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Das Immunsystem altert auch Die Suche nach Impfstoffen für Ältere

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Mediziner wissen: Grippeimpfungen wirken nicht bei jedem älteren Menschen.

(Foto: imago/UIG)

Mit dem Alter verändert sich auch das Immunsystem. Aus diesem Grund sind ältere Menschen auch anfälliger für Infektionskrankheiten. Bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff setzen Forschende nun auf Anti-Aging des Immunsystems.

Das Ringen um einen sicheren Corona-Impfstoff ist in vollem Gange. Noch bevor der Impfstoff da ist, gibt es Verteilungsdebatten. Da besonders ältere Menschen von schweren Covid-19-Verläufen betroffen sind, könnte der Impfstoff für sie besonders wichtig sein. Doch gerade bei Senioren wirken diese nicht immer zuverlässig, wie Mediziner bereits wissen. Grund ist das alternde Immunsystem, das nicht mehr oder nicht mehr stark genug auf die Bestandteile in Impfstoffen anspringen. Aber was passiert?

Mit zunehmendem Alter arbeitet das Immunsystem nicht mehr so effektiv. Ein entscheidender Grund dafür liegt in den sogenannten T-Zellen, die verschiedene Aufgaben bei der Abwehr übernehmen. Diese Abwehrzellen werden im Thymus gebildet, einer Drüse die oberhalb des Herzens liegt. "Der Thymus bildet sich nach der Pubertät kontinuierlich zurück", erklärt Andreas Thiel vom Centrum für Regenerative Therapien Berlin laut Bundesministerium für Bildung und Forschung. Im gleichen Maße nehme auch die Menge der im Thymus gebildeten Abwehrzellen ab, so Thiel weiter. Das könne ein Grund dafür sein, weshalb das Immunsystem bei älteren Personen nicht mehr angemessen auf die Impfung reagieren kann.

Probleme mit älteren Probanden

Aus diesem Grund werden in Rahmen der Corona-Impfstoff-Studien die aussichtsreichen Kandidaten weltweit auch an Personen über 60 Jahren getestet. Doch das ist schwierig. Einerseits, weil viele ältere Menschen die Kriterien, die an Probanden gestellt werden, wie zum Beispiel kerngesund zu sein, nicht erfüllen. Andererseits zeigen manche ältere Menschen andere Immunreaktionen als erwartet. Ein zu testender Impfstoff könnte deshalb bei älteren Personen das Risiko einer Gesundheitsgefährdung enorm erhöhen oder für Personen in einer Kontrollgruppe sogar Leben gefährden. Doch nicht nur bei älteren Menschen funktioniert die körpereigene Abwehr nicht so, wie sie soll. Erkrankungen wie Diabetes oder Adipositas können zu ähnlichen Immundefiziten führen, wie die im Alter, beschreibt Carolyn Bramante von der University of Minnesota Health laut einem Bericht, der bei "Nature" veröffentlicht wurde.

Auf der Grundlage dieser Einschränkungen, könnte man Impfstoffe für Ältere so designen, dass in ihren Impfstoffen höhere Dosen der Stoffe enthalten sind, auf die das Immunsystem anspringt. Denkbar wäre auch, direkt das gealterte Immunsystem wieder auf Trapp zu bringen. Einige Influenza-Impfstoffe beispielsweise werden bereits mit immunstärkenden Substanzen verabreicht. Und es gibt einen dritten Weg: Einige Forschende setzen darauf, dass Immunsystem von Älteren zu verjüngen. Die dafür eingesetzten Mittel und Verfahrensweisen sind vielfältig. Ein paar davon spielen auch bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff eine Rolle.

Anti-Aging fürs Immunsystem

Ein Wirkstoff, der bisher als Anti-Aging-Medikament bei Tests mit Tieren vielversprechend war, hemmt beispielsweise ein bestimmtes Protein. Dieses als mTor bezeichnete Protein ist maßgeblich an der Regulierung von Zellwachstum und Stoffwechsel beteiligt. Wahrscheinlich sei mTor einer von mehreren biologischen Mechanismen, die dazu beitragen, dass wir altern, wird Joan Mannick, der zum Thema Anti-Aging forscht, bei "Nature" zitiert.

Die Funktion des Proteins kann durch bestimmte Medikamente ausgeschaltet werden. Fruchtfliegen und Mäuse, die im Labor damit behandelt wurden, lebten länger als ihre unbehandelten Artgenossen. Sind die mTor-Signalwege gestört, begünstigt das wiederum Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes.

Forschungen ohne eindeutige Ergebnisse

Ein Forscherteam um Mannick wollte 2018 wissen, wie sich die Hemmung von mTor auf das Immunsystem bei Menschen auswirkt. Die Forscher verabreichten deshalb 132 Probanden einen mTor-Hemmer und der gleichen Anzahl an Studienteilnehmern ein Placebo. Auch wenn diejenigen, die das Mittel bekamen, im Jahr darauf weniger Infekte hatten und insgesamt besser auf eine Grippeschutzimpfung ansprachen, konnten die Ergebnisse insgesamt nicht bestätigt werden.

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Auf Grundlage dieser Erkenntnisse startete Mannick eine weitere Untersuchung. Er testete, ob ein mTor-Hemmer Atemwegserkrankungen bei älteren Personen abwehren kann. Auch diese Untersuchung zeigte nicht die gewünschten Effekte. Es gibt jetzt jedoch Hinweise darauf, dass der mit RTB101 bezeichnete Wirkstoff bei Probanden zu weniger schweren und kürzeren Covid-19-Erkrankungen im Vergleich zur Kontrollgruppe führte. Ob das tatsächlich so ist, wird derzeit an 550 Pflegeheimbewohnern ab 65 Jahren getestet. Parallel dazu wird in mindestens vier weiteren Untersuchungen die Wirkung des bereits zugelassenes Rapamycin als Medikament für Covid-19-Erkrankte untersucht. In dieser Studie werden ausschließlich Personen ab 60 Jahren einbezogen. Rapamycin ist auch ein mTor-Hemmer.

Für die Zukunft denkbar wäre, solche Anti-Aging-Präparate vor einer Impfung älteren Personen zu verabreichen, damit deren Immunsysteme entsprechend auf die Immunisierung reagieren können. Doch zuvor müssen die Ergebnisse der laufenden Untersuchungen abgewartet und durch andere Studien bestätigt werden.

Quelle: ntv.de