Wissen

Holz-Flugzeug mit RaketenantriebNS-Abfangjäger Natter sollte als Wegwerf-Waffe dienen

01.03.2026, 15:58 Uhr
imageVon Gernot Kramper
00:00 / 05:03
RECORD-DATE-NOT-STATED-Bachem-Ba-349-Natter-Engineers-Working-on-a-Bachem-Ba-349-Natter-Mounted-Vertically-on-a-Launch-Pad-During-Flight-Testing-in-Germany-During-WW2-Date-1945-PUBLICATIONxNOTxINxUKxFRAxBELxNEDxITAxDENxNORxSWExPOLxJPNxKORxTPE-Copyright-CopyrightxcGeminix2023
Die Natter wurde von einem Gestell aus senkrecht nach oben gestartet. (Foto: IMAGO/Gemini Collection)

Kurz vor seinem Untergang setzt das NS-Regime auf eine Vielzahl angeblicher "Wunderwaffen". Mit dem Abfangjäger Bachem Ba 349 will die Wehrmacht den alliierten Bomberverbänden gefährlich werden. Doch der erste bemannte Raketenstart der Geschichte am 1. März 1945 endet für den Testpiloten tragisch.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in Deutschland an immer mehr "Zukunftsprojekten" gearbeitet. Von Abwehrraketen über Stratosphärenbombern bis hin zu 200-Tonnen-Panzern. Diese Projekte hatten kaum Aussicht, jemals gebaut zu werden. Häufig verfolgten die Konstrukteure diese Visionen nur noch, um ihre Mitarbeiter vor einem Fronteinsatz zu bewahren. Doch von der Bachem Ba 349 - besser bekannt als Natter - gab es sogar flugfähige Prototypen. Der Abfangjäger war also weit über das Planstadium hinweggekommen. Das Projekt endete mit dem ersten Flug einer bemannten Rakete.

Vom Konzept her handelte es sich bei der Natter um eine Art von bemannter und bewaffneter Rakete. Entworfen allein zu dem Zweck, alliierte Bomber abzufangen. Ein ähnliches Modell existierte bereits: die Me 163 Komet. Auch sie wurde von einem Raketentriebwerk angetrieben. Dadurch konnte die 163 schneller steigen als jedes herkömmliche Flugzeug und so in wenigen Minuten die Flughöhe der Bomber erreichen und übersteigen. Dann war der Treibstoff verbraucht und die Maschine ging in den Gleitflug über, um so die Bomber zu attackieren.

Dem gleichen Grundkonzept folgte auch die Natter. Sie wollte allerdings die Probleme der Komet vermeiden und vor allem musste sie auf Materialien verzichten, die man im zusammenbrechenden Reich kaum noch bekommen konnte. So kam es, dass die Natter einerseits sehr moderne Features wie einen Schleudersitz besaß, andererseits aber aus Sperrholz gefertigt wurde. Ähnlich wie der "Volksjäger" Heinkel He 162 sollte die Natter einfach und in großen Stückzahlen zu bauen sein.

Der Entwurf stammte von Erich Bachem. Er war schon vor dem Krieg in der Segelflugszene aktiv und hatte dann bei der Flugzeugfabrik Fieseler gearbeitet. Aber er gehörte bei Weitem nicht zur ersten Garde der deutschen Konstrukteure. Ein renommierter Flugzeugkonstrukteur wäre wohl auch kaum auf die Idee einer bemannten Abfangrakete gekommen. Das ganze Gerät war nur sechs Meter lang und wurde von einem Gestell aus senkrecht nach oben gestartet. Wegen der geringen Reichweite war es nur für den Objektschutz geeignet.

Beim Start halfen vier Boosterraketen, die später abgeworfen wurden. Das Gerät kam auf 1000 Kilometer pro Stunde und konnte auf 14.000 Meter steigen. Die Natter hatte keine Maschinengewehre oder -kanonen. Ihre ganze Nase bestand aus einem Starter für ungelenkte Raketen. Damit konnte sie einen gewaltigen Schlag auf einen Bomberpulk ausüben.

Anzeige
Der erste bemannte Raketenstart der Welt: Geheimaktion Natter
29,90 €

Im Vergleich zur Komet gab es mehrere Änderungen. Die Booster-Raketen waren einfach gebaut und dennoch kraftvoll. Die Komet sollte im Gleitflug landen. Das war aber überaus schwierig und auch für exzellente Piloten gefährlich. Die Natter hingegen war ein Verschleißjäger, eine Einmal-Waffe. Auf dem Scheitelpunkt der Bahn warf sie die Booster und die Kappe oberhalb der Raketennase ab. Dann setzte sie zum Angriff an.

Danach, sobald sie an Höhe verloren hatte, konnte die Natter an einem Fallschirm herabschweben. Nun sollte sie sich in zwei Teile aufteilen. Die Nase mit dem ausgebrannten Raketenstarter fiel zu Boden, der Pilot schleuderte aus dem nun offenen Cockpit und sollte mit einem eigenen Fallschirm zu Boden schweben.

RECORD-DATE-NOT-STATED-Bachem-Ba-349-Natter-A1-Bachem-Ba-349-Natter-A1-Parked-with-24X-50Mm-R4Mm-Nose-Missiles-in-Germany-During-WW2-Date-1945-PUBLICATIONxNOTxINxUKxFRAxBELxNEDxITAxDENxNORxSWExPOLxJPNxKORxTPE-Copyright-CopyrightxcGeminix2023
In der Nase der Natter war ein Starter für ungelenkte Raketen eingebaut. (Foto: IMAGO/Gemini Collection)

Tatsächlich kam die Natter anders als der "Volksjäger" nie zum Einsatz. Es wurden um die 30 Maschinen gebaut, aber zum ersten bemannten Raketenstart kam es erst am 1. März 1945. Ungefähr zwei Monate später war der Krieg in Europa beendet. Erich Bachem war gegen den Start, er hielt ihn nach nur einem Testlauf für verfrüht.

Direkt nach dem Start stürzte die Maschine ab, sie sei "mit großer Geschwindigkeit zur Erde hinunter geflogen und beim Aufschlag explodiert", so der Bericht von Bachem. Der Testpilot fand dabei den Tod. Über die mögliche Ursache gibt es verschiedene Theorien. Dennoch schaffte es die Natter in die Geschichte: Der Todesflug war der erste bemannte Raketenstart überhaupt.

Anzeige
Geheimprojekte der Luftwaffe: 1939 - 1945
16
29,90 €

Im Nachhinein war das ganze Konzept abwegig und wurde nach dem Krieg auch von keiner Nation weiterverfolgt. Schon in NS-Deutschland arbeitete man mit unbemannten Abfangraketen, teils einfacher Bauart, teils sogar mit Fernsteuerung. Hier war der Aufwand sehr viel geringer und man konnte einen weit schwereren Gefechtskopf in die Höhe bringen.

Erich Bachem floh nach dem Krieg nach Argentinien. Er ließ von der Konstruktion von Waffen und Raketen ab und gründete eine Fabrik zum Bau von Gitarren. Später kehrte er nach Deutschland zurück und konstruierte Grubenlokomotiven. Zugleich widmete er sich dem Bau von Campinganhängern, sogar ein Wohnmobil wurde von ihm gebaut.

Dieser Text erschien in einer längeren Version zuerst bei stern.de.

Quelle: ntv.de

RaketentestsHistorischesZweiter WeltkriegWehrmacht