Wissen

Vergiftungen wegen Überdosierung Ivermectin: Wurm-, Krätze- und Covid-Mittel?

imago0132477799h.jpg

Das Mittel wird bisher in der Tiermedizin eingesetzt.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

Noch immer suchen Forscher nach wirksamen Medikamenten gegen Covid-19. Gleichzeitig ist in Österreich ein Wurmmittel für Tiere ausverkauft. Was es damit auf sich hat und warum man Ivermectin auf gar keinen Fall in Eigenregie einnehmen sollte, erklärt ntv.de.

Was ist Ivermectin?

Ivermectin ist ein preiswerter Arzneistoff, der als klassisches Antiparasitikum verkauft wird. Es wird in den Industrienationen vorwiegend in der Tiermedizin als Entwurmungsmittel sowie zur Vorbeugung gegen den Befall durch Fadenwürmer und Parasiten wie Läuse, Milben und Zecken eingesetzt. In Deutschland ist es seit Mai 2016 aber auch in der Humanmedizin auf Rezept als erstes orales Krätzemittel in Apotheken zu bekommen. In Entwicklungsländern hilft es bei Krankheiten wie der sogenannten Flussblindheit und bei Elefantiasis, die ebenfalls durch Parasiten verursacht werden. Der Japaner Satoshi Ōmura und der US-Amerikaner William C. Campbell bekamen 2015 für die Entwicklung von Ivermectin den Nobelpreis für Medizin.

Warum wird ein Wurmmittel knapp?

Sowohl in der Slowakei als auch in Tschechien bekam der Wirkstoff Ivermectin eine Notfallzulassung zur Behandlung bei Covid-19. Der Absatz sei daher in österreichischen Apotheken in Grenznähe geradezu "explodiert", wird der Infecto-Pharm-Geschäftsführer Philipp Zöller bei apotheke-adhoc.de zitiert. Seine Firma bietet das erste Krätzemittel in Tablettenform unter dem Namen Scabioral auch in Österreich an - und das mit Erfolg. 2020 wurden im Schnitt rund 8000 Packungen Scabioral pro Monat verkauft, zwischen Februar und April dieses Jahres waren es schon 34.000 Packungen pro Monat. Die stark gestiegene Nachfrage hatte sogar zu Lieferengpässen geführt. Darauf reagierte in Österreich das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG). "Zum Schutz der eigenen Bevölkerung" wurde das Mittel mit einem Exportverbot belegt.

Wer nimmt den Wirkstoff?

Wahrscheinlich ist, dass sich vor allem ungeimpfte Personen Mittel mit dem Wirkstoff besorgen und in Selbstversuchen einnehmen. Sie wollen sich damit vor einer Sars-CoV-2-Infektion schützen beziehungsweise eine Infektion therapieren. Dann kommt es häufig wegen Überdosierung zu Vergiftungserscheinungen. In Australien beispielsweise stiegen von Juli bis August die Zahlen einer solchen Vergiftung, die notfallmedizinisch behandelt werden mussten, von 133 auf 459 an. Und auch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA sorgt sich wegen steigender Zahlen von Vergiftungen durch die Einnahme von Präparaten mit Ivermectin. Um die Gefahren zu verdeutlichen, führte die Behörde mögliche Nebenwirkungen bei Twitter auf, die nach der Einnahme auftreten können: Hautausschlag, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Schwellungen am ganzen Körper, Krampfanfälle, Leberentzündungen (Hepatitis) und mehr. Sie warnt die Bevölkerung über den Kanal eindringlich: Hört auf damit.

Warum sollte man das Mittel auf keinen Fall in Eigenregie einnehmen?

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat die Erkenntnisse aus Labor-, Beobachtungs- und klinischen Studien sowie Meta-Analysen geprüft und unterstützt die Verwendung des Wirkstoffs zur Covid-19-Behandlung außerhalb von Studien bisher nicht. Auch wenn der Wirkstoff als Krätzemittel mit entsprechenden Dosierungen bereits zugelassen und im Allgemeinen gut verträglich ist, gibt es keine zuverlässigen Angaben dazu, ab welcher Dosis es antivirale Wirkungen gegen Sars-CoV-2 entfalten kann. Wahrscheinlich ist, dass eine wesentlich höhere Dosis zur Bekämpfung der Aktivität von Sars-CoV-2 als bei Krätze nötig wäre. Diese wiederum könnte zu verstärkten Nebenwirkungen führen. Zudem können Forscher eine toxische Wirkung durch die Erhöhung der Dosis nicht ausschließen. Weitere Studien sind deshalb nötig.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen