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Nach Corona-Studie aus England Antikörper-Schwund kein Grund zur Sorge?

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Antikörper-Test - reagiert dieser nicht positiv, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass keine Antikörper mehr vorhanden sind.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Eine britische Studie zeigt, dass bei einem Viertel der Corona-Infizierten nach einigen Monaten keine Antikörper mehr zu finden sind. Ist also eine rasche Wiederansteckung möglich? Und was bedeutet das für einen Impfstoff? Experten warnen vor voreiligen Schlüssen.

Für Aufsehen sorgte Anfang der Woche eine Studie aus Großbritannien. Forscher des Imperial College London hatte über mehrere Monate mehr als 350.000 Erwachsene auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht. Das Ergebnis verblüffte in zweierlei Hinsicht: Es zeigte nicht nur, dass Ende Juni mindestens 6 Prozent der Teilnehmer Antikörper im Blut hatten - ein Hinweis darauf, dass sich mehr als drei Millionen Briten zu diesem Zeitpunkt schon infiziert hatten, zehnmal so viele wie damals bekannt. Die britischen Forscher beobachteten zudem, dass der Anteil von Menschen mit nachweisbaren Corona-Antikörpern zurückgegangen war.

Um genau zu sein: Statt bei 6 Prozent Ende Juni konnten im September nur noch bei 4,4 Prozent der Teilnehmer Antikörper nachgewiesen werden - ein Rückgang von rund 26 Prozent. Eine Beobachtung, die gleiche zwei Sorgen rund um das Coronavirus befeuert: Erstens, ob Menschen sich erneut mit dem Erreger anstecken können, worüber es bereits Einzelfallberichte gibt. Und zweitens, ob ein Corona-Impfstoff überhaupt eine anhaltende Immunität bei Menschen hervorrufen kann.

Doch zu übertriebener Sorge besteht womöglich kein Anlass: Experten betonen immer wieder, dass das Niveau an Antikörpern nach einer überstandenen Infektion meistens absinkt. Das Immunsystem verfügt schließlich über ein "Gedächtnis" - bei Bedarf können dann wieder neue Antikörper gegen einen Erreger produziert werden. So sagte etwa der US-Immunologe Scott Hensley gegenüber der "New York Times", ein sinkender Antikörperspiegel sei "Zeichen einer normalen, gesunden Immunantwort". Dies bedeute nicht, dass Menschen keine Antikörper mehr hätten und nicht mehr geschützt seien.

"Kein dramatischer Rückgang"

Zudem heißt es in dem "New York Times"-Bericht, dass die bei der britischen Studie verwendeten Tests nicht empfindlich genug seien, um etwa sehr geringe Niveaus an Antikörpern im Blut nachzuweisen. So könnten einige der Tests fälschlicherweise negativ ausgefallen sein. Etwa sei von Infizierten ohne oder nur mit milden Symptomen bekannt, dass sie weniger Antikörper aufweisen als jene mit starken Symptomen. In dem Artikel weist auch der in Singapur forschende Virologe Antonio Bertoletti darauf hin, dass laut der britischen Studie fast drei Viertel der getesteten Personen noch Monate nach einer Infektion Antikörper aufwiesen. "Das ist kein dramatischer Rückgang", so Bertoletti.

Es ist zudem nicht das erste Mal, dass ein Rückgang der Antikörper nach einer Covid-19-Infektion beobachtet worden war. Eine Studie der chinesischen Universität Chongqing etwa hatte gezeigt, dass die Menge an Antikörpern im Blut genesener Covid-19-Patienten innerhalb von zwei bis drei Monaten erheblich sinken kann. Weitere Untersuchungen kamen zu ähnlichen Befunden.

Auch die Autoren der britischen Studie betonen, dass ein gewisser Rückgang von Antikörpern in den Monaten nach der Infektion zu erwarten sei, da kurzlebige Immunzellen absterben. Allerdings würden langlebige Immunzellen üblicherweise weiterhin ein geringeres Niveau von Antikörpern produzieren - welches ausreichend sei, um dem Körper eine Immunität zu verleihen. Daher lasse die Beobachtung zum Schwund der Sars-CoV-2-Antikörper auch keine eindeutige Aussage über die mögliche Gefahr einer erneuten Infektion zu.

Coronaviren ein Sonderfall

Doch die britischen Autoren betonen auch, dass Coronaviren allgemein in Sachen Immunität ein Sonderfall sind. Denn im Gegensatz zu anderen Viren wie etwa dem Grippe-Erreger nutzt sich eine Immunität schneller ab. So hätten Studien gezeigt, dass Menschen sich bereits nach einem Jahr erneut mit einem Coronavirus anstecken können, während sie etwa gegen ein Rhinovirus weiterhin immun waren. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass eine einmal erworbene Immunität gegen Sars-CoV-2 in der Bevölkerung mit der Zeit abnimmt - und die Gefahr einer erneuten Ansteckung damit wieder wächst.

Eine schnelle Abnahme von Antikörpern habe allerdings nicht zwangsläufig Auswirkungen auf die Wirksamkeit von Corona-Impfstoffkandidaten, die sich derzeit in klinischen Studien befinden, heißt es vom Imperial College. Auch der Virologe Shane Crotty betonte gegenüber der "New York Times": "Ein Impfstoff muss nicht die natürliche Infektion nachahmen oder widerspiegeln." Impfstoffe könnten vielmehr so entworfen werden, dass sie eine viel stärkere Immunantwort hervorrufen als bei einer natürlichen Infektion. Er würde sich über die Befunde aus der britischen Studie daher keine allzu großen Sorgen machen.

Quelle: ntv.de