Wissen

US-Studie zu Long Covid Sterberisiko nach Corona monatelang erhöht

219082945.jpg

1672 der 73.000 Patienten (knapp 2,3 Prozent) starben der Studie zufolge zwischen einem und sechs Monaten nach der Infektion.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie sind genesen von Covid-19, aber nicht gesund: Corona-Patienten kämpfen nach einer Infektion oft mit langanhaltenden Beschwerden. Zudem ist das Sterberisiko bis zu 60 Prozent höher, findet eine US-Studie heraus. Und das selbst bei milderen Verläufen.

Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, Erschöpfung: Wer mit dem Coronavirus infiziert war, kann noch monatelang unter den Folgen leiden. Etwa jeder zehnte Corona-Patient berichtet über enorme psychische und physische Belastungen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Long Covid nennen Mediziner dieses seit Längerem bekannte Phänomen. Nun haben US-Forscher in einer Studie herausgefunden, dass Menschen, die eine Corona-Infektion durchgemacht haben, auch nach der Erkrankung noch ein höheres Sterberisiko haben als Menschen, die nicht mit dem Virus infiziert waren.

Dafür untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie es mehr als 73.000 ehemaligen Corona-Patienten in den Monaten nach ihrer Covid-Erkrankung erging. Alle Personen hatten milde bis moderate Symptome, keine von ihnen musste im Krankenhaus behandelt werden. In ihrer Studie stellten die Forscher fest, dass die ehemaligen Corona-Patienten bis sechs Monate nach der Infektion ein bis zu 60 Prozent höheres Sterberisiko hatten als Nicht-Infizierte. 1672 der 73.345 Patienten (knapp 2,3 Prozent) starben zwischen einem und sechs Monaten nach der Infektion. Auch das Risiko, in den ersten sechs Monaten nach einer Erkrankung auf ambulante medizinische Versorgung angewiesen zu sein, war laut Studie um 20 Prozent erhöht.

"Die Ergebnisse zeigen, dass Covid-19-Überlebende über die akute Krankheit hinaus eine erhebliche Belastung ihrer Gesundheit erfahren, die sich über die Lungen bis hin zu weiteren Organsystemen erstreckt", schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Ziyad Al-Aly von der Washington University in Saint Louis School of Medicine in der Fachzeitschrift "Nature". Die Langzeitfolgen können demnach fast jedes Organ betreffen. Die Wissenschaftler zählen Probleme in den Atemwegen, Störungen des Nervensystems, psychische Störungen, Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Störungen, Magen-Darm-Störungen, Unwohlsein, Müdigkeit, Schmerzen des Bewegungsapparates und Anämie auf. Betroffene nehmen der Studie zufolge zudem oft noch lange Zeit Medikamente wie Schmerzmittel, Antidepressiva oder blutdrucksenkende Arzneimittel ein.

Long Covid könnte langfristig Gesundheitssysteme belasten

In der Studie wurden auch die Folgen einer schweren Covid-19-Erkrankung mit denen einer schweren Grippe verglichen. Dabei stellten die Forscher fest, dass die postviralen Folgen von Covid-19 schwerwiegender sind als die einer Influenza.

Wodurch die Langzeitfolgen genau hervorgerufen werden, wissen Mediziner bislang noch nicht. Auch die US-Studie findet auf die Frage, was Long Covid bedingt, keine Antwort. Die Beschwerden könnten durch das Virus selbst ausgelöst werden oder durch eine Immunantwort auf die Viren, spekulieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Es könne sich aber auch um eine Autoimmunreaktion handeln.

Weiterhin könnten die indirekten Effekte der Pandemie, etwa die Veränderung der sozialen Kontakte, der wirtschaftlichen Situation oder der sonstigen Lebensweise, etwa der Ernährung oder der Bewegung, die Langzeitfolgen nach einer Covid-19-Infektion begünstigen, heißt es in der Studie.

Einige Expertinnen und Experten befürchten, dass die Anzahl an Long Covid-Patienten die Gesundheitssysteme auch über die aktuelle Pandemie hinaus langfristig belasten könnte. Vor diesem Hintergrund sind auch die derzeit vielerorts hohen Fallzahlen kritisch zu sehen: Je mehr Menschen sich mit dem Virus infizieren, desto mehr Menschen werden länger andauernde Beschwerden entwickeln, so die Befürchtung. Einige Kliniken haben bereits Spezialambulanzen zur Behandlung von Long Covid-Patienten eingerichtet, darunter die Medizinische Hochschule Hannover.

Daten von US-Veteranen ausgewertet

Die aktuelle "Nature"-Studie basiert auf Daten von US-Veteranen mit einem mittleren Altern von 61 Jahren. Etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten war jünger, die andere Hälfte älter. 88 Prozent waren Männer, 70 Prozent weiß. Die "New York Times" weist darauf hin, dass die Daten damit nicht repräsentativ sein könnten. In der Vergleichsgruppe lag das mittlere Alter bei 67 Jahren. 90 Prozent waren männlich, der Anteil weißer Menschen lag etwas niedriger.

Auch konnte die Studie nicht feststellen, ob die beobachteten Symptome durch die Coronavirus-Infektion hervorgerufen wurden oder ob andere Faktoren, beispielsweise Nebenwirkungen von Medikamenten, eine Rolle spielten.

Den Experten zufolge sollten die Ergebnisse zudem in dem Kontext ihrer Erhebung gesehen werden: einer Pandemie, die zahlreiche Auswirkungen hat - nicht nur durch das Virus selbst, sondern auch durch den anhaltenden Druck auf die Gesundheitssysteme und zusätzliche psychische Belastungen, darunter Stress. Dieser könnte bereits bestehende Symptome weiter verstärken, so die Einschätzung der Autorinnen und Autoren.

Quelle: ntv.de, hny

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.