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In Fischen, Amphibien, Reptilien Forscher entdecken mehr als 200 Viren-Arten

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Die Aufnahme aus dem Elektronenmikroskop zeigt HI-Viren.

(Foto: Hans Gelderblom/Robert Koch Institut/dpa)

Viele Viren verändern sich ständig. Kein Wunder, dass Experten nicht alle kennen. Doch die Entdeckung, die chinesische Forscher bei Fischen, Amphibien und Reptilien nun machen, ist herausragend und zeigt, wie lange die Partikel die Wirbeltiere schon begleiten.

HIV, Ebola, Grippe, Erkältung: Viele bekannte Krankheitserreger sind Viren. Chinesische Forscher haben nun bei Untersuchungen an Fischen, Amphibien und Reptilien mehr als 200 bislang unbekannte Viren entdeckt. Daraus schließen sie im Fachblatt "Nature", dass Viren Wirbeltiere schon seit Hunderten Millionen Jahren begleiten.

Das Team um Yong-Zhen Zhang vom Chinesischen Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention in Peking konzentrierte sich bei der Studie auf sogenannte RNA-Viren, zu denen etwa HIV, Grippe und Ebola zählen. Bei ihnen besteht das Erbmaterial aus Ribonukleinsäure (RNA). Daneben gibt es die DNA-Viren, zu denen etwa Herpes-Erreger oder das Hepatitis-B-Virus (HBV) gehören.

Bislang habe man RNA-Viren vor allem bei Säugetieren und Vögeln untersucht, schreibt das Team. Andere Wirbeltiere seien dagegen vernachlässigt worden. Das Team analysierte nun bei 186 Arten von Fischen, Amphibien und Reptilien RNA aus Darm, Leber sowie Lungen- und Kiemengewebe. Darunter waren neben diversen Fischgruppen etwa Frösche, Salamander, Schlangen, Eidechsen und Schildkröten.

Mehr als 200 bisher unbekannte Viren

Insgesamt entdeckten die Forscher 214 bislang unbekannte Viren. Davon seien 196 auf Wirbeltiere spezialisiert. Von fast jeder Virusgruppe, die Säugetiere befällt, fanden die Forscher Vertreter auch bei anderen Klassen. Dazu zählen die sogenannten Filoviridae, zu denen das Ebola- und das Marburg-Virus zählen, und die Arenaviridae, zu denen etwa das Lassa-Virus gehört.

"Es ist bemerkenswert, dass jede auf Wirbeltiere spezialisierte Gruppe von Viren, die Säugetiere und Vögel infiziert, auch bei Amphibien, Reptilien oder Fischen vorkommt", schreiben die Autoren. So fanden sie etwa Influenza-Viren auch bei Kröten und Fischen. Influenza-Erreger von Stachelaalen und Strahlenflossern waren demnach besonders eng verwandt mit dem Influenza-B-Virus beim Menschen.

Generell schienen die Viren von Fischen Vorläufer ihrer Verwandten bei anderen Tierklassen zu sein, berichten die Forscher. Daher vermuten sie, dass sich die Viren über Hunderte Millionen Jahre zusammen mit ihren Wirten entwickelten. Wirbeltiere entstanden vor mehr als 500 Millionen Jahren im Meer und breiteten sich dann an Land aus.

Viren überspringen Wirtsgruppen

"RNA-Viren bei Wirbeltieren neigen dazu, generell der evolutionären Geschichte ihrer Wirte zu folgen, die im Ozean begann und sich über Hunderte Millionen Jahre erstreckt", betonen die Autoren. Zudem deuteten einzelne Resultate darauf hin, dass Viren nicht nur zwischen eng verwandten Tiergruppen überspringen können, sondern auch zwischen entfernteren Gruppen.

"Die aktuelle Studie dehnt unser Wissen über die Evolution von Viren bei Wirbeltieren deutlich aus", schreiben Mark Zeller und Kristian Andersen vom Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla in einem "Nature"-Kommentar. Allerdings kenne man noch immer nur einen winzigen Bruchteil der Virenvielfalt. "Wir kratzen noch an der Oberfläche der Evolutionsgeschichte."

Das betont auch Stephan Becker, Leiter der Virologie an der Universität Marburg. "Die Studie deckt sich mit unserer Erwartung, dass sehr, sehr viele Viren Lebewesen besiedeln. Es gibt massenhaft Viren, die wir noch nicht kennen."

Der von den Forschern gefundene enge Verwandtschaftsgrad von Grippeviren bei Menschen und diversen Fischen sei wenig aussagekräftig, betont Becker. "Vielleicht haben die Forscher einfach nicht bei genügend Arten Proben genommen. Wir sind weit davon entfernt, ein komplettes Bild der Viren zu haben."

Generell hätten die chinesischen Forscher keine grundlegend neuen Viren entdeckt. Dies liege wohl daran, dass sie nach charakteristischen Gensequenzen gesucht hätten, vermutet Becker, der dem wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Gesellschaft für Virologie angehört. Derzeit gebe es aber einige internationale Konsortien, die die Virenvielfalt systematisch ergründen wollten. "Dahinter steht die Kernfrage: Wie groß ist die Gefahr durch Viren, die wir noch nicht kennen? Diese Frage können wir derzeit nicht beantworten."

Quelle: n-tv.de, Walter Willems, dpa

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