1,2 Milliarden BetroffenePsychische Erkrankungen seit 1990 weltweit fast verdoppelt

Eine umfassende globale Analyse bestätigt die dramatische Zunahme seelischer Erkrankungen. Besonders Jugendliche und weibliche Personen sind betroffen. Die Daten zeigen auch, in welchen wohlhabenden Ländern am häufigsten seelische Leiden erfasst werden.
Seit der Corona-Pandemie häufen sich Hinweise, dass Depressionen, Angststörungen und andere psychische Leiden dramatisch zunehmen, vor allem bei jungen Menschen. Eine neue Analyse bestätigt das nun: Psychische Erkrankungen sind weltweit zur führenden Ursache für Behinderung geworden - und betreffen inzwischen rund 1,2 Milliarden Menschen, fast doppelt so viele wie noch 1990. Im selben Zeitraum wuchs die globale Bevölkerung um rund die Hälfte.
Ein internationales Forschungsteam wertete Daten aus 204 Ländern und Regionen aus. Die Forscher betrachteten dabei beide Geschlechter, 25 Altersgruppen und insgesamt zwölf psychische Erkrankungen über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten - die bislang umfassendste Analyse ihrer Art.
Das Ergebnis: Psychische Erkrankungen verursachen heute mehr als 17 Prozent aller weltweit in Behinderung verbrachten Lebensjahre, sogenannte YLDs (Years Lived with Disability). Dadurch gingen allein 2023 rund 171 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre, sogenannte DALYs (Disability-Adjusted Life Years), auf ihr Konto. Angststörungen und Depressionen rangieren unter 304 erfassten Krankheiten und Verletzungen weltweit auf Platz 11 und 15. Die Studie wurde im renommierten Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht.
Höhepunkt in Jahren nach Corona-Pandemie
Besonders besorgniserregend ist demnach die Dynamik der vergangenen Jahre: Seit 2019 ist laut den Autoren die altersstandardisierte Häufigkeit schwerer Depressionen um rund 24 Prozent gestiegen, die von Angststörungen sogar um mehr als 47 Prozent - mit einem Höhepunkt in den Jahren nach der Corona-Pandemie. "Diese steigenden Trends könnten sowohl die anhaltenden Folgen pandemiebedingten Stresses widerspiegeln als auch längerfristige strukturelle Treiber wie Armut, Unsicherheit, Missbrauch, Gewalt und schwindenden sozialen Zusammenhalt", sagte Erstautor Damian Santomauro vom Queensland Centre for Mental Health Research, laut einer Mitteilung.
Unterschiede zwischen Geschlechtern
Auffällig sind laut der Studie auch die deutlichen Unterschiede zwischen Altersgruppen, Geschlechtern und Weltregionen. Die höchste Krankheitslast tragen Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren - ausgerechnet in jener Lebensphase, die für Bildung, berufliche Weichenstellungen und Beziehungen prägend ist. Bei kleineren Kindern dominieren Formen von Autismus, ADHS und Verhaltensstörungen, wobei Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen.
Nach der Kindheit dreht sich das Bild: 2023 lebten weltweit 620 Millionen Frauen mit einer psychischen Erkrankung, gegenüber 552 Millionen Männern. Als Gründe nennen die Forschenden eine komplexe Mischung aus häuslicher und sexueller Gewalt, höheren Care-Belastungen und strukturellen Benachteiligungen.
Überraschend auch der geografische Befund: Einige der höchsten Belastungsraten finden sich nicht etwa in den ärmsten Regionen, sondern in wohlhabenden Ländern wie den Niederlanden, Portugal und Australien. Gleichzeitig stieg die Last besonders stark im westlichen Afrika südlich der Sahara und in Teilen Südasiens.