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Neue Hülle, alte Probleme Der Tschernobyl-Sarkophag wird eingepackt

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Die Hülle für den Tschernobyl-Sarkophag gilt für hundert Jahre als sicher. Und dann?

(Foto: EPA/EBRD PHOTOSTREAM)

Es ist das größte bewegliche Gebäude der Welt: Die Reaktorruine von Tschernobyl bekommt einen neuen Mantel. Doch auch der hält nicht ewig. Sanierung und Endlagerung sind im Gespräch, es bleibt ein Wettlauf mit der Zeit.

Das Gewölbe ist so groß, dass die Pariser Kathedrale Notre Dame darin verschwinden könnte, 36.000 Tonnen wiegt die Konstruktion aus Beton und Stahl. Nichtsdestotrotz wechselt sie seit zwei Wochen ihren Standort. Stück für Stück wird sie auf Teflonschienen voran geschoben. Jetzt hat sie ihr Ziel erreicht: den Sarkophag von Tschernobyl. Die neue Hülle, das größte bewegliche Gebäude der Welt, soll ihn sicher unter sich verbergen.

Denn mehr als 30 Jahre nach dem Super-GAU vom 26. April 1986 ist die Haltbarkeitsdauer des damals eiligst um den havarierten Reaktorblock errichteten Betonmantels längst abgelaufen. Schon sieben Monate nach der Explosion in dem ukrainischen Atomkraftwerk war der Sarkophag fertig. Er schloss 200 Tonnen geschmolzene Kernbrennstoffe sowie große Mengen kontaminierten Staubs ein und sollte gefährliche radioaktive Strahlung abschirmen.

Hightech-Hülle für 100 Jahre

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Jenseits des Sarkophogs gebaut, wurde der Bogen schließlich zum havarierten Reaktorblock hinübergeschoben.

(Foto: Novarka)

Ein hermetisch abgeschlossenes Bauwerk ist der Sarkophag jedoch nie gewesen. Luft konnte eindringen und austreten, Regenwasser und Schnee gelangten ins Innere. Die Konstruktion rostet seit Jahren, das Dach hat mittlerweile Löcher. Sollte der Sarkophag einstürzen, würde der unter dem Stahl- und Betonmantel befindliche radioaktive Staub vom Wind davongetragen werden und wäre weit über Tschernobyl hinaus ein Problem.

Deswegen wurde bereits 2007 eine neue Hülle in Auftrag gegeben, das "New Safe Confinement", kurz NSC. 100 Meter ragt das Gewölbe hinauf, 260 Meter ist es breit, 160 Meter lang. Es soll erdbebensicher sein und auch Tornados standhalten. Regen und Schnee können dem doppelwandigen Gebäude genauso wenig anhaben wie extreme Temperaturen. Im Innern ist es Hightech: Ein computergestütztes Belüftungssystem soll dafür sorgen, dass die Luftfeuchtigkeit zwischen der inneren und äußeren Schicht des Gewölbes nie über 40 Prozent steigt; Rost gilt es zu vermeiden. Darüber hinaus soll ein permanenter Unterdruck gewährleisten, dass keine Radioaktivität entweicht.

Errichtet wurde das NSC 180 Meter vom Sarkophag entfernt – aus Strahlenschutzgründen. Jetzt ist die neue Hülle bis über den maroden Betonbau vorgerückt. Am heutigen Dienstag wird sie feierlich übergeben. "Das ist der Anfang vom Ende des 30-jährigen Kampfes gegen die Folgen der Katastrophe", sagt der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak. Der Anfang. Denn es ist noch einiges zu tun.

Zunächst einmal dauert es noch ein Jahr, bis die neue Hülle vollständig geschlossen ist. Noch fehlen die Wände, außerdem müssen Schnittstellen zu angrenzenden Gebäuden abgedichtet werden. Erst danach gilt der Sarkophag als sicher verpackt – zumindest für die nächsten 100 Jahre. Länger hält nämlich auch die neue Hülle nicht.

Kein Konzept, kein Geld

In den 100 Jahren soll einiges geschehen: Unter der Decke des NSC laufen auf Schienen zwei riesige Hebekräne. Ein jeder von ihnen kann 50 Tonnen tragen. Ferngesteuert sollen die Kräne zunächst die einsturzgefährdeten Teile des Sarkophags entfernen, später werden sie ihn – so der Plan – komplett demontieren. Dann sollen die brennstoffhaltigen Massen geborgen und in ein Zwischenlager gebracht werden. Ein Endlager muss die Ukraine erst noch errichten. Bis zum Jahr 2117 soll der Rückbau der Kraftwerksruine Tschernobyl abgeschlossen sein.

So stellt man sich das derzeit vor. Ein konkretes Konzept gibt es für die Reaktorsanierung aber noch gar nicht. So ist zum Beispiel unklar, wie die radioaktiven Stoffe zur Zwischen- und Endlagerung unter der Hülle hervorgeholt werden können. Zwar ist das NSC über eine Schleuse begehbar, doch die Strahlung dort ist für Menschen tödlich. Und noch etwas bereitet Probleme: die Finanzierung. Laut Vertrag muss für den Rückbau der Reaktorruine die Ukraine aufkommen. Die jedoch steckt in einer Wirtschaftskrise.

Bis die Sanierung des havarierten Tschernobyl-Reaktors beginnt, könnte es daher noch dauern; bis sie abgeschlossen ist, erst recht. Der Kampf gegen die Folgen der Atomkatastrophe dauert an, mehrere Generationen werden damit noch beschäftigt sein. 100 Jahre haben sie. Die Zeit läuft.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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