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Interview mit Virologe Stürmer "Ein Sommerurlaub wie früher sollte nicht stattfinden"

Ein Strandspaziergang am Meer, eine Wanderung durch die Berge oder ein Städtetrip - viele Menschen sehnen sich nach dem langen Lockdown nach Urlaub. Doch wie funktioniert das Reisen in diesem Jahr, worauf muss man besonders achten und wie kann man sich vor Unwägbarkeiten schützen?

Großen Tourismus im Sommer hält Stürmer für das falsche Signal.

Deutschland hat das Potenzial, die Impfungen gegen das Coronavirus deutlich anzukurbeln, sagt der Virologe Martin Stürmer. Bei strikter Befolgung der Hygieneregeln hält er auch eine Panik vor den Mutationen für überzogen. Dem unbeschwerten Sommerurlaub erteilt Stürmer dennoch eine Absage.

ntv: Wie würde sich eine höhere Impfquote auf die Pandemie auswirken?

Martin Stürmer: Es gibt dazu etliche Modellberechnungen. Je schneller wir die Herdenimmunität, also die 60 bis 70 Prozent durch Impfquote erreichen, desto eher kommt die Pandemie zum Erlahmen. Vorausgesetzt, wir erreichen, dass das Virus nicht mehr weitergegeben wird. Wir wissen sehr sicher, dass Impfungen schwere Krankheitsverläufe reduzieren beziehungsweise Krankenhausaufenthalte nahezu verhindern. Aber wir wissen immer noch nicht ganz hundertprozentig, in welchem Maße sie dazu beiträgt, dass ein Geimpfter das Virus nicht mehr weiterträgt. Es gibt Berichte aus Israel, dass das zu einem hohen Prozentsatz funktioniert und es gibt Astrazeneca-Studien, dass das zu mindestens in 50 Prozent der Fall ist.

Welches Land hat Ihrer Meinung nach bislang am besten gehandelt?

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Martin Stürmer ist Lehrbeauftragter für Virologie an der Universität Frankfurt.

(Foto: picture alliance/dpa/Stürmer/privat)

Wenn man das Medienecho verfolgt, dann ist natürlich Israel ein kleines Vorbild. Das ist sicherlich der israelischen Struktur zu verdanken. Großbritannien hat auch ziemlich viel durchgeimpft und sich dadurch, dass es nicht mehr zur EU gehört, entsprechend anders positionieren können. Auf der anderen Seite haben wir immer noch das Potenzial, jetzt Gas zu geben und auch für uns das Ziel möglichst schnell zu erreichen, einen hohen Anteil der Bevölkerung zu impfen.

Glauben Sie denn noch an einen Impf-Turbo in Deutschland? Gibt es da irgendwas Positives oder versagen wir derzeit einfach?

Wir sollten uns jetzt nicht den Luxus erlauben, Haus- und Betriebsärzte so weit nach hinten zu schieben. Die Kolleginnen und Kollegen stehen Gewehr bei Fuß. Wir haben Impfstoffe, die das leisten können und sollten tunlichst darauf achten, dass wir möglichst schnell viel Impfstoff bekommen.

Verschiedene Wissenschaftler, unter anderem in Finnland und in Tübingen, forschen seit einiger Zeit an Corona Impfstoffen, die als Nasenspray verabreicht werden. Wie funktioniert denn so eine Impfung über die Nase? Gibt es das bereits bei anderen Krankheiten?

Eine Impfung über die Nase vollzieht den natürlichen Übertragungsweg. Wir infizieren uns nicht über einen Stich in den Oberarm, sondern weil das Virus über den Nasen-Rachenraum in unseren Körper eindringt. Wenn man die Immunantwort am Eintrittsort stimuliert, hat man einen sehr guten Schutz an einer primären Stelle. Diese nasalen Impfstoffe gibt es auch bei der Influenza, zum Beispiel für Kinder. Das funktioniert insgesamt richtig gut.

Wie realistisch ist denn der Einsatz und die Wirkung einer Corona-Impfung über ein Nasenspray? Könnte das vielleicht auch eine Hoffnung für das Impfchaos sein?

Auch diese Sprays müssen erst durch die Zulassung. Diese kann, wenn sie gut gemacht ist, relativ schnell gehen. Aber ich glaube, diese Nasal-Impfstoffe werden nicht so schnell zugelassen, dass sie in der akuten Situation eingreifen und unterstützen können.

Was erwartet uns von der brasilianischen Mutante und was könnte diese Variante für unseren Alltag bedeuten?

Wir haben die brasilianische Variante von SARS-CoV-2 zumindest in unserer Datenbank noch nicht gesehen. Sie ist im Vergleich zur britischen Variante insgesamt sehr selten in Deutschland vertreten. Was die Problematik angeht, würde ich auch die südafrikanische Variante in einen Topf mit der brasilianischen Variante werfen. Beide haben die Eigenschaft, dass eben auch die Impfstoffe nicht mehr ganz so effektiv funktionieren. Sollten sie sich vermehrt durchsetzen, muss man schauen, ob Impfungen noch so funktionieren, wie wir uns das vorstellen.

Also müssten wir uns dann noch mehr einschränken? Würden bei einer höheren Verbreitung die Masken überhaupt noch helfen?

Die brasilianische, südafrikanische und auch die britische Variante haben keine Eigenschaften, mit denen sie stärker die Masken durchdringen. Im Ausland sieht man ja erfreulicherweise, dass man mit klassischen Abstands- und Hygieneregeln sowie mit den Masken diese Varianten in den Griff bekommen kann. Sie sind in der Regel stärker ansteckend. Das heißt, sie nutzen Nachlässigkeiten deutlich mehr. Trägt man also die Maske unter und nicht über der Nase kann man sich, wenn man mit einem Infizierten zusammen ist, deutlich leichter anstecken. Das heißt: Noch konsequenter an alle Regeln halten. Und dann muss man auch keine Panik vor irgendwelchen Varianten haben.

Könnte denn ein Sommerurlaub in diesem Jahr stattfinden?

Ich gehe zum aktuellen Zeitpunkt davon aus, dass ein Sommerurlaub in der Form, wie wir ihn vor einigen Jahren kannten, immer noch nicht stattfinden wird und stattfinden sollte. Wir haben ein Infektionsgeschehen, das nicht nur in Deutschland noch relativ hoch ist, sondern auch in den Ländern um uns herum. Dementsprechend halte ich einen großen Tourismus im Sommer für das falsche Signal. Urlaub in Deutschland sollte dagegen individuell möglich sein, doch das ist noch spekulativ. Man sollte sich aber nicht darauf einstellen, dass jetzt wieder Ferienflieger aus ganz Europa zum Beispiel nach Mallorca gehen. Das halte ich für kontraproduktiv. Gerade solche Situationen sowie die neuen Varianten eignen sich dazu, dass sich wieder massiv Menschen infizieren.

Es handelt sich um den zweiten Teil eines gekürzten und sprachlich leicht angepassten Videointerviews.

Quelle: ntv.de

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