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Eine Stunde mit Nebenwirkungen Innere Uhr kommt aus dem Takt

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(Foto: imago images/Christian Ohde)

In der Nacht werden die Uhren wieder auf Normalzeit umgestellt. Auch wenn vielen die Winterzeit weniger zu schaffen macht, - schließlich bekommt man die eine Stunde zurück - muss sich der Körper an einen neuen Rhythmus gewöhnen. Das betrifft vor allem den Schlaf. Schlafmediziner und Somnologe Dr. Michael Feld und Dr. med. Jaroslav Malevani, Chefarzt der Oberberg Somnia Fachklinik Köln Hürth, verraten, warum die Zeitumstellung jedes Jahr aufs Neue zu schaffen macht und wie man möglichen Schlafstörungen vorbeugen kann.

Die Zeitumstellung bringt oft den Schlafrhythmus durcheinander. Woran liegt das?

Dr. Michael Feld und Dr. med Jaroslav Malevani: Die inneren Uhren des Menschen sind weitgehend mit dem 24-Stunden-Rhythmus der Erde synchronisiert. Wenn man zum Beispiel von Deutschland in die USA fliegt, brauchen die Körperzellen ein paar Tage, um sich auf den neuen Rhythmus einzustellen und sich anzupassen. Die Zeitumstellung kann wie ein Mini-Jetlag betrachtet werden - also eine leichte Desynchronisation eines festgelegten Rhythmus.

Die meisten Menschen merken davon kaum etwas, während andere - dazu zählen ältere Menschen, Kinder, aber vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen - sensibel reagieren und sich unruhig und gleichzeitig müde fühlen oder Schlafstörungen entwickeln können. Diese Desynchronisation kann bei Menschen, die dafür vulnerabel sind, sogar bis hin zu einer saisonalen Depression führen. Da es durch die Zeitumstellung im Winter außerdem früher dunkel wird, haben viele Menschen das Gefühl, sie verlieren eine Stunde am Tag, was sich ebenfalls negativ auf die Stimmung und Leistungsfähigkeit auswirken kann.

Chronobiologen wissen seit Jahren, dass die Zeitumstellung zweimal im Jahr nicht nur den Schlafrhythmus stört, sondern zumindest vulnerable Menschen sogar gesundheitlich schaden kann. Denn nur weil der Zeitmesser umgestellt wird, stellt sich die innere Uhr nicht automatisch auch um. In sehr kurzer Zeit muss sich die Hormonproduktion umstellen, dadurch gerät der Körper in eine Art Stresssituation, die wiederum zu einem erhöhten Energieverbrauch und Erschöpfung führt. Bekannt ist zum Beispiel, dass zumindest für Männer innerhalb der ersten 14 Tage nach der Zeitumstellung auf die Sommerzeit das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle in einigen Ländern steigt. Als Ursache nimmt man an, dass hier vor allem Herzpatienten betroffen sind, die zum Beispiel ihre Medikamente wie Blutverdünner nun zu früh nehmen. Erschwerend kommt hier hinzu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich Blutplättchen verklumpen und dadurch zu Gefäßverschlüssen führen, in den frühen Morgenstunden am höchsten ist.

Die Zeitverschiebung kann auch das Immunsystem durcheinanderbringen und das Risiko, an verschiedenen Infekten zu erkranken, erhöhen. Insgesamt ist die Umstellung auf die Sommerzeit jedoch in aller Regel belastender als die umgekehrte Umstellung. Wahrscheinlich, weil die "Winterzeit" dem biologischen Rhythmus der meisten Menschen nahekommt.

Was macht diese eine Stunde mit dem Körper?

Bestimmte biochemische hormonelle Abläufe sind chronobiologisch getaktet. Zum Beispiel erfolgt die Cortisolausschüttung des Körpers sowie die Melatonin-, Insulin- oder Schilddrüsenhormonausschüttung in einem bestimmten chronobiologischen Rhythmus. In jeder Zelle des Körpers sind sogenannte Uhren-Gene enthalten, die bestimmte Rhythmen steuern, und die unterschiedlichen Organe weisen ihre eigenen, auch unterschiedlichen Rhythmen auf. Bei der Zeitumstellung, sei es nur eine Stunde, können diese komplizierten Rhythmen durchaus aus der Balance geraten.

Wie lange braucht der Körper, um sich an die Umstellung zu gewöhnen?

Das ist sehr unterschiedlich - manche Menschen benötigen nur einen Tag, andere drei Wochen. Im Schnitt ist es etwa eine Woche. Bei Menschen, bei denen ein geregelter Schlafrhythmus wichtig ist, zum Beispiel bei Kindern oder auch bei älteren Menschen, kann es auch etwas länger dauern.

Kann man sich auf die Zeitumstellung vorbereiten?

Die Zeitumstellung im Oktober wird von den meisten Menschen deutlich weniger belastend empfunden, auch deswegen, weil man sich morgens letztendlich eine Stunde "länger" ausruhen darf beziehungsweise mehr Zeit für die Morgenroutine, Frühstück, Zeitung lesen et cetera hat. Dennoch entstehen auch zusätzliche Belastungen, da der Tag gefühlt kürzer wird und es abends schneller dunkel wird. Dieser Belastung sollte man durch viel Bewegung, Sport und gesunde Ernährung entgegenwirken. Es ist sehr wichtig, auf die ausreichende Wassereinnahme zu achten (zwei bis drei Liter pro Tag), möglichst nicht zu viel zu essen und vor allem abends den Konsum von Süßigkeiten einzuschränken. Wenn möglich, sollte man versuchen, die Mittagspause in der frischen Luft zu verbringen, spazieren zu gehen und sich in die Sonne zu setzen.

Menschen, die zu einer saisonalen Depression, dem sogenannten "Winterblues" neigen, sollten über die Anschaffung einer Lichttherapielampe nachdenken. In manchen Unternehmen, aber auch in Senioreneinrichtungen, werden Räume, wo sich Menschen tagsüber aufhalten, mit sogenannten biodynamischen Beleuchtungssystemen ausgestattet: Die Lichtfarbe ändert sich automatisch, morgens mit einem stärkeren Blauanteil, zum Abend hin steigt der Rotanteil, die Lichtfarbe folgt dabei den Veränderungen des Tageslichtes. Dadurch wird verhindert, dass zu viel Melatonin produziert wird und wir uns müde fühlen. Diese Empfehlungen gelten im Übrigen auch unabhängig von der Zeitumstellung für die "dunklen Jahreszeiten".

Was können vor allem Betroffene tun, die bereits unter einer Schlafstörung leiden?

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Nehmen Sie sich ernst. Wir empfehlen bei anhaltenden Schlafstörungen, zum Beispiel bei Ein- oder Durchschlafstörungen, vermehrtes Schnarchen, Bewegungsunruhe im Bett, die Abklärung durch eine Expertin oder einen Experten. Vor allem dann, wenn der Schlaf nicht erholsam ist und Beeinträchtigungen wie Aufmerksamkeitsprobleme oder ausgeprägte Tagesmüdigkeit tagsüber bemerkbar sind.

Schlafstörungen sind, wenn sie längere Zeit anhalten, ein Risikofaktor für psychische und körperliche Erkrankungen. Andererseits kommen neben körperlichen Erkrankungen verschiedene psychische Erkrankungen als Ursache für eine Schlafstörung infrage. In erster Linie sind dies Depressionen, Psychosen sowie Angst- und Zwangserkrankungen, aber auch Abhängigkeitserkrankungen. Eine fortwährende, sich steigernde Unausgeglichenheit und Reizbarkeit oder "Dünnhäutigkeit" durch Schlafstörungen kann zudem zu Problemen in der Partnerschaft, in der Familie und im Berufsleben führen. Wenn Schlafstörungen über mehrere Wochen andauern, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

Quelle: ntv.de, jaz/spot

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