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Raunigks späte Schwangerschaft "Unverantwortlich und verwerflich"

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"Man hat hier bewusst Krankheit und Behinderung in Kauf genommen, um die Schwangerschaft zu ermöglichen, und das ist fahrlässig."

(Foto: RTL)

Annegret Raunigk beruft sich auf die Selbstbestimmung, wenn es um ihre künstlich herbeigeführte Vierlingsschwangerschaft geht. Kritiker jedoch sagen, dass es zu diesem Eingriff bei der 65-Jährigen nie hätte kommen dürfen. Sie halten ihn für "fahrlässig". Warum, das erklärt Professor Holger Stepan, Leiter der Abteilung für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Professor Stepan, warum ist das, was Annegret Raunigk vorgemacht hat – eine Schwangerschaft in weit fortgeschrittenem Alter – nicht zur Nachahmung empfohlen?

Prof. Holger Stepan: Eine Schwangerschaft mit 65 ist etwas absolut Unphysiologisches. Das ist nicht natürlich. Es ist technisch möglich, wie wir gesehen haben, aber gut ist es nicht, weil ein 65-jähriger Körper einfach nicht mehr auf eine Schwangerschaft ausgerichtet ist. Ich denke jetzt zunächst mal nur an die Mutter: Die Risiken für das Herz-Kreislauf-System, die Risiken auch in Bezug auf Diabetes, auf Bluthochdruck sind einfach sehr, sehr hoch. Die Mutter tut sich da nichts Gutes an. Das gilt in diesem Alter schon für eine Schwangerschaft mit nur einem Kind. Und zu diesem rein körperlichen Risiko besteht das psychologische und soziale Problem, dass die gemeinsame Lebenszeit von Mutter und Kind naturgemäß deutlich kürzer ist.

Machen es die Mehrlinge besonders prekär?

Eine höhergradige Mehrlingsschwangerschaft, also mit Drillingen oder eben Vierlingen, ist generell eine sehr schwierige Situation, weil es für die Mutter eine extreme Belastung ist und weil das Risiko, dass die Kinder viel zu früh auf die Welt kommen, sehr, sehr hoch ist. Das ist bereits bei einer Drillingsschwangerschaft sehr ernst zu nehmen, und bei einer Vierlingsschwangerschaft sowieso. Die Kombination nun aus beidem – 65-jährige Frau mit dem Risikopotenzial, das ich gerade genannt habe, plus künstlich herbeigeführte Vierlingsschwangerschaft – ist unverantwortlich. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die fünf betroffenen Menschen, also die Mutter und ihre vier Kinder, am Ende nicht gesund nach Hause kommen, läuft gegen 100 Prozent.

Hätte man die Kinderanzahl im Vorfeld beeinflussen können?

Auf jeden Fall.

Wie hätte man die Vierlingsschwangerschaft verhindern können?

Der Eingriff läuft folgendermaßen ab: Man nimmt Eizellen von einer Spenderin und befruchtet die mit dem Sperma eines Spenders. Dann bebrütet man die befruchteten Eizellen und schaut, wie viele sich entwickeln. Nach wenigen Tagen transferiert man die befruchteten Eizellen/Embryonen in die Gebärmutter der Frau. An dieser Stelle hat man die Möglichkeit, zu regeln. Denn man kann entscheiden, wie viele befruchtete Eizellen/Embryonen man transferiert. Ist es nur eine, ist die Chance, dass es nur ein Kind wird, höher. Allerdings ist die Chance, dass sich die befruchtete Eizelle überhaupt einnistet und weiterentwickelt, dass also überhaupt eine Schwangerschaft eintritt, niedriger. Das ist bei jeder künstlichen Befruchtung so: Je mehr Embryonen man transferiert, umso höher ist die Chance, dass es überhaupt zu einer Schwangerschaft kommt. Aber umso höher ist auch das Risiko für Mehrlingsschwangerschaften.

Dieses Risiko ist man hier offenbar sehenden Auges eingegangen ...

Ja, das ist das Verwerfliche an diesem Fall: Man hat das Risiko einer höhergradigen Mehrlingsschwangerschaft offenbar bewusst in Kauf genommen, um der Frau auf jeden Fall eine Schwangerschaft zu ermöglichen. Hätte man auch nur ein bisschen Verantwortungsbewusstsein gehabt, nachdem man sich überhaupt auf diese Geschichte eingelassen hat, dann hätte man maximal zwei Embryonen transferiert, aber niemals vier. Vielleicht hat man auch nur drei eingesetzt, und einer hat sich nochmal geteilt, das kann sein. Aber letztendlich ist bei einer Vierlingsschwangerschaft definitiv nicht nur ein Embryo transferiert worden.

Welche Schäden sind jetzt bei den Kindern zu befürchten?

Wir haben es mit Neugeborenen zu tun, die in der 26. Woche auf die Welt kamen. Das sind extreme Frühgeburten. Die werden nun in Berlin medizinisch sehr gut versorgt, so dass man davon ausgehen kann, dass alle vier Kinder sehr wahrscheinlich überleben. Aber man kann nicht garantieren, dass alle vier Kinder gesund sein werden. 26. Woche plus Mehrlingsschwangerschaft – da ist die Wahrscheinlichkeit, dass eines oder mehrere Kinder letztlich mit einem Handicap oder einer chronischen Erkrankung ihr Leben bestreiten müssen, sehr hoch. Wenn alle vier ohne Folgeschäden da durchkommen, wäre das ein Wunder.

Was für Behinderungen oder Krankheiten können das konkret sein?

Chronische Lungenerkrankungen sind möglich, generelle Entwicklungsverzögerungen – sowohl körperlich als auch geistig. Die Gefahr von Hirnblutungen ist sehr hoch. Die Kinder sind sehr anfällig für Infektionen und können eine Sepsis bekommen. Wenn sie jetzt erstmal lebend auf der Welt sind, sind sie noch längst nicht aus dem Schneider. Das sind möglicherweise chronisch kranke Kinder, die über Jahrzehnte ihr Problem haben. Und wenn die Kinder erst 5 sind, ist die Frau 70.

Frau Raunigk selbst pocht auf ihre Selbstbestimmung ...

Sie kann prinzipiell mit ihrem Körper ja auch machen, was sie will, selbstverständlich. Aber sie überträgt ein erhebliches Gesundheitsrisiko auf ihre Kinder. Und die wurden nicht gefragt, ob sie das gut finden. Man hat hier bewusst Krankheit und Behinderung in Kauf genommen, um die Schwangerschaft zu ermöglichen, und das ist fahrlässig. Im Verbund mit ukrainischen Medizinern hat die Frau eine Schwangerschaft herbeigeführt, bei der sehr wahrscheinlich am Ende einer - oder mehrere - nicht gesund ist.

Kennen Sie Geburtsmediziner, die den Fall anders betrachten als Sie?

Wir haben uns im Kollegenkreis darüber unterhalten, und nach allem, was ich dort gehört habe und auch aus der deutschen Fachwelt weiß, ist keine andere Einschätzung dabei. Ich kenne nicht einen, der an diesem Fall etwas Positives finden konnte.

Welches Fazit ziehen Sie aus dem Fall?

Wir müssen die Frau nicht verstehen, aber allein aus der Risikokonstellation muss man sagen: Das hätte man nie machen dürfen, eben um die Kinder zu schützen. Denn jetzt kann man nur noch die Daumen drücken, dass sie mit möglichst geringen Schäden groß werden und dann ihr Leben meistern können.

Mit Prof. Holger Stepan sprach Andrea Schorsch

Quelle: ntv.de

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