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Ein Lockdown ist das nicht Schweden geht weiter einen Sonderweg

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Schweden sollen in den Stoßzeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln Masken tragen, müssen es aber nicht.

(Foto: picture alliance / TT NEWS AGENCY)

Mit dem neuen Pandemiegesetz führt Schweden zwar auch schärfere Corona-Maßnahmen ein, aber mit einem Lockdown wie in Deutschland hat das noch wenig zu tun. Wie wirkt sich das auf die Neuinfektionen und Todeszahlen in dem Land aus? Und wie reagiert Schweden auf die Virus-Mutationen?

Lange galt Schweden in der Corona-Pandemie Gegnern von Grundrechtseinschränkungen als leuchtendes Vorbild. Zwar stimmte es nicht, dass die Regierung ausschließlich auf Empfehlungen statt auf Verbote setzte, aber verglichen zu Deutschland und anderen europäischen Ländern ließ sie der Bevölkerung trotz vieler Todesfälle in Seniorenheimen fast alle Freiheiten. Erst nachdem die Zahlen im vergangenen Herbst extrem in die Höhe gegangen waren, wurde ein Pandemiegesetz auf den Weg gebracht, das der Regierung weitreichendere Einschränkungen gestattet. Am 10. Januar ist es in Kraft getreten.

Keine richtig harten Maßnahmen vorgesehen

Theoretisch gestattet das vorerst bis September befristete Gesetz, unter anderem Geschäfte, Restaurants, Einkaufszentren, Fitnessstudios oder andere Einrichtungen zu schließen. Es erlaubt der Regierung auch, Menschenansammlungen in größeren Gruppen zu verbieten. Doch das bedeutet nicht, dass sie alle möglichen Maßnahmen auch umsetzt.

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Ziel des Pandemiegesetzes ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, im Kampf gegen das Coronavirus zusätzliche Werkzeuge parat zu haben, wenn es die Situation verlangt. Für Schließungen sieht die Regierung offenbar noch keinen Anlass und nahm erstmal nur moderate Verschärfungen vor: neue Höchstgrenzen für öffentliche Orte und für private öffentliche Zusammenkünfte.

Geschäfte, Bars und Restaurants weiter offen

So dürfen Restaurants und Bars weiter öffnen, aber die Anzahl der Personen einer Besuchergruppe wurde auf vier gesenkt und das bereits geltende Ausschankverbot von Alkohol ab 20 Uhr verlängert.

Auch die Geschäfte bleiben geöffnet, aber sie sollen die Anzahl der Kunden auf eine Person pro zehn Quadratmeter beschränken. Ähnliches gilt für Friseur- oder Schönheitssalons. Dort gibt es auch weiter keine Maskenpflicht. Ob eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden muss oder nicht, entscheiden die Inhaber.

Was Masken betrifft, ist Schweden immer noch sehr locker. Auch in vollen öffentlichen Verkehrsmitteln tragen nicht alle Menschen eine Mund-Nasen-Bedeckung - selbst der Chef der schwedischen Gesundheitsbehörde wurde kürzlich "oben ohne" in einem Bahnhof erwischt.

Immer noch keine Maskenpflicht

Das Gesundheitsministerium empfiehlt lediglich Menschen, die vor 2004 geboren wurden, von 7 bis 9 Uhr und 16 bis 18 Uhr eine Maske zu tragen. Chef-Epidemiologe Anders Tegnell sagte "The Local", dies sei der effizienteste Ansatz, da zu diesen Zeiten Gedränge herrsche. Eine permanente Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln nennt er einen unnötigen "Overkill". Stoffmasken lehnt die Gesundheitsbehörde ab, sie empfiehlt, ausschließlich einen medizinischen Schutz zu tragen.

Auch an den schwedischen Schulen gibt es keine Maskenpflicht. Allerdings hat die Regierung die Präsenzpflicht eingeschränkt. Grundschüler haben normalen Unterricht, in der zweiten Stufe liegt es in der Hand der Schulleitung. Je nach Infektionsgeschehen können sie einen kompletten oder teilweisen Fernunterricht anordnen. An rund zwei Dritteln dieser Schulen ist dies augenblicklich der Fall. Oberstufen sind wie Universitäten geschlossen, bei entsprechend wenig Fällen sind aber auch Ausnahmen möglich.

Acht Theaterbesucher sind zu wenig

In Schweden dürfen Fitnessstudios weiter öffnen. Für sie gelten lediglich die gleichen Einschränkungen wie in der Gastronomie. Das ist theoretisch auch bei Kinos so. "The Local" schreibt aber, weil nicht klar war, ob für sie die Gastro-Regeln oder die für öffentliche Veranstaltungen gelten, hätten einige große Ketten ihre Häuser geschlossen. Im zweiten Fall dürften nur acht Personen in den Saal. Aus diesem Grund sind auch die Theater dicht.

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Obwohl sie weiter öffnen dürfen, protestierten etliche schwedische Gastronomen gegen die Regelverschärfung.

(Foto: picture alliance/dpa/TT News Agency/AP)

Die größten öffentlichen Versammlungen sind bei Beerdigungen mit bis zu 20 Menschen gestattet. Ansonsten dürfen sich auch privat Schweden öffentlich höchstens zu acht treffen. Das gilt nicht für ihre eigenen vier Wände, in diesem Fall empfiehlt die Regierung nach wie vor nur, soziale Kontakte weitgehend einzuschränken.

Museen dürfen zu den gleichen Bedingungen wie Geschäfte öffnen, allerdings nur, wenn sie privat betrieben werden. Für staatliche Sammlungen gilt wie für alle anderen öffentlichen Einrichtungen, dass sie geschlossen bleiben, es sei denn, ihr Angebot wird als essenziell angesehen. Das trifft vor allem auf Büchereien zu.

Zahlen schon vor Verschärfung rückläufig

Schweden geht also nicht mehr total locker durch die Pandemie, aber mit einem Lockdown wie in Deutschland oder anderen europäischen Ländern sind die Maßnahmen des Landes nicht vergleichbar. Trotzdem scheinen sie effektiv zu sein - sowohl die registrierten Neuinfektionen als auch die Todeszahlen sind in den vergangenen zwei Wochen deutlich gesunken.

Allerdings sind die Meldezahlen dieses Zeitraums wenig aussagekräftig. Das gilt besonders für die Anzahl der Menschen, die Covid-19 zum Opfer gefallen sind. Hier beträgt die Verzögerung oft auch mehr als zwei Wochen. Der Eindruck, die Todesrate sei extrem gefallen, ist daher oft falsch.

Doch auch wenn man bei den Kurven weiter zurückschaut, ist ein signifikanter Rückgang zu erkennen. So war bereits am 15. Januar die 7-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 1 Million Einwohner von rund 700 zu Weihnachten auf etwa 460 gefallen.

Erst in zwei Wochen weiß man mehr

Ähnlich sieht es bei den Covid-19-Toten aus, wo Schweden zum Jahreswechsel mit einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als zehn Opfern pro 1 Million Einwohner vorübergehend eine höhere Todesrate als die USA hatte. Am 15. Januar lag die Rate bei 8,3 und sinkt seitdem weiter extrem. Weil hier aber die Meldedaten oft auch deutlich mehr als zwei Wochen hinterherhinken, muss man bei den Zahlen sehr misstrauisch sein.

So oder so sind die fallenden Zahlen bis dahin nicht auf die etwas verschärften Maßnahmen zurückzuführen, da diese erst seit 10. Januar in Kraft sind. Die jüngsten Meldezahlen deuten darauf hin, dass die Anzahl der Toten ähnlich langsam wie in Deutschland fällt und mit deutlicher Verzögerung den sinkenden Neuinfektionen folgt.

Mit einer 7-Tage-Inzidenz von 192 Fällen pro 100.000 Einwohner gehört Schweden aktuell nicht mehr zu den Hotspots in Europa, steht aber immer noch weit schlechter als seine skandinavischen Nachbarn Norwegen und Finnland da, die Inzidenzen von rund 35 und 48 aufweisen.

Wegen B.1.1.7. Grenzen dicht

Ob die Zahlen in Schweden weiter fallen, hängt auch davon ab, wie stark sich Virus-Mutationen durchsetzen. Besonders große Sorgen macht man sich im hohen Norden wegen der Variante B.1.1.7. Schweden hat deshalb vergangene Woche sogar die mehr als 1600 Kilometer lange Grenze mit Norwegen geschlossen - zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Ausnahmen gelten für Menschen, die in Schweden leben oder arbeiten, sowie den Gütertransport.

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Auch Dänen und Briten müssen vorerst draußen bleiben. Finnland ist Schweden zuvorgekommen, aus Sorge vor einer Ausbreitung des mutierten Virus machte es schon selbst seine Grenzen dicht. Ansonsten sind für EU-Bürger die Grenzen offen, alle anderen dürfen nur mit einem triftigen Grund einreisen.

Und wie sieht es in Schweden mit den Impfungen aus? Rund 2,2 Prozent der Bevölkerung hat die erste Dosis erhalten, lediglich 0,1 Prozent auch bereits die zweite. Deutschland ist mit 2,3 und 0,6 Prozent auch nicht viel weiter.

Quelle: ntv.de