Trick für die VerdauungGibraltars Affen fressen Chips, Eis, Schokolade - und Erde

Die Berberaffen auf Gibraltar bekommen von Touristen regelmäßig Snacks wie Chips, Süßigkeiten und Eis. Nun zeigt eine Studie: Gruppen mit besonders viel Kontakt zu Besuchern fressen auffällig oft Erde. Forschende vermuten, dass die Tiere so die Folgen der ungesunden Kost abmildern.
Pommes, Schokolade, Eis: Die Berberaffen auf Gibraltar fressen nicht nur Obst und Samen wie ihre Artgenossen, sondern immer häufiger auch Junkfood von Touristen. Und genau das könnte erklären, warum die Tiere neuerdings auffällig oft Erde fressen. Forscher vermuten, dass die Makaken damit versuchen, ihre Verdauung nach salzigen und zuckerreichen Snacks zu beruhigen.
Beobachtet wurde das Verhalten, bekannt als Geophagie, bei mehreren Gruppen der rund 230 Berberaffen, die auf dem Felsen von Gibraltar leben. Besonders auffällig: Je enger der Kontakt einer Gruppe zu Besuchern war, desto häufiger fraßen die Tiere Erde. Und in der Hauptsaison, wenn besonders viele Touristen unterwegs sind, nahm auch der Erdkonsum zu.
Die Beobachtungen hielten die Forschenden in einer Studie fest, die in dem Fachjournal "Scientific Reports" erschienen ist. Demnach bestand in den Jahren 2022 bis 2024 fast ein Fünftel der gesamten Nahrung mancher Tiere aus menschlichen Snacks. Besonders betroffen waren Gruppen in stark besuchten Bereichen des Felsens. Diese Tiere fraßen laut Studie nicht nur mehr Junkfood, sondern auch am häufigsten Erde.
Der schützende Effekt der Erde
Möglicherweise reagieren die Tiere damit auf Störungen ihres Darmmikrobioms, sagt Verhaltensökologe Sylvain Lemoine von der University of Cambridge laut Mitteilung. "Wir glauben, dass dieses Junkfood die Zusammensetzung des Mikrobioms stört, und wir wissen, dass Bakterien und Mineralien im Boden helfen können, das Mikrobiom wieder aufzubauen und die negativen Effekte zu lindern", so der Studienleiter. Deshalb vermute das Team "einen schützenden Effekt der Erde".
Dass die Tiere gezielt gegen Magenprobleme vorgehen, lässt sich zwar nicht endgültig beweisen, betonen die Studienautorinnen und -autoren. Doch die Muster sprächen stark dafür. Insgesamt dokumentierten die Forschenden 46 Fälle, in denen 44 verschiedene Affen Erde fraßen. In mehreren Fällen fraßen Makaken sogar direkt nachdem sie Eis, Kekse oder Brot bekommen hatten Erde. Im Winter, wenn weniger Besucher kamen, sank dagegen der Konsum von Touristenfutter um etwa 40 Prozent - und dadurch gleichzeitig auch der Erdkonsum um mehr als 30 Prozent, heißt es in der Studie.
Besonders interessant: Nicht alle Tiere auf Gibraltar fressen offenbar Erde. Die einzige Gruppe, bei der das Verhalten gar nicht beobachtet wurde, lebt abgeschirmt von Besuchern. Zugleich zeigte sich, dass die Affen das Verhalten offenbar voneinander lernen, berichtet das Forschungsteam. Je nach Gruppe bevorzugten sie unterschiedliche Böden - meist rote Tonerde, eine Gruppe fraß jedoch sogar verschmutzten Boden aus Schlaglöchern auf Asphaltstraßen.
Lieblingssnack: Magnum und Cornetto
Lemoine berichtet, dass die Tiere von Touristen und Einheimischen mit allem Möglichen gefüttert würden: gesalzene Erdnüsse, Chips, Schokolade, Brot, Cola, Orangensaft, M&M's oder Eis. "Es gibt sehr viel Eis. Sie lieben Magnums und Cornettos. Was sie nicht besonders mögen, ist Sorbet", sagt er.
Ganz harmlos ist die Gegenstrategie der Tiere allerdings nicht. Ein Teil des gefressenen Bodens stammt aus Straßennähe und könnte mit Schadstoffen belastet sein. "Auf dem Felsen fahren jeden Tag viele Fahrzeuge, und die meisten sind noch nicht elektrisch", sagt Lemoine. Man wolle den Boden nun genauer untersuchen und vor allem wissen, wie hoch die Schadstoffbelastung ist.
Auch andere Primatenforscherinnen und -forscher sehen in dem Verhalten der Tiere eine mögliche Reaktion auf das menschliche Futter. So sagte Paula Pebsworth von der University of Texas at San Antonio dem "Guardian", Geophagie könne bei Affen mehrere Funktionen erfüllen, etwa Entgiftung oder die Aufnahme von Mineralstoffen. Dass die Makaken auf Gibraltar damit die Folgen von Touristen-Snacks abfedern, sei aus ihrer Sicht sehr gut vorstellbar. Zugleich betonte sie, der wirksamste Schutz für die Tiere sei nicht mehr Erde - sondern weniger menschliches Essen.