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"Blatt scheint sich zu wenden" Laborthese zum Corona-Ursprung ist zurück

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Sars-CoV-2 - noch ist das Rätsel seines Ursprungs nicht gelöst.

(Foto: AP)

Bis heute ist der Ursprung des Coronavirus unbekannt. Als am wahrscheinlichsten gilt bislang die Übertragung vom Tier auf den Menschen. Die These eines Laborunfalls hingegen wird oft als Verschwörungstheorie abgetan. Doch nun hauchen ihr Forscher neues Leben ein.

Bereits früh nach dem Auftreten der ersten Coronavirus-Fälle außerhalb Chinas kam die Frage auf: Woher stammt das Virus? Bis heute sind die genauen Umstände des ersten Ausbruchs unbekannt. Auf dem mittlerweile berühmten Wildtiermarkt in der chinesischen Millionenstadt Wuhan wurde zunächst der Übertritt von Tier auf Mensch vermutet. Fledermäuse gerieten als Ursprungswirt in Verdacht, wie auch beim Vorgänger-Virus Sars. Von ihnen oder einem möglichen Zwischenwirt könnte der Erreger auf den Menschen übergesprungen sein. Covid-19 wäre damit eine sogenannte Zoonose.

Doch früh kam eine alternative These auf, die eines Laborunfalls - denn in Wuhan ist auch das Institut für Virologie Wuhan beheimatet, an dem an Sars und anderen Coronaviren geforscht wird. Und die Theorie, dass ein künstlich hochgezüchteter Erreger unbeabsichtigt aus dem Labor entweichen konnte, um eine Pandemie mit mittlerweile mehr als drei Millionen Toten auszulösen, erhält zuletzt Auftrieb. Denn erstmals ziehen auch renommierte Virologen einen Laborunfall als Ursprung öffentlich in Betracht.

Dabei schien das Thema eigentlich so gut wie erledigt. Im März 2020 erteilten Forscher im Fachmagazin "Nature" der Laborunfallthese eine Absage: "Wir glauben nicht, dass irgendeine Art von laborbasiertem Szenario plausibel ist", schrieben sie. Dennoch hielt sich die These hartnäckig. Anfang des Jahres sorgte der Hamburger Physiker Roland Wiesendanger hierzulande für einigen Wirbel, als er einen Laborunfall in Wuhan als "die mit Abstand wahrscheinlichste Ursache für die Corona-Pandemie" bezeichnete.

Laborunfallthese bleibt "tragfähig"

Doch die mitunter als Verschwörungstheorie gebrandmarkte These wird nun teilweise rehabilitiert: Im Wissenschaftsmagazin "Science" wurde ein Brief von 18 Wissenschaftlern veröffentlicht, in dem weitere Bemühungen bei der Suche nach dem Ursprung von Covid-19 gefordert werden - was auch die Überprüfung der Laborunfallthese mit einschließen soll. Diese sei, wie die Theorie eines tierischen Ursprungs, weiterhin "tragfähig". Die Forscher vermeiden es in dem Brief jedoch, sich für eine der beiden Thesen auszusprechen.

Darin unterscheidet sie sich von der internationalen Forschungsmission der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die in Wuhan nach der Herkunft von Sars-CoV-2 gesucht hatte. In ihrem Abschlussbericht wurde der tierische Ursprung des Erregers als "wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich" bezeichnet. Ein Laborunfall, urteilten die Experten, sei hingegen "extrem unwahrscheinlich".

Dies blieb nicht lange unwidersprochen. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus höchstselbst hatte daraufhin eine weitere Untersuchung der Laborunfall-Hypothese gefordert - aus den USA und der Europäischen Union kamen ähnliche Aufrufe. Auch die Autoren des "Science"-Briefes bemängeln, dass die WHO-Ermittler der Laborunfallthese nicht genug Raum gegeben hätten. Sie fordern eine neue, transparente und objektive Untersuchung, die von unabhängiger Stelle überprüft werden soll.

"Blatt scheint sich zu wenden"

Dieser Brief könnte eine Zäsur bei der Suche nach dem Virus-Ursprung darstellen. "Das Blatt scheint sich zu wenden", kommentiert der Jenaer Genetikprofessor Günter Theißen gegenüber ntv.de. Denn zu den Autoren des im Fachmagazins "Science" abgedruckten Briefes würde erstmals auch eine Reihe als besonders erfahren und angesehen geltender Corona-Forscher zählen. Theißen selbst hatte zusammen mit etwa zwei Dutzend weiteren internationalen Forschern Anfang März in einem offenen Brief eine neue Untersuchung des Virus-Ursprungs gefordert.

Initiatoren des aktuellen "Science"-Briefes sind der US-Evolutionsbiologe Jesse Bloom sowie der Mikrobiologe David Relman von der Stanford Universität. Bemerkenswert ist auch, dass Ralph Baric ebenfalls seinen Namen unter das Schriftstück setzen ließ - er hatte in der Vergangenheit mit der berühmten chinesischen Virusforscherin Shi Zhengli (bekannt als "Batwoman", zu Deutsch: Fledermaus-Frau) zum ersten Sars-Virus geforscht. Shi leitet das Zentrum für neu auftretende Infektionskrankheiten am Institut für Virologie Wuhan, das als möglicher Ort eines Laborunfalls infrage kommt. Allerdings hatte Shi bereits früh versichert, dass Sars-CoV-2 nichts mit dem Labor zu tun habe.

Dass nun auch derart namhafte Wissenschaftler öffentlich eine Untersuchung der Laborunfallthese fordern, stimmt Theißen zwar optimistisch, aber ärgert ihn zugleich. Denn schon seit Längerem hätten er und andere eine Ermittlung "in alle Richtungen" gefordert - jedoch waren ihre Aufrufe lange ignoriert worden.

Verdächtige Gensequenz im Erbgut

Auch wenn Theißen betont, dass bei künftigen Untersuchungen allen Thesen zum Virus-Ursprung nachgegangen werden sollte, so sieht er doch starke Hinweise dafür, dass es tatsächlich ein Laborunfall gewesen sein könnte. Was Theißen unter anderem misstrauisch macht, ist eine genetische Besonderheit von Sars-CoV-2, die es dem Virus ermöglicht, mit seinem Spike-Protein effektiv in menschliche Zellen einzudringen - die dafür eingesetzten Codons (drei aufeinanderfolgenden Basen einer Nukleinsäure, die den Schlüssel für eine Aminosäure im Protein darstellen) werde von Coronaviren normalerweise kaum verwendet.

"Es sieht fast so aus wie eine 'Smoking Gun'", so Theißen gegenüber ntv.de - also ein eindeutiger Beweis. Dass eine derartige Gensequenz auf natürlichem Wege entsteht, sei zwar nicht ausgeschlossen. Allerdings sei es auch nicht sehr wahrscheinlich. Einfach sei es jedoch, eine derartige genetische Veränderung im Labor zu erzeugen, sagt der Forscher. Dass sogenannte "Gain of function"-Experimente, bei denen genau solche Gensequenzen eingebaut wurden, im Institut für Virologie in Wuhan stattgefunden haben, sei bekannt. Es fehle nur der Beweis, dass so etwas auch mit einer unmittelbaren Vorläufersequenz für Sars-CoV-2 geschah - und dass ein solches Virus dann aus dem Labor entkam.

Es gibt jedoch auch kritische Reaktionen auf den Brief im "Science"-Magazin. Etwa vom schwedischen Virologen Kristian Andersen, einer der Autoren jenes "Nature"-Artikels, der vor mehr als einem Jahr die Laborthese verworfen hatte. Zwar sei diese, wie die Zoonose-Theorie, theoretisch möglich, sagte Andersen nun gegenüber der "New York Times". Dennoch stelle der Brief eine "falsche Gleichwertigkeit zwischen dem Entweichen aus einem Labor und natürlichen Ursprungsszenarien" her. Bis heute sei jedoch kein glaubwürdiger Beweis für eine Laborausbruchs-Hypothese präsentiert worden, so der Virologe. Die verfügbaren Daten seien vielmehr "konsistent mit einer natürlichen Entstehung" des Virus, wie es in der Vergangenheit schon oft beobachtet worden sei. Dennoch: Auch Andersen unterstützt weitere Untersuchungen zum Ursprung des Virus.

"Die Wahrheit wird siegen"

Aber wenn Sars-CoV-2 tatsächlich auf natürliche Weise entstand - wie könnte ein Beweis dafür aussehen? "Man müsste in einer Wildtierpopulation ein Virus finden, das sehr ähnlich ist zu Sars-CoV-2", sagt Theißen. Gleichzeitig müsse anhand von dessen Erbgut klar ersichtlich sein, dass dieses Virus an der Basis jenes Stammbaums steht, den die heute weltweit grassierenden Corona-Varianten bilden.

Das Gute daran: Forscher wüssten bereits sehr genau, wie dieses Ursprungsvirus aussehen müsste, so Theißen. Allerdings sei dies auch nicht ganz unbedenklich: Rein theoretisch ließe sich auch ein gefälschter tierischer Vorläufer von Sars-CoV-2 im Labor herstellen. Um auf diese Weise einen Fake-Ursprung zu konstruieren, seien jedoch ein großer Aufwand und "viel kriminelle Energie" notwendig, betont der Wissenschaftler.

Wird die Wahrheit über den Ursprung von Sars-CoV-2 jemals ans Licht kommen? Davon ist Theißen überzeugt. "Langfristig wird die Wahrheit siegen." Gemeinsam mit der als "Paris Group" bezeichneten informellen Gruppe internationaler Forscher will er weiter nach Hinweisen suchen, welche mehr Licht ins Dunkel rund um den Ursprung der Corona-Pandemie bringen könnten. "Und wir hoffen, dass sich immer mehr Druck aufbaut, bis die Omerta, bis das Schweigegelübde aufplatzt." Denn Theißen vermutet, dass es bereits Menschen gibt, die genau wissen, wie das Virus in die Welt gelangte.

Quelle: ntv.de

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