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Akzeptanz, Leiden, Widerstand Forscher identifizieren Pandemie-Typen

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Die meisten Briten unterstützen die staatlichen Maßnahmen.

(Foto: AP)

Die Maßnahmen, die viele Staaten zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergreifen, sind drastisch. Britische Wissenschaftler haben untersucht, wie es Menschen damit geht. Am Ende können sie drei Gruppen erkennen, die kleinste Gruppe erweist sich dabei als besonders heikel.

Britische Forscher haben untersucht, wie Menschen mit den Einschränkungen umgehen, die sich aus der Corona-Pandemie ergeben. Bobby Duffy und Daniel Allington vom King's College in London kommen in ihrer statistischen Erhebung zu dem Schluss, dass neun von zehn Briten die derzeit von der Regierung ergriffenen Maßnahmen unterstützen. Sieben von zehn befürworten die Einschränkungen sogar stark. Die Wissenschaftler führen das vor allem auf die tiefe Verbundenheit der Briten mit ihrem staatlichen Gesundheitssystem NHS zurück.

Trotzdem gibt es verschiedene Typen des Umgangs mit der Pandemie. Die Wissenschaftler teilen die Menschen in drei Hauptgruppen ein, die sie mit "Akzeptanz, Leiden und Widerstand" beschreiben. Für ihre Erhebung hatte das Meinungsforschungsinstitut Ipsos Anfang April 2250 Menschen befragt.

Die größte Gruppe sind mit 48 Prozent die "Akzeptierenden". 87 Prozent von ihnen befolgen die Corona-Regeln vollständig oder zumindest fast immer. In dieser Gruppe sind Männer (59 Prozent) in der Mehrzahl, sie wählen eher konservativ (40 Prozent gegenüber 20 Prozent für Labour) und haben überwiegend für den Brexit gestimmt (47 Prozent gegenüber 39 Prozent Remain). Lediglich 28 Prozent dieser Gruppe rechnen damit, dass sie durch die Corona-Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten werden. Das ist der niedrigste Wert in allen Gruppen. Bei den Akzeptierenden halten sich auch die psychischen Belastungen in Grenzen, nur 12 Prozent von ihnen schlafen schlechter, lediglich 6 Prozent streiten mehr mit ihrer Familie oder den Menschen, mit denen sie zusammenleben. In dieser Gruppe sind auch nur 8 Prozent ängstlicher oder depressiver als vor der Pandemie.

Bei den "Leidenden" sieht das ganz anders aus. Die Gruppe ist mit 44 Prozent fast genauso groß wie die der Akzeptierenden, allerdings besteht sie überwiegend aus Frauen (64 Prozent). 93 Prozent von ihnen sind ängstlicher und depressiver als vor der sozialen Abschottung. 64 Prozent schlafen schlechter, das ist der höchste Wert in allen Gruppen. 34 Prozent der "Leidenden" denken ständig an das Coronavirus. Trotzdem befolgen 93 Prozent von ihnen die Corona-Regeln vollständig oder fast immer.

Ingwertee, Unglaube und Hoffnung

Die kleinste Gruppe der Pandemie-Typen sind mit 9 Prozent Menschen, die Widerstand gegen die ergriffenen Pandemie-Maßnahmen leisten. Es sind überwiegend Männer (64 Prozent), der Altersdurchschnitt liegt bei 29 Jahren. Von ihnen geben lediglich 49 Prozent an, die Corona-Regeln zu beachten. In dieser Gruppe ist die Zustimmung zu den einschränkenden Maßnahmen mit 53 Prozent auch am geringsten.

58 Prozent von ihnen sind der Meinung, dass um das Virus zu viel Aufhebens gemacht wird. Besonders groß ist in dieser Gruppe mit 65 Prozent auch der Anteil derjenigen, die für sich persönlich erhebliche finanzielle Auswirkungen erwarten. Professor Bobby Duffy sieht zwischen diesen Auffassungen einen Zusammenhang. "Diese widerstrebende Gruppe ist am wahrscheinlichsten von den finanziellen und beruflichen Auswirkungen des Virus bedroht, was möglicherweise auch ihre Wunschvorstellung erklärt, dass zu viel Aufhebens gemacht wird und die Krise bald vorbei sein wird", erklärt der Direktor des Policy Institute am King's College bei der Vorstellung der Studie.

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Auffällig viele in dieser Gruppe greifen nach Einschätzung der Wissenschaftler zu nicht empfohlenen Mitteln gegen das Virus. Dazu gehören die Einnahme von Kräuterauszügen (60 Prozent), das Trinken von Ingwertee (55 Prozent) und die Verwendung homöopathischer Mittel (50 Prozent). Unter den "Widerstandleistenden" sind besonders viele Menschen mit einem eher ungesunden Lebensstil. 44 Prozent von ihnen gaben an, nicht verschreibungspflichtige Medikamente verwendet zu haben, um besser mit Angst und Stress umgehen zu können. Unter den "Leidenden" hatte das nur 6 Prozent angegeben, unter den "Akzeptierern" sogar nur 1 Prozent. Mehr Alkohol als normalerweise tranken 39 Prozent der Widerständler, aber lediglich 23 Prozent der Leidenden und 12 Prozent der Akzeptierenden. Bei den Widerständlern ist zudem mit 51 Prozent der Anteil derjenigen am höchsten, die jetzt häufiger mit Menschen streiten, mit denen sie zusammenleben.

Dr. Daniel Allington, Dozent für soziale und kulturelle künstliche Intelligenz am King's College, betont, dass in der Erhebung deutlich wird, dass die Gesamtsituation viele Menschen sehr belastet. Vor allem mit der Gruppe der Widerstandleistenden müsse man dringend im Gespräch bleiben, um "die gefährlichen Fehlinformationen zu korrigieren, die in den sozialen Medien verbreitet werden".

Quelle: ntv.de, sba