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2020 soll sie zur ISS fliegen: Insa Thiele-Eich im Sojus-Simulator im Sternenstädtchen bei Moskau.
2020 soll sie zur ISS fliegen: Insa Thiele-Eich im Sojus-Simulator im Sternenstädtchen bei Moskau.(Foto: Markus Gloger/Die Astronautin/Copyright 2017)
Montag, 15. Januar 2018

Als erste Deutsche ins All?: "Das wird der Wahnsinn!"

In zwei Jahren könnte Insa Thiele-Eich Deutschlands erste Frau im Weltraum sein. Die Finalistin von "Die Astronautin" spricht mit n-tv.de über Kindheitsträume, den Kampf gegen Klischees, über das Rasenmähen und die Zerbrechlichkeit der Erde.

n-tv.de: Frau Thiele-Eich, das Astronautentraining hat längst begonnen. Wie läuft es?

Insa Thiele-Eich: Da gab es schon viele intensive Momente – etwa im August bei den Parabelflügen. So etwas hatte ich 2003 schon einmal mitgemacht als Studentin. Aber jetzt war es mit dem Wissen: "Wow, das ist der Beginn deines Trainings als Astronautin, der Job, auf den du jahrelang gewartet hast und der schon als Kind dein Traumberuf war." Das ist etwas sehr Besonderes. Ein sehr schönes Gefühl.

Sie waren 17, als Ihr Vater, der ESA-Astronaut Gerhard Thiele, in den Weltraum flog. Haben Sie da gedacht: 'Das mache ich auch irgendwann'?

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Nein, da war ich damit beschäftigt, zu hoffen, dass alles gut geht. Davon geht man ja im Vorfeld aus. Aber wenn man dann da steht und die Vibrationen des Raketenstarts auch Kilometer entfernt im eigenen Körper spürt, ist das nochmal etwas anderes. Hinter einem stehen dann zwei Psychologen für den Notfall. Da ist man nicht so sehr auf die eigene potenzielle Karriere in 20 Jahren ausgerichtet.

Das All haben Sie dann erstmal hintenangestellt und sich entschieden, Meteorologin zu werden.

Ja, genau. Ich fand es schon immer spannend, wie Mensch und Umwelt sich gegenseitig beeinflussen. In meiner Forschung beschäftige ich mich unter anderem mit dem Klimawandel und Überschwemmungen in Bangladesch. Das ist das Thema meiner Doktorarbeit. Der Wunsch, Astronautin zu werden, begleitet mich schon sehr lange, aber es gab eben nicht unbedingt die Möglichkeit dazu.

Hatten Sie schon mal den üblichen Weg eingeschlagen und sich bei der ESA beworben?

Die letzte ESA-Ausschreibung war 2008 und mein Vater war am Ausschreibungsprozess beteiligt. Ich war gerade fast mit dem Studium fertig. Ich weiß noch, dass wir damals über ein Flugtauglichkeits-Zeugnis sprachen und darüber, ob es fair sei, ein solches von den Bewerberinnen und Bewerbern zu verlangen, denn das kostet 200 Euro. Ich wollte mich direkt um eines kümmern, aber mein Vater sagte: "Spar Dir das Geld." Das war eine sehr realistische Einschätzung.

Er riet Ihnen von einer Bewerbung ab?

Dr. Insa Thiele-Eich ...

... wurde 1983 in Heidelberg geboren. Sie ist Meteorologin, forscht an der Uni Bonn und ist derzeit die einzige Kandidatin bei dem privaten Projekt "Die Astronautin". Dessen Ziel ist es, 2020 die erste Deutsche zur Internationalen Raumstation ISS fliegen zu lassen. Sie soll dort rund zehn Tage lang wissenschaftliche Experimente durchführen. Die Initiative wurde zunächst über Crowdfunding finanziert. Mittlerweile ist Thiele-Eich über eine Zuwendung vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zu 50 Prozent bei "Die Astronautin" angestellt. Auch Firmen wie Airbus sind jetzt an dem Projekt beteiligt. Für die Ausbildung und den Flug zur ISS muss die Initiative rund 50 Millionen Euro aufbringen. Ein Großteil des Geldes fehlt noch.

Er hält sehr viel von mir, aber er wusste: Ich kam frisch aus dem Studium und hatte null Berufserfahrung. Heute kann ich selbst sagen: Ich glaube nicht, dass ich da sehr weit gekommen wäre. Bei den gruppenpsychologischen Tests zu "Die Astronautin" gab es einige Situationen, in denen die paar Jahre Berufserfahrung, die ich mittlerweile habe, sehr hilfreich waren. Ich weiß inzwischen zum Beispiel, wie ich in Konfliktsituationen bin und kann Verantwortung für mich und mein eigenes Verhalten übernehmen.

Die Möglichkeit, sich für "Die Astronautin" zu bewerben, kam ja dann für Sie genau zum richtigen Zeitpunkt. Gehört es auch zu Ihrem Traum, vielleicht die erste deutsche Frau im All zu sein?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin ehrlich gesagt erschrocken darüber, dass ich 2020, wenn der Flug zur ISS stattfinden soll, die erste deutsche Frau im All wäre. Ich fände es besser, ich wäre da schon eine von vielen - zumal es für mich etwas ganz Normales ist, dass es Astronautinnen gibt. Als mein Vater zum Astronauten ausgebildet wurde, war ich für die Kinder seiner Kolleginnen und Kollegen der Babysitter vom Dienst. Da waren sehr viele Frauen dabei – aus den USA. Dort besteht auch die aktuelle Astronautenklasse zur Hälfte aus Frauen. Das ist das Erstrebenswerte, da sollten wir landen: dass gar nicht die Frage nach dem Geschlecht im Vordergrund steht, sondern die wissenschaftlichen Fähigkeiten.

Woran liegt es, dass die aktive deutsche Raumfahrt auch 2018 noch eine reine Männerdomäne ist?

Es gab durchaus Astronautinnen, die trainiert haben: Heike Walpot und Renate Brümmer. Das war 1988. Brümmer war später auch in der Ersatzmannschaft für den zweiten deutschen Spacelab-Flug. Aber letzten Endes kam sie nicht zum Einsatz. Und beide haben das Astronauten-Korps wieder verlassen. Deutschland schickt eben auch nicht jedes Jahr Astronauten ins All, da gibt es Zeitfenster. Bei der ESA-Auswahl 2008 kam ein Sechstel der Bewerbungen von Frauen. Und eine der sechs Astronauten, die neu ins Korps aufgenommen wurden, war dann auch eine Frau: die Italienerin Samantha Cristoforetti. Trotzdem gibt es noch immer Rollenmuster, die es aufzubrechen gilt.

Wo begegnen Ihnen diese Rollenmuster?

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Meine Kinder – ich habe zwei Töchter, vier und sieben Jahren alt – werden mit Büchern groß, in denen es um Astronauten geht und in denen viele männliche Astronauten abgebildet sind. Wenn man Glück hat, entdeckt man auch mal eine Frau. Wenn man Pech hat, ist es die Putzfrau. Auch an dem großen Medieninteresse, das "Die Astronautin" erfährt, sieht man, dass Astronautinnen nicht selbstverständlich sind. Selbst bei mir zu Hause ist mir ein sehr schmerzhafter Widerspruch klargeworden.

Worum ging es da?

Ich habe über Rollenklischees nachgedacht und war recht stolz, denn mein Mann und ich, wir gehen beide arbeiten und machen beide den Haushalt. Dann aber fiel mir auf: Die klassischen Männeraufgaben in unserem Haushalt übernehme ich gar nicht. Mein Mann bügelt, wäscht, putzt und kocht hervorragend, genauso wie ich. Aber ich hatte bis letzten Juni noch nie in meinem Leben den Rasen gemäht. Das war eine unangenehme Feststellung: dass auch ich Klischees festige. Und das, obwohl ich doch womöglich als erste deutsche Frau ins All fliege. Man wird mit Traditionen und Rollenbildern groß, und die überhaupt zu erkennen und dann auch noch loszuwerden, ist gar nicht so einfach. Aber es ist sehr wichtig. Inzwischen mähe auch ich den Rasen.

Bekommen Sie auch Rückmeldungen von Menschen, die meinen, Frauen hätten in der Raumfahrt nichts zu suchen?

Ja, das waren die unschönen Momente im vergangenen Jahr. Es wundert mich immer wieder, wie viele sich das Recht rausnehmen, das Leben anderer Menschen – in diesem Fall meines – zu beurteilen. Damit musste ich erst umgehen lernen. Inzwischen nehme ich es meistens mit Humor.

Bestärken Sie solche Rückmeldungen darin, dass "Die Astronautin" eine wichtige Initiative ist?

Ja, da gibt es aber auch noch andere Situationen: Ich bin sehr klein und wenn die Menschen auf die Astronautin warten und ich den Raum betrete, suchen sie weiter nach der Astronautin. Sie kommen nicht auf die Idee, dass diese kleine, blonde Frau es sein könnte. Das führt auch schon mal zu absurden Szenen: Dann werde ich zum Beispiel gefragt, wie die Kaffeemaschine bedient wird. Und ich sage: "Wie die Kaffeemaschine bedient wird, weiß ich tatsächlich, aber gerade bin ich hier als Gast der Podiumsdiskussion." Solche Fragen kommen von Männern. Aber auch Frauen kritisieren mich.

Warum?

In Deutschland ist es extrem selten, dass eine Mutter schon zwei Monate nach der Geburt des Kindes wieder Vollzeit in den Job einsteigt. Ich habe das getan, ich war die erste Doktorandin bei uns am Institut, die mit Kindern weitergearbeitet hat. Da schlug mir selbst aus dem eigenen Umfeld viel Unverständnis – und auch einiges an Unverschämtheiten – entgegen. Dabei ist es sehr wohl möglich, zu arbeiten und trotzdem auf die Bedürfnisse des Kindes zu achten und zum Beispiel zu stillen. Das geht. Jahrelang.

Bekommen Sie auch positive Zuschriften?

Ja, aus dem gleichen Grund. Einfach beruhend auf der Tatsache, dass ich Kinder habe und in einem wissenschaftlichen Beruf arbeite. Das allein hat für viele Frauen Vorbildfunktion und bestärkt sie. Manchmal schildern sie mir sehr bewegend und seitenlang ihre eigene Situation und berichten von Hürden, die ihnen auferlegt werden. Es ist schmerzhaft, wenn ich höre, dass im Chemie-Praktikum an der Uni gesagt wird: Studentinnen nach hinten, die Männer kommen nach vorne. Das zeigt mir, wie wichtig es ist, darüber zu reden, dass ich Mutter bin und trotzdem arbeiten gehe. Eigentlich wäre es mir lieber, das müsste 2018 gar nicht mehr Thema sein.

Nochmal zurück zur Raumfahrt: Was glauben Sie, wie es sein wird, wenn Sie von außen auf die Erdkugel blicken?

Das wird der Wahnsinn! Die Erde wirkt dann so klein und zart und zerbrechlich. Wenn man sie aus dem All sieht, ist es unvorstellbar, was auf der Erde los ist. Ich bin sehr gespannt, ob es wohl Tag oder Nacht ist, wenn ich ankomme. Dann anhand der Lichter zu raten, welche Gegend wir gerade überfliegen – das stelle ich mir sehr aufregend vor. Im Astronautentraining wird mit einer Virtual-Reality-Brille simuliert, wie die Erde sich unter einem dreht. Ein kleiner Vorgeschmack, der Lust auf mehr macht.

Mit Insa Thiele-Eich sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de