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Am Leibniz-Institut entwickelt Corona-Schnelltest braucht zehn Minuten

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Die Antikörper, die der menschliche Körper im Abwehrkampf gegen Sars-CoV-2 bildet, lassen sich im Blut nachweisen. Im Bild ein Modell des Virus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Bluttest des Leibniz-Instituts zeigt nach zehn Minuten an, ob jemand bereits Antikörper gegen das Coronavirus gebildet hat oder nicht. Was für Virologen wichtige Daten über die Immunität der Gesellschaft liefert, birgt für Privatleute große Risiken: Auf dem Markt bieten Händler auch unseriöse Tests an.

Wann und wie kann Deutschland erste Schritte zurück in Richtung Normalität gehen? Für die Antwort auf diese Frage wird auch entscheidend sein, wie viele Menschen bis dahin die Krankheit schon hinter sich haben und darum höchstwahrscheinlich immun sind. Das Leibniz-Institut in Jena hat einen Bluttest entwickelt, der binnen zehn Minuten anzeigt, ob der Getestete Antikörper gegen das Virus hat. So gibt das Testergebnis Auskunft darüber, ob die Person an Covid-19 erkrankt oder schon immun ist.

Antikörpertests helfen zu erfahren, wann sich eine Herdenimmunität einstellt, für die - solange ein Impfstoff fehlt - etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die Erkrankung durchgemacht haben müssen. "Wir wissen nicht, wie viele jetzt schon immun sind. Deshalb wissen wir streng genommen nicht, wo in dieser Krise wir stehen", sagt der Biochemiker Ralf Ehricht vom Jenaer Leibniz-Institut für Photonische Technologien, dessen Team den Test entwickelt hat und weiter kontrolliert.

Arbeiten, ohne andere anzustecken

Besonders für medizinisches Personal und Berufsgruppen mit viel Kontakt zu Menschen verspricht sich das Leibniz-Institut eine Erleichterung durch den Test: Denn wer immun gegen das Coronavirus ist, könnte arbeiten, ohne andere anzustecken oder sich selbst zu gefährden.

In Bayern testet derzeit ein Rettungsdienst seine Mannschaft auf Corona-Antikörper. "Alle Rettungsassistenten werden durchgescreent, und damit hat man schon eine Größe, der ein Spiegel der Gesellschaft sein kann", sagt Daniela Gründken, Produktmanagerin für Schnelldiagnostik bei der Firma Servoprax, die den Test der Leibniz-Forscher vertreibt. "Es sind unterschiedliche Altersgruppen, Männer und Frauen, Alleinstehende und Menschen mit Familie. Da bildet man schon einen Teil der Gesellschaft ab. Inzwischen gibt es auch größere Firmen, die über ihre Betriebsärzte Tests im gesamten Unternehmen machen lassen."

Kein Test für Privathaushalte

Ausdrücklich nicht gedacht ist der Test für Privathaushalte, entsprechend kann man ihn auch nicht privat bestellen oder im Handel kaufen. Einerseits, weil der Hersteller noch dabei ist, die Produktion auf das Niveau des aktuellen Bedarfs hochzuschrauben. Andererseits ginge das auch am Ziel vorbei, denn ein privat gemachter Test würde nicht in die Statistik einfließen. Bezüglich der angestrebten Immunität in Deutschland wäre man damit also keinen Schritt weiter. Und schließlich könnte die private Anwendung im schlimmsten Fall dazu führen, dass sich ein Tester in falscher Sicherheit wiegt. Diese Gefahr sieht auch das Bundesgesundheitsministerium und warnt darum vor Antikörper-Tests, wie es auf Anfrage des NDR mitteilte.

Wenn nämlich das Testergebnis negativ ausfällt, also keine Antikörper im Blut sind, heißt das keineswegs, dass keine Infektion vorliegt. "In der Phase, wenn man sich angesteckt hat, aber noch nicht erkrankt ist, hat der Körper noch nicht erkannt, dass gerade etwas schief läuft. Er bildet also auch noch keine Antikörper", erklärt Gründken. Antikörper-Tests hätten in der Inkubationsphase gar keine Chance, etwas zu zeigen. "Solange ich negativ bin, weiß ich eigentlich nichts, außer, dass in diesem Moment gerade nichts ist und ich auch in der Vergangenheit nichts hatte. Aber es kann der letzte Tag der Inkubationszeit gewesen sein, und morgen bricht die Krankheit aus."

Am dritten Tag merkt der Körper, dass er was tun muss

Aussagekräftig ist der Test erst dann, wenn er ein positives Ergebnis hat. "Etwa am dritten Tag nach Ausbruch der Erkrankung hat der Körper gemerkt, dass er etwas tun muss und bildet die erste Immun-Antwort. Dann entstehen die ersten Antikörper, sogenannte ‚IgM-Antikörper‘, die am vierten bis fünften Tag dann auch der Test zeigt", so Gründken. Das sei eine Abwehrreaktion, die der Körper ganz generell gegen viele verschiedene Erreger auffahre. Dass der Körper sich gerade gegen Sars-CoV-2 zur Wehr setzt, ist also auch zu dem Zeitpunkt noch nicht sicher.

Etwa zwei Tage später erst beginne er, sich mit den ersten Langzeit-Antikörpern gegen den Infekt zu wehren. "Der Körper hat gemerkt: Nur mit den Primär-Antikörpern kommt er nicht weiter, es muss etwas Spezielleres her. Es entsteht gezielt ein spezifischer Antikörper gegen diesen einen Keim, eine Art Gedächtniszelle, und die behält er auch für die Langzeit-Immunität", sagt Gründken. Auf dem Antikörpertest, der optisch einem Schwangerschaftstest ähnelt, gibt es ein Nachweis-Signal für die erste Immunreaktion. Ab etwa dem achten Tag nach dem Ausbruch der Krankheit wären mit einem zweiten Signal auch die Gedächtniszellen nachweisbar, die sogenannten "IgG-Antikörper".

Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit

IgG-Antikörper

Antikörper vom Typ Immunglobulin-G, kurz IgG-Antikörper, sind körpereigene Moleküle, die zu den wichtigsten Abwehrstoffen im Blut und damit zum Immunsystem gehören. Die speziellen Eiweißstoffe dienen der Bekämpfung von allen körperfremden Stoffen, wie Bakterien oder Viren, aber auch Tumorzellen und Blütenpollen. Sie werden vom Körper erst gebildet, nachdem Krankheitserreger in den Körper eingedrungen sind. Das bedeutet, sie sind spezifischer und effektiver als die Stoffe, die sich als angeborene Immunabwehr bereits im Körper befinden. Antikörper haben eine Y-Form. Die kurzen Enden agieren wie Fühler, die sich an den körperfremden Stoff anheften und diesen markieren. So kann es über unterschiedliche Wege vom Immunsystem bekämpft werden.

Dieser zweite Wert für die spezifischen Abwehrzellen ist von Seiten der Entwickler das stärkste Argument gegen die Zweifel, die mehrere Experten bezüglich der Sicherheit solcher Tests öffentlich machen. Denn es gibt nicht nur ein Coronavirus, sondern viele. Das Problem beim Antikörpernachweis für Sars-CoV-2 ist nach Angaben von Matthias Orth, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte, dass es eine sogenannte Kreuzreaktion geben kann. Der Test erkennt zwar Antikörper gegen Coronaviren, aber es bleibt unklar, gegen welches Virus genau. "Wenn Sie also jetzt zu mir kommen und wollen wissen: Habe ich mit einer 100-prozentigen Sicherheit die Covid-19-Erkrankung schon gehabt? Dann kann ich die Antwort nicht geben", sagt Orth.

"Wenn Sie auf unspezifische Antikörper testen, die auf gröbere Strukturen an den Viruszellen ansprechen, dann können Sie Kreuzreaktionen mit anderen Virus-Stämmen haben", bestätigt auch Gründken. Ein solcher Test würde dann auch reagieren, bloß vielleicht nicht auf Sars-CoV-2, sondern einen älteren Corona-Virus, mit dem die Person auch schon einmal infiziert war, und der vielleicht nur eine Erkältung ausgelöst hat. "Covid-19 gibt es aber noch nicht lange, so dass wir ganz spezifische Antikörper dagegen haben und keine Kreuzreaktionen", sagt Gründken. Das entscheidende sei: "Man muss sehr spezielle Antikörper haben, mit denen man die Tests herstellt. Wir generieren keine falsch positiven Ergebnisse."

"Für aktuelle Welle hat Immunität Bestand"

Dass der Schnelltest einen Verdachtsfall 100-prozentig sicher ausschließen könne, behaupten indes auch der Hersteller und die Entwickler vom Leibniz-Institut nicht. Dies treffe aber auch auf jede andere analytische Methode zu, auch für die PCR-Tests (Polymerase-Kettenreaktion), die derzeit in den deutschen Laboren angewandt werden, um das Erbmaterial des Virus auf einem Rachenabstrich nachzuweisen.

Für den Test der Leibniz-Forscher wirbt man mit einer Genauigkeit von 98,6 Prozent beim Nachweis der zweiten Abwehrreaktion, also der für die Immunisierung entscheidenden IgG-Antikörper. Wie lange die vor einer Neuinfektion schützen, kann derzeit noch niemand sagen. Sobald das Virus mutiert, passt auch der selbst produzierte Antikörper nicht mehr dazu. Doch für die aktuelle Welle habe die Immunität Bestand, versichert die Schnelldiagnostik-Expertin.

Anders als das Leibniz-Institut und sein Partner Servoprax zielen manche Hersteller von Schnelltests direkt auf Privatkunden und werben mit 100-prozentiger Ergebnis-Sicherheit. Allein diese Behauptung mag bereits ein Argument sein, von solchen Produkten die Finger zu lassen. Denn die EU-Richtlinie über In-vitro-Diagnostika (IVD) erlaubt Herstellern von Covid-19-Tests, diese selbst zu zertifizieren, ohne dass sie von übergeordneter Stelle überprüft werden müssten. Das Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, sieht die Validierung der Tests, die im Internet und in Apotheken angeboten werden, als nicht gesichert an. Anders gesagt: Derzeit könnte praktisch jeder einen Test auf den Markt bringen und behaupten, der würde Sars-CoV-2 erkennen. "Nachweislich gibt es hier auch Fälschungen", warnt das Institut auf seiner Homepage.

Konkurrenz plant "zehn Millionen Tests pro Monat"

Fast alle der aktuellen Anbieter von Schnelltests kommen aus China, so haben NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" recherchiert. Deutsche Händler, die diese Produkte verbreiten, sprachen auf Nachfrage der Reporter von "sechsstelligen Verkaufszahlen". Eine Firma gab an, künftig "zehn Millionen Tests pro Monat" verkaufen zu wollen. Die Leibniz-Forscher und ihre Partner für Herstellung und Vertrieb haben die Produktion innerhalb von drei Wochen auf einen "fünfstelligen Bereich" ausgeweitet, also noch unter 100.000 Stück. Sonst könne man den Qualitätsstandard nicht halten.

Wenn es auch offenbar eine Reihe unseriöser Anbieter gibt, so ist die Notwendigkeit von hochwertigen Antikörpertests durchweg anerkannt, um den Verlauf der Epidemie zu verfolgen und Parameter für den Durchseuchungsgrad der Gesellschaft zu bekommen. Ab Sonntag will die Münchner Uni-Klinik in der ganzen Stadt zufällig ausgewählte Menschen zur Teilnahme an einem Antikörpertest bitten. Bei diese angestrebten Tests in 3000 Haushalten versprechen sich die Wissenschaftler Hinweise auf die Verbreitung des Virus in der Gesellschaft. Um sich von möglichen Betrügern abzugrenzen, werden die Forscher von Polizisten begleitet.

Quelle: ntv.de