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Aufräumarbeiten im Raum Viersen: "Die Wetterlage war für die Ausbildung einer solch starken Windhose extrem ungewöhnlich."
Aufräumarbeiten im Raum Viersen: "Die Wetterlage war für die Ausbildung einer solch starken Windhose extrem ungewöhnlich."(Foto: dpa)
Donnerstag, 17. Mai 2018

Wetterphänomen wütet in Viersen: "Das war ganz klar ein Tornado"

Ohne Vorwarnung entladen sich im Westen Deutschland Naturgewalten mit zerstörerischer Kraft: Eine ungewöhnlich starke Unwetterfront reißt im Kreis Viersen Bäume um und deckt Hausdächer ab. Ist der Klimawandel schuld? n-tv Wetterexperte Björn Alexander beantwortet die wichtigsten Fragen.

n-tv.de: Was genau ist im Kreis Viesen vorgefallen: War das ein Unwetter, ein Wirbelsturm, eine Windhose - oder tatsächlich ein Tornado?

Björn Alexander
Björn Alexander

Björn Alexander: Nach allem, was wir bisher wissen, war das ganz klar ein Tornado. Begriffe wie Wirbelsturm, Windhose oder Luftwirbel sind umgangssprachlich zwar auch richtig. Aber aus Sicht der Meteorologen unterscheidet sich ein Unwetterereignis wie in Viersen in nichts von einem Tornado, wie wir sie etwa aus dem Mittleren Westen der USA kennen.

Wie häufig kommen Tornados in Deutschland vor?

In dieser Stärke war das sicher ungewöhnlich. Aber von einem seltenen Naturschauspiel können wir hier nicht sprechen. In Deutschland gibt es im Durchschnitt pro Jahr etwa 30 bis 60 bestätigte Tornados. Verdachtsfälle, die sich nicht durch Augenzeugenberichte, Bilder oder durch die entsprechenden Schäden am Boden klar dokumentieren lassen, sind deutlich häufiger. Insgesamt müssen wir hier mit einer Zahl um die 100 bis 200 rechnen. In manchen Jahren - wie zum Beispiel im Jahr 2016 - waren es sogar um die 400 Verdachtsfälle.

Wie genau entsteht ein solcher Tornado?

Zur Entstehung von Tornados braucht es in der Regel zwei Komponenten. Das eine ist die sogenannte Windscherung: In unterschiedlichen Höhen muss der Wind dabei entweder aus verschiedenen Richtungen kommen oder die Windgeschwindigkeiten fallen sehr unterschiedlich aus. Dann können sich rotierende Windkörper bilden. Diese rotieren zunächst einmal in horizontaler Richtung. Bildet sich nun in diesem Umfeld eine Gewitterzelle, dann kann sich der Rotationskörper aufrichten.

Woran kann der Laien erkennen, dass sich in einer Unwetterfront über ihm gerade ein Tornado zusammenbraut?

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Eine Vorstufe des Tornados, den man an der Unterseite von Gewitterwolken sehen kann und der sich wie ein Trichter nach unten richtet, ist die sogenannte Funnelcloud. Erst wenn dieser Trichter bis zum Boden reicht, dann ist tatsächlich ein Tornado entstanden. Im Raum Viersen kamen heute all diese Zutaten für einen Tornado zusammen: Eine sehr dynamische Strömung, gepaart mit teils kräftigen Gewittern, die zum Teil auch mit Hagel einhergingen.

Die Bilder aus dem Kreis Viersen wirken auf den ersten Blick, als wären sie in Oklahoma und nicht am Niederrhein entstanden. Wie ist das möglich?

Das lässt sich tatsächlich leicht erklären; Zum einen handelt es sich bei dem Vorfall in Viersen um einen für Deutschland und Mitteleuropa recht starken Tornado. Zum anderen führte seine Bahn offenbar über große, trockene Felder ohne nennenswerte Vegetation, sodass ungewöhnlich viel Staub und Erde aufgewirbelt werden konnte. Die Ausgangslage und die Bodenbeschaffenheit gleichen damit den typischen Bedingungen der Tornado-Saison im Mittleren Westen. Aber auch die ziemlich tiefe Wolkenbasis trug dazu bei, dass der Rüssel des Tornados sehr viel besser "auskondensieren" konnte. Er war damit also deutlich besser sichtbar als bei trockeneren Luftverhältnissen.

Wie stark war der NRW-Tornado?

Im Moment gehe ich davon aus, dass wir wahrscheinlich einen Tornado aus der Kategorie F1 oder F2 gesehen haben. Vielleicht war es sogar ein F3-Tornado.

Abgedeckte Dächer, zerschmetterte Scheiben: Bis in die Nacht hinein arbeiten Helfer daran, die gröbsten Schäden notdürftig abzusichern.
Abgedeckte Dächer, zerschmetterte Scheiben: Bis in die Nacht hinein arbeiten Helfer daran, die gröbsten Schäden notdürftig abzusichern.(Foto: dpa)

Wie wird das gemessen?

Die Stärke eines Tornados lässt sich in der Regel nur nachträglich anhand der Schäden am Boden ermitteln. Für eine erste Schätzung gibt es dabei klare Anhaltspunkte: Wenn etwa ganze Dächer - und nicht nur die Dachziegel - fehlen, dann deutet das zum Beispiel auf einen F2-Tornado mit Windgeschwindigkeiten von 200 km/h oder mehr hin. Werden auch Hauswände ganz oder teilweise mitgerissen, wie etwa im Fall des Tornado-Ereignisses von Micheln, dann dürfte die Spitzengeschwindigkeit im Inneren des Tornados 250 km/h oder mehr betragen haben. Auf der international gebräuchlichen Fujita-Skala wäre das dann schon die Kategorie F3.

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Wie stark können Tornados werden?

In den USA, wo bei bestimmten Wetterlagen besonders ungünstige Bedingungen herrschen, erreichen die stärksten Tornados im Inneren Windgeschwindigkeiten von 500 bis 600 km/h. Derartig heftige Tornados sind meines Wissens nach hierzulande aber noch nicht beobachtet worden. Aber in der Größenordnung von 200 bis 400 km/h können Tornados auf jeden Fall auch in Deutschland auftreten. Der bislang jüngste Tornado aus dieser Kategorie ereignete sich im Mai 2015 in Bützow. Auch dieser Fall ist ja sehr gut dokumentiert.

Wieso gab es keine Warnungen?

Die Wetterlage war für Ausbildung einer solch starken Windhose extrem ungewöhnlich: Üblicherweise entstehen Tornados bei uns bei einer Strömung aus Süd bis West mit feuchtwarmer Mittelmeerluft auf der einen und kühler Atlantikluft auf der anderen Seite. Diesmal kam die Strömung aus Nordost, die warme Luft erreichte uns nicht vom Mittelmeer, sondern aus Südskandinavien und Norddeutschland. Dabei entstand nachmittags ein kleines Tief über dem Niederrhein, und so begann das Windfeld zu rotieren. Dabei nahm die Winddrehung mit der Höhe zu, bei gleichzeitig steigenden Windgeschwindigkeiten. Damit waren alle Voraussetzungen für starke Tornados gegeben.

Stichwort Klimawandel: Müssen wir in Zukunft häufiger mit Tornados in Deutschland rechnen?

Eher nein. Die Zahl der beobachteten Tornados ist zwar in den vergangenen 50 Jahren deutlich angestiegen, das hängt aber vor allem mit der zunehmenden Verbreitung von Telefonen, Kameras und Smartphones zusammen. Die eher kleinen, ganz kurzlebigen Tornados wurden früher oft gar nicht erst erfasst. Heute reicht ein Klick auf die Handykamera und schon ist auch ein Tornado dokumentiert, der kaum Schäden anrichtet. Zudem hat auch die Zahl der Sturmjäger zugenommen, die Tornados verfolgen und aus verschiedenen Blickwinkeln dokumentieren.

Mit Björn Alexander sprach Martin Morcinek

Quelle: n-tv.de