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Weder Angst noch Schmerzen "Superhelden-Gen" bei Schottin entdeckt

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Eine Mutation im Erbgut führt zum geringeren Schmerzempfinden.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Eine Schottin zeigt eine erstaunliche Resistenz gegen Schmerzen. Auch Angst scheint sie nicht zu kennen. Forscher machen sich auf die Suche nach den Ursachen - und werden in ihrem Erbgut fündig. Eine Gen-Mutation verleiht der Frau Superkräfte. Doch die haben auch ihre Schattenseiten.

Sie kennt keine Angst. Wird sie verletzt, empfindet sie keinen Schmerz - und ihre Wunden verheilen schnell. Oft sogar, ohne Narben zu hinterlassen. Was wie die Beschreibung einer Figur aus Superhelden-Comics klingt, ist bei Jo Cameron aus Schottland Realität. Sie ist eine medizinische Sensation. Doch britische Forscher sind ihren Superkräften auf die Spur gekommen - sie entdeckten die Lösung des Rätsels im Erbgut der Frau, wie sie in einer im "British Journal of Anaesthesia" veröffentlichten Studie schreiben.

Cameron ist heute Anfang 70 und war sich ihrer besonderen Eigenschaft den Großteil ihres Lebens nicht bewusst. Bei einer Rucksackreise durch Osteuropa stolperte sie am ersten Tag und fiel mit dem Kopf gegen einen Betonpoller - doch trotz Gesichtsverletzung, blauem Auge und verlorenem Zahn sah sie keinen Anlass, den Urlaub abzubrechen, erzählt sie freimütig in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Ihre Schmerzlosigkeit führt noch zu anderen Kuriositäten: Wenn sie sich ihre Hand verbrennt, bemerke sie das erst, wenn es nach verbranntem Fleisch riecht, erzählt Cameron. Schnitte und andere Verletzungen bleiben von ihr ebenfalls unbemerkt - zudem verheilten diese immer erstaunlich schell. Die von anderen Frauen berichteten Schmerzen bei der Geburt hatte sie in ihrem Fall nicht mal im Ansatz verspürt.

Keine Panik bei Autounfall

Auch scharfe Gewürze, wie etwa die extrem scharfen Scotch-Bonnet-Chilis, machen Cameron nicht viel aus - bei Versuchen beschrieb sie deren Wirkung in ihrem Mund lediglich als ein angenehmes "Glühen". Nicht nur Schmerz ist Cameron weitgehend unbekannt, auch bei Tests zu Angstzuständen und Depressionen schnitt sie außergewöhnlich ab. Laut ihrer eigenen Aussage gerät sie in gefährlichen Situationen niemals in Panik, etwa bei einem Autounfall.

Auf die Besonderheit von Cameron wurden Forscher erst vor ein paar Jahren aufmerksam. Nach einer eigentlich schmerzhaften Handoperation überraschte die damals 66-Jährige damit, dass sie danach keine Schmerzmittel verlangte. "Ich versichere Ihnen, ich brauche nichts", sagte sie laut eigener Aussage zu Devjit Srivastava, einem Mediziner, der auch an der Studie beteiligt ist, wie die "New York Times" berichtet. Als dieser nachhakte, kam heraus, dass Cameron sich ein Jahr zuvor einer Operation an ihrem Hüftgelenk unterziehen musste - welches bereits stark abgenutzt war, weil sie aufgrund mangelnder Schmerzen den Verschleiß nicht bemerkt hatte.

Srivastava gab den Fall an Experten weiter, welche sich bei der Suche nach der Ursache von Schmerzen auf das Erbgut konzentrieren. Die Forscher des University College London und der University of Oxford analysierten die Gene von Cameron und machten dabei eine erstaunliche Entdeckung. Sie fanden eine Mutation in einem Bereich des Erbguts, welche die Aktivität eines benachbarten Gens zu hemmen scheint. Dieses wiederum ist für die Produktion des Enzyms FAAH (Fettsäureamid-Hydrolase) zuständig.

"Glücks-Molekül" wird nicht abgebaut

FAAH spielt eine wichtige Rolle beim Schmerzempfinden, bei Stimmungen und beim Gedächtnis: Es ist für den Abbau des "Glücks-Moleküls" Anandamid zuständig, welches an dieselben Rezeptoren im Körper andockt wie der berauschend wirkende Cannabis-Wirkstoff THC. Bei Stress wird FAAH aktiviert, senkt die Konzentration an Anandamiden im Körper und reguliert damit etwa die Angstzustände beim Menschen. Bei Cameron scheint das Enzym FAAH jedoch weniger aktiv zu sein - der Anandamid-Pegel bleibt hoch, was ihre Schmerzunempfindlichkeit erklärt.

Was bedeutet diese Entdeckung für die Medizin? Die britischen Forscher betonen, dass es schwierig sei, Rückschlüsse aus einem einzigen Fall zu ziehen. Dennoch glauben sie, dass ihre Entdeckung eine mögliche Rolle bei der Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen spielen könnte. "Es könnte zur Entwicklung eines Wunder-Medikaments führen, welches nach Operationen oder bei Patienten mit Krebs oder chronischen Schmerzen zum Einsatz kommt", sagte Srivastava gegenüber "Scientific American".

Allerdings hat die Genmutation wohl auch Nachteile: So gab Cameron an, sehr vergesslich zu sein. Ihren Schlüssel verlege sie ständig und manchmal vergesse sie auch mitten in einem Satz die Worte. Forscher konnten auch bei Mäusen mit einem fehlenden FAAH-Gen Gedächtnisschwierigkeiten beobachten, was dies bestätigen würde. Auch die Lernfähigkeit könnte durch fehlendes FAAH beeinträchtigt sein. Zudem kann der Mangel an Schmerz zum Problem werden: Schmerzen gelten als wichtige Signale für das Gehirn und haben eine Schutzfunktion, die den Körper vor Schäden und lebensgefährlichen Situationen bewahren soll.

Quelle: n-tv.de

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