch manchmal auf die Nerven?

Bei meinem letzten Flug gab es wirklich keine Situation, wo wir uns irgendwie richtig angenervt hätten. Das liegt daran, dass wir als Kollegen nicht einfach nur zusammengewürfelt werden. Wir trainieren so lange in den krassesten Situationen, beim Winter Survivaltraining, bei -30 Grad etwa, wo man ohne Schlafsack, ohne Zelt nachts draußen im Schnee sitzt. Da kommen diese Sachen vorher raus. Man lernt sich kennen und weiß, wo der andere vielleicht ein bisschen was für sich braucht. Und dann kommt noch das große Volumen der Raumstation dazu. Die ist ja fast so groß wie eine Boeing 747 – und man ist zu sechst da. Das heißt, es passiert tatsächlich öfter mal, dass man einen halben oder ganzen Tag in irgendeinem Modul arbeitet und fast niemanden sieht.

Sie kommen aus unterschiedlichen Nationen. In welcher Sprache kommunizieren Sie?

Russisch ist die offizielle Sprache in der Sojus-Kapsel. Im Notfall können wir aber immer auf Englisch wechseln. Auf der Raumstation geht das dann fließend hin und her. Mit Sergei Prokopjew ist es oft so, dass er auf Englisch antwortet und ich auf Russisch. Wir nennen das dann Runglisch.

Was machen Sie, wenn einer von Ihnen da oben krank wird?

Ich habe diesmal mit Serena Auñón-Chancellor eine Ärztin dabei. Das ist natürlich ein Bonus. Aber wir alle haben eine CMO-Ausbildung, eine Ausbildung zum Crew Medical Officer. Das heißt, ich kann Basisbehandlungen selbst durchführen. Das ist aber recht begrenzt. Ich könnte zwar einen Zahn ziehen, eine Wunde nähen, Blut abnehmen, aber zu einer Blinddarmoperation würde es nicht reichen. Für den Rest hat man Hilfe vom Boden. Wir haben jederzeit in der Bodenkontrolle einen Flight Surgeon, einen Fliegerarzt, der bereit ist, mir zur Hand zu gehen, und der mir sagen könnte, hier schneiden, hier nähen, hier eine Spritze. Wenn was wirklich Schlimmes passiert, ja, dann muss man nach Hause fliegen. Wir haben immer die Kapsel, mit der wir gestartet sind. Die ist immer startklar für einen Heimflug. Innerhalb von wenigen Stunden wären wir auf der Erde.

Was nehmen Sie in Ihrem persönlichen Gepäck mit?

Beim letzten Mal habe ich mir wahnsinnig Gedanken darüber gemacht. Diese anderthalb Kilo, ich habe da sehr viel Signifikanz reininterpretiert, weil ich gedacht habe, es wird bestimmt Momente geben, wo ich da oben sitze und Heimweh habe. Aber ehrlich gesagt, ich habe gemerkt, ich brauche da oben überhaupt nichts. Alles, was man logistisch braucht, also Essen, Klamotten und so weiter, hat man. Ich denke, was mir wichtig war und ist, sind Fotos von Freunden, von meiner Familie, vielleicht ein paar Andenken, die ich in meiner Kabine aufhängen kann. Zudem sind die Kommunikationsmöglichkeiten da oben sehr gut. Ich kann meine Familie jeden Tag auf dem Handy anrufen.

Haben Sie Lieblingsplätze auf der ISS?

Ein toller Platz ist die Cupola – die Kuppel der ISS. Ich habe es aber auch immer genossen, mich mal in irgendeine Ecke zu verziehen, in der ich sonst fast nie bin. Es gibt ja Module, wie die russischen Wissenschaftsmodule, da kommt man als auf unserer Seite arbeitender Astronaut relativ selten hin. Wir können da überall hinfliegen. Manchmal habe ich mich auch in meine Sojus reingesetzt, einfach mal auf den Sessel gesetzt und zum Fenster rausgeschaut. Und dann gibt es in den ganzen Modulen auch Fenster, die zwar relativ klein sind im Vergleich zur Cupola, die einem aber einen besonderen Blickwinkel auf die Raumstation ermöglichen. Oder manchmal auch nach oben raus, was man relativ selten sieht. Die meisten Fenster in so einer Raumstation gehen nach unten raus, also zur Erde hin. Die Raumstation wird immer so ausgerichtet, dass die Erde unten ist. Und dann ist es wirklich schön, auch mal oben rauszuschauen und plötzlich die Milchstraße zu sehen.

Sie sind jetzt Commander auf der ISS, davon träumen sicherlich viele Menschen. Wovon träumen Sie noch?

An Träumen hat es mir noch nie gemangelt. Nur dadurch, dass ich jetzt einen Teil meiner Träume realisieren konnte, sind die anderen nicht weniger geworden. Ich finde es nach wie vor total spannend zu reisen, mir wieder mal ein paar Vulkane anzuschauen, vielleicht noch mal in die Antarktis zu gehen. Ich freue mich darauf, mit meiner Partnerin durch den Himalaja zu wandern. Das sind alles Dinge, von denen ich träume. Zur ISS zu kommen, ist wunderschön, aber natürlich träumt jeder von meinen Kollegen, und ich eben auch, weiter rauszufliegen, zum Mond und weiter zum Mars, auf diese Abenteuer zu gehen, die Geheimnisse zu lüften, die da draußen auf uns Menschen warten. Mehr zu verstehen über unsere kosmischen Nachbarn, könnte für unsere Erde extrem wichtig sein. Dazu würde ich gern einen Teil beitragen, weil ich gerne Licht ins Dunkel trage. Ich glaube, das war auch der Grund, warum ich Wissenschaftler geworden bin, ich wollte nicht nur Sachen für mich selber rausfinden, sondern ich hatte dann immer erst die Befriedigung, wenn ich das auch aufgeschrieben und geteilt hatte.

Mit Alexander Gerst sprach Roland Koch, helmholtz.de. Das vollständige Interview finden Sie hier.

Quelle: ntv.de