Eroberung des AztekenreichsIn der "traurigen Nacht" wurden die Spanier zu Gejagten

In der Nacht zum 1. Juli 1520 fliehen Hernán Cortés und seine Konquistadoren unter großen Verlusten aus Tenochtitlán. Für die spanischen Eroberungspläne ist die "noche triste" ein schwerer Rückschlag. Entschieden ist der Kampf um das Aztekenreich damit aber nicht.
Für die spanischen Konquistadoren um Hernán Cortés scheint die Lage aussichtslos. Zehntausende wütende Azteken drohen ihnen mit dem Tode. Es gibt für die Eroberer nur einen Ausweg - die Flucht aus dem Palast von Tenochtitlán, den sie gut sieben Monate zuvor im Triumph bezogen haben und der nun zum Gefängnis geworden ist. Am 30. Juni 1520 bricht kurz vor Mitternacht für die Europäer die "Noche Triste", die "traurige Nacht" an - sie wird für die Spanier zur Katastrophe.
Für Cortés bedeutet das Desaster das vorerst schmachvolle Ende der Eroberung des Aztekenreiches, zu der er im Frühjahr des vorangegangenen Jahres mit rund 600 Mann und 16 Pferden aufgebrochen ist. Nach ersten Stationen an der Küste Yucatáns landet er im April 1519 an der Golfküste beim heutigen Veracruz und erkämpft sich von dort den Weg ins Landesinnere.
Im Stadtstaat Tlaxcala finden die Konquistadoren einen mächtigen Verbündeten gegen das Reich von Moctezuma II., der von Tenochtitlán aus herrscht. Die Hauptstadt mit ihren Pyramidentempeln liegt im See Texcoco, mit dem Land verbunden durch Dämme und Brücken. Cortés und seine Kämpfer stoßen dort auf eine Hochkultur, an der sie vor allem der Goldreichtum blendet.
Moctezuma II. nimmt die Spanier zunächst ehrenvoll auf - nach spanischer Darstellung unterwirft er sich ihnen sogar. Spätere Quellen berichten, die Azteken hätten Cortés für ihren Gott Quetzalcóatl gehalten, dessen Rückkehr in Gestalt eines weißen, bärtigen Mannes sie erwartet hätten. Die heutige Forschung hält diese Gleichsetzung allerdings für eine nachträglich entstandene Legende. Die Eroberer nehmen den Herrscher gefangen, tragen überall gierig Mengen von Gold weg und versuchen mit christlichem Missionseifer, die traditionellen Menschenopfer zu verhindern. Die Eingriffe der Spanier in religiöse Traditionen verschärfen die Spannungen. Die Gefangennahme Moctezumas, die Besatzung der Stadt und die Plünderungen nähren den Widerstand gegen die Fremden.
Doch Cortés denkt nicht ans Aufgeben. Mit seinem Eroberungszug steht er auch im Gegensatz zu seinem Gouverneur Diego Velázquez auf Kuba, der Mexiko selbst für Kaiser Karl V. in Besitz nehmen will. Rund 800 Soldaten sollen den eigenmächtigen Konquistador gefangen nehmen und zurückschaffen. Doch Cortés zieht unter Hinweis auf die reichen Goldschätze einen Großteil der Truppen in sein Lager. Zu dieser Auseinandersetzung aber hat er Tenochtitlán verlassen müssen, wo das Verhängnis seinen Lauf nimmt.
Cortés-Statthalter Pedro de Alvarado lässt während des Toxcatl-Festes - einer Feier zu Ehren der Götter Tezcatlipoca und Huitzilopochtli - ein Gemetzel unter der versammelten Oberschicht anrichten. Der Hass der Azteken steigert sich, sodass sie sogar ihren von den Spaniern gefangen gehaltenen Herrscher absetzen und sich von dessen Bruder Cuitláhuac führen lassen.
Moctezuma II. versucht noch zu vermitteln. Als er Ende Juni zu seinem Volk sprechen will, kommt er ums Leben - nach spanischer Darstellung von Steinen aus der Menge tödlich getroffen, nach indigenen Quellen von der Hand der Spanier. Die Umstände seines Todes sind bis heute umstritten; meist wird er auf den 29. Juni datiert.
Cortés ordnet daraufhin den Rückzug der Spanier an. In den regnerischen Nachtstunden beginnt die verzweifelte Flucht über einen Damm. Doch aztekische Posten schlagen Alarm. Die Kolonne gerät in einen verheerenden Pfeilregen. Da die Verbindungsbrücken im Damm zerstört sind, ertrinken die Flüchtenden massenweise. Die in den Quellen stark schwankenden Schätzungen sprechen von über 800 toten Spaniern und mehreren Tausend Opfern unter den indigenen Hilfstruppen.
Die geschlagenen Konquistadoren retten sich zu ihren Verbündeten nach Tlaxcala. Dort ordnet Cortés seine Kräfte neu und sorgt für Verstärkung an Kämpfern und für Nachschub, der überwiegend über die karibischen Stützpunkte herangeführt wird. Sein Ziel: die endgültige Eroberung des Aztekenreichs. Da die im See gelegene Stadt ohne Schiffe nicht zu nehmen ist, lässt er 13 Brigantinen bauen, die in Einzelteilen über Land zum Texcoco-See getragen werden.
Das Belagerungsheer, das im Mai 1521 vor Tenochtitlán zusammenkommt, besteht aus rund 900 Spaniern und zehntausenden Kriegern verbündeter Völker, die sich von der Tributherrschaft der Azteken befreien wollen. Die Bewohner der Stadt sind durch eine Pockenepidemie geschwächt, die 1520 von den Europäern eingeschleppt worden ist und auch Moctezumas Nachfolger Cuitláhuac dahingerafft hat. Die letzte Verteidigung führt dessen Nachfolger Cuauhtémoc. Nach rund drei Monaten kapituliert Tenochtitlán am 13. August 1521. Ein großer Teil der Bevölkerung ist tot, das Reich zerschlagen. Auf den Ruinen Tenochtitláns errichten die Spanier später Mexiko-Stadt.

