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"Die ersten Reaktionen sind Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht."
"Die ersten Reaktionen sind Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht."(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 16. Mai 2011

Wenn ein Mensch alles verliert: "Soziale Unterstützung ist das Wichtigste"

Tausende Menschen in Japan haben entweder durch den Tsunami oder durch die Räumung ihrer Häuser und Wohnungen nahe dem Atomkraftwerk Fukushima alles verloren. Welche Folgen ein solches Ereignis für die Psyche haben kann, wie man Betroffene am besten unterstützt und warum auch Geld ein Mittel der Wahl ist, erklärt Dr. Guido Flatten vom Euregio-Institut für Psychosomatik und Psychotraumatologie im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Welche psychischen Auswirkungen hat es, wenn ein Mensch schlagartig alles verliert?

Guido Flatten: Die ersten psychischen Reaktionen von Menschen, denen in Folge von Brand, Erdbeben oder anderen überwältigenden Ereignissen alles außer ihrem Leben genommen wird, sind meist Angst, Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Betroffene werden in diesem frühen Stadium damit konfrontiert, dass die eigenen Kräfte nicht ausreichen, um die Situation zu kontrollieren, und dass es zumindest aktuell keine Lösungs- und Bewältigungsstrategien gibt. Mit dem Nachlassen des initialen Schocks kommt dann nach und nach die Wahrnehmung der schrecklichen Realität, was alles verloren gegangen ist. Diese Phase der Verzweiflung tritt aber erst ein, wenn sich die Betroffenen in ausreichender Sicherheit fühlen können. Vorher ist der Körper auf das pure Überleben programmiert.

Sie sprechen von einer Phase der Verzweiflung, welche Phase kommt denn danach?

"Immer dann, wenn wir von anderen Menschen traumatisiert werden, ist dies potenziell schädigender als Naturereignisse, die uns widerfahren."
"Immer dann, wenn wir von anderen Menschen traumatisiert werden, ist dies potenziell schädigender als Naturereignisse, die uns widerfahren."(Foto: picture alliance / dpa)

Wir alle tragen in uns ein evolutionär und sicherlich auch kulturell geprägtes Programm, das uns nicht auf Dauer in Schmerz und Verzweiflung erstarren lässt, sondern auch eine Neuorientierung ermöglichen soll. Das heißt, nach dem Durchleben von Hilflosigkeit und Verzweiflung sollte der Schmerz in Trauer über das Verlorene übergehen können. Die Trauer hilft uns, das Unvermeidliche zu akzeptieren und kann so im besten Falle überleiten in eine Phase des Neubeginns. Solche Abläufe kennen wir nicht nur aus dem Schicksal Einzelner, sondern durchaus auch aus gesellschaftlichen Prozessen nach Kriegserfahrungen oder auch von den großen Tsunami-Katastrophen der letzten Jahre.

Gibt es ein Zeitfenster, in welchem die Betroffenen die verschiedenen Phasen durchlaufen sollten?

Früher hat man gedacht, wenn Menschen nach einem schrecklichen Ereignis dekompensieren, dann stimmt da was nicht. Heute sagen wir, dass diese frühen Reaktionen normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis sind, das heißt, jeder von uns wäre nach einem solchen Ereignis ähnlich heftig betroffen. Der Schockzustand der ersten Stunden und Tage sollte als etwas Normales angesehen werden. Aber auch der Prozess des Betrauerns und der Neuorientierung sollte in großen Zeitdimensionen gedacht werden. In Abhängigkeit von der Schwere des Ereignisses und auch bestimmt durch persönliche Faktoren würde ich hier einen Zeitraum von Wochen bis zu einigen Monaten als normal zugestehen.

Nicht alle Betroffenen können diesen Weg gehen. Was passiert dann?

Immer wieder gibt es Menschen, die an irgendeiner Stelle in diesem Prozess festhängen bleiben. Sie finden nicht aus der Verzweiflung, Ohnmacht und Angst heraus, sie haben nicht die Fähigkeit, ihre Kräfte neu zu organisieren oder einen Neubeginn zu wagen. Es kann sein, dass diese Menschen bereits vor dem Ereignis psychisch instabil oder krank waren, es kann aber auch sein, dass die Erkrankung als Folge der traumatischen Erfahrung entsteht. Es sollte Aufgabe der betreuenden Experten sein, die Betroffenen zu begleiten und zu erkennen, wenn sie sich nicht ausreichend erholen. Wichtige Hinweise sind, wenn die überflutenden Bilder immer wiederkehren und der Zustand der subjektiven Hilflosigkeit und Angst beibehalten wird, obwohl die Betroffenen ja eigentlich als Überlebende des Ereignisses wieder in andere Gefühlszustände zurückfinden dürften.

Welche Krankheitsbilder können denn entstehen?

"Betroffene brauchen Menschen, die ihnen zur Seite stehen, die zuhören und Anteil nehmen."
"Betroffene brauchen Menschen, die ihnen zur Seite stehen, die zuhören und Anteil nehmen."(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt ein weites Spektrum von Erkrankungen. Meist ist entscheidend, welches Erlebnis für die betroffene Person im Vordergrund stand. Bei intensiven Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht, wie sie bei einem Brand, einem Erdbeben oder auch einem Tsunami entstehen können, entwickeln Betroffene oftmals eine Posttraumatische Belastungsstörung, die mit vielfältigen körperlichen und psychischen Symptomen einhergehen kann. Wenn mehr der Schmerz und der Verlust von persönlichen Bindungen im Vordergrund gestanden haben, dann sind es häufiger Angststörungen und depressive Erkrankungen, die als Folge der traumatischen Erfahrung entstehen können. Und wenn Schmerz über einen langen Zeitraum nicht be- und verarbeitet wird, dann kann aus dem seelischen Schmerz auch ein körperlicher Schmerz werden und diese Menschen können diverse Schmerzerkrankungen entwickeln. So gibt es eine Reihe von psychischen Reaktionsmustern, die als Folge von traumatischen Ereignissen auftreten können. Als Experten können wir jedoch nicht voraussagen, welche Person welche Symptome und Erkrankungen entwickeln wird. Hier ist eine fachliche Beobachtung des Verlaufs unerlässlich.

Gibt es einen Unterschied, ob eine Person, eine kleine Gruppe oder viele hundert Menschen von einem Unglück betroffen sind?

Es gibt diesen Unterschied, und er ist bedeutsam. Wir unterscheiden zwischen Ereignissen, die wir als schicksalhaft erleben und attribuieren können und solchen, die sehr konkret als Angriff auf die eigene Person erlebt werden. Es geht also einerseits um Ereignisse, bei denen wir zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder bei denen mit uns viele andere Menschen betroffen sind. Daneben gibt es aber die Sorte von Ereignissen, bei denen sich der Überfall, die Entführung oder Gewalttat gezielt auf eine bestimmte Person richtet und die damit einen sehr persönlichen Charakter bekommen. Schicksalhafte Ereignisse sind vom Prinzip her leichter zu bewältigen als traumatische Erfahrungen, die personenbezogen erfahren werden. Immer dann, wenn wir von anderen Menschen traumatisiert werden, ist dies potenziell schädigender als Naturereignisse, die uns widerfahren.

In Japan sind tausende Menschen von den Naturereignissen direkt betroffen. Sie leben in Notunterkünften und müssen gleich mehrere Ängste bewältigen: die Angst um Angehörige, die Angst vor dem nächsten Beben, die Angst vor Verstrahlung und die Angst vor der Zukunft. Wie können diese Menschen unterstützt werden?

Guido Flatten ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und leitet das Euregio-Institut für Psychosomatik und Psychotraumatologie in Aachen.
Guido Flatten ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und leitet das Euregio-Institut für Psychosomatik und Psychotraumatologie in Aachen.(Foto: Privat)

Der wichtigste Unterstützungsfaktor in der Bewältigung von traumatischen Erfahrungen, der für alle Menschen gültig ist, ist der Faktor soziale Unterstützung. Das heißt, es sollte andere Menschen geben, die anerkennen, was passiert ist und wie schrecklich das Geschehene für die Betroffenen war und ist. Betroffene brauchen Menschen, die ihnen zur Seite stehen, die zuhören und Anteil nehmen. Die Gefühle der Betroffenen müssen ernst genommen und es sollte angemessen darauf reagiert werden. All diese Dinge gelten auch für die Langzeitbetroffenen in Japan. Es ist wichtig, wie die Verantwortlichen und die gesamte Gesellschaft auf das Unglück der Betroffenen reagieren. Viele der in Turnhallen oder Stadien untergebrachten Menschen sind heute in einem Stadium, in dem sie gerne aktiv werden würden, um sich einen neuen Weg in die Zukunft zu aufzubauen. Den meisten ist das jedoch nicht möglich. Sie sitzen fest und sind zu weiterem Abwarten und Ausharren gezwungen. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass sie in dieser Phase angemessen psychisch unterstützt werden, damit die Hoffnung auf Zukunft nicht verloren geht. Die Betroffenen müssen offen informiert werden. Klarheit und Transparenz sollten vorherrschen. Immer wenn diese Faktoren nicht gegeben sind, wenn man also zweifelt und das Gefühl hat, dass man belogen wird, dann werden Angst und Unsicherheit aufrecht erhalten und sich ausbreiten.

Hilfskräfte in Japan sammeln aus den Sperrgebieten alle auffindbaren persönlichen Gegenstände wie Handtaschen und Fotoalben ein, um sie den Menschen in den Notunterkünften zurückzugeben. Ist das eine Form der Unterstützung?

Es ist sicherlich eine Möglichkeit der Unterstützung bei der notwendigen Trauerarbeit. Es könnte sein, dass ein halbzerstörtes Fotoalbum dabei hilft, zu verstehen, dass etwas unwiederbringlich verloren gegangen ist. Natürlich ist es für Betroffene schön, die eigene Handtasche oder Fotos wiederzufinden, allerdings nur als Erinnerungsbrücke. Letzten Endes geht es aber in diesem Prozess ums Loslassen und um Neuorientierung. Das Einsammeln persönlicher Gegenstände ist ein Hilfsmittel, aber nicht die Lösung.

Können finanzielle Mittel, zum Beispiel Entschädigungszahlungen des Staates hilfreich im Gesundungsprozess sein?

Bilderserie

Auf zweifache Weise: Ja! Zum einen ist Geld immer hilfreich, wenn man einen Neubeginn wagen muss. Arme Menschen stehen wesentlich mehr Hindernissen gegenüber als Menschen, die über eine finanzielle Grundausstattung verfügen. Zum anderen ist es in unseren modernen Gesellschaften auch so, dass Geld als Form von Anerkennung wahrgenommen wird. Finanzielle Anerkennung kann das Gefühl der sozialen Anerkennung des erlittenen Leids durchaus unterstützen. Und Anerkennung können Betroffene, die alles verloren haben, eigentlich nicht genug bekommen. Insofern hat es eine erhebliche Bedeutung, ob Ersatzzahlungen, zum Beispiel auch von einer Betreibergesellschaft wie Tepco, fließen oder nicht. Auch die Höhe ist wichtig. Betroffene, denen lächerliche Beträge ausgezahlt werden, könnten sich nicht ernst genommen fühlen. Im schlimmsten Falle fühlen sie sich sogar verhöhnt. Das wäre für eine Gesellschaft, die sich so extremen Herausforderungen stellen muss und die auf die Mitarbeit jedes Einzelnen angewiesen ist, eine Katastrophe und tatsächlich am falschen Ende gespart.

Mit Guido Flatten sprach Jana Zeh.

Quelle: n-tv.de