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Harte, rabiate Kämpfer Warum haben Giraffen so lange Hälse?

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Das Forscherteam untersuchte fossile Überreste von Discokeryx xiezhi, benannt nach dem asiatischen Einhorn-Fabeltier Xiezhi (hier in einer Grafik).

(Foto: Wang Yu/nhm/dpa)

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Schon lange versucht die Wissenschaft zu ergründen, warum Giraffen so lange Hälse haben. Darwin glaubte, es helfe den Tieren, an die oberen Bereiche der Bäume heranzukommen. Nun gibt es zur Halslänge eine neue Theorie, die in eine ganz andere Richtung geht. Irrte der berühmte Evolutionsforscher etwa?

Der extrem lange Hals der Giraffen ist womöglich eine Folge ihres rabiaten Kampfverhaltens. Das schließt ein internationales Forscherteam aus der Untersuchung fossiler Überreste einer Ur-Giraffe. Diese Tiere schlugen bei Kämpfen wohl ihre Köpfe gegeneinander und entwickelten in der Folge eine schützende Haube auf dem Kopf und äußerst robuste Halswirbel, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science" berichten.

Auf ähnliche Weise könnten auch die Extrem-Hälse heutiger Giraffen entstanden sein. Diese schlagen zwar nicht ihre Köpfe gegeneinander, wohl aber ihre beeindruckend langen und muskulösen Hälse.

"Die gängige Vorstellung, dass sich die langen Hälse im Verlauf der Evolution nur entwickelten, weil die Tiere damit Blätter im oberen Bereich der Bäume erreichten, greift womöglich zu kurz", erläutert Ko-Autorin Manuela Aiglstorfer vom Naturhistorischen Museum Mainz und der Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz. "Womöglich ist das nur ein Nebeneffekt und die Kampfstrategie der vorrangige Grund für die Entwicklung des langen Halses."

Ur-Giraffen rammten Köpfe gegeneinander

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Kämpfe von sogenannten Giraffoiden, vorn: Discokeryx xiezhi, hinten: Giraffa camelopardalis (Grafik).

(Foto: Wang Yu und Guo Xiaocong/dpa)

Aiglstorfer ist als Wiederkäuer-Spezialistin Teil des Teams um Shi-Qi Wang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking. Die Forscher hatten fossile Überreste eines Tieres untersucht, das vor rund 17 Millionen Jahren im Norden des heutigen China lebte: Discokeryx xiezhi, benannt nach dem asiatischen Einhorn-Fabeltier Xiezhi. Die Analyse der Knochen habe ergaben, dass es sich um einen Vertreter aus der Gruppe der Giraffenartigen handelt, erläutert Aiglstorfer. "Diese Gruppe war damals viel vielfältiger, als sie es heute ist. Die Tiere hatten zum Beispiel unterschiedliche Schädelanhänge und zeigten auch ein vielfältiges Kampfverhalten."

Die Untersuchungen belegten, dass Discokeryx extrem dicke und robuste Halswirbel besaß. Damit konnten die Tiere starke Erschütterungen abfangen, belegten Modellierungen. Auf dem Kopf trugen sie eine dicke, scheibenförmige Struktur, die wiederum vermutlich mit einer Art Horn versehen war. Außergewöhnlich lang war ihr Hals nicht.

Werben und Kämpfe um Weibchen

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Tiergruppen im Junggar-Becken in China vor 17 Millionen Jahren, Discokeryx xiezhi in der Mitte.

(Foto: GUO Xiaocong)

Die Forscher vermuten, dass die Tiere ihre Köpfe ähnlich gegeneinanderrammten wie etwa heutige Steinböcke oder Moschusochsen. Zu solchen Kämpfe könnte es etwa beim Werben um ein Weibchen gekommen sein. Tatsächlich war die Wirbel-Struktur der Ur-Giraffe effektiver an die große Krafteinwirkung angepasst als es bei heutigen, auf diese Weise kämpfenden Tieren der Fall ist, schreiben die Forscher.

Die heutigen Giraffen leben auf dem afrikanischen Kontinent. Trotz des extremen, rund zwei Meter langen Halses, besteht auch ihre Halswirbelsäule aus nur sieben Wirbeln, wie bei den meisten Säugetieren. "Die Halswirbel moderner Giraffen sind ganz anders aufgebaut als bei Discokeryx, sie sind auf Länge ausgerichtet", sagt Aiglstorfer.

Warum die Tiere im Verlauf der Evolution einen derart langen Hals entwickelt haben, beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Einige Forscher gehen davon aus, dass sexuelle Selektion die Entstehung vorangetrieben hat: Männchen mit einem starken, langen Hals gewannen demnach häufiger Kämpfe um die Weibchen und gaben ihre Gene an die nächste Generation weiter.

Bekannter ist die Theorie, dass Vorteile beim Nahrungserwerb ausschlaggebender waren und den Hals letztlich wachsen ließen: Der Evolutionsbiologe Jean-Baptiste Lamarck vermutete Anfang des 19. Jahrhunderts, dass der Hals sich im Laufe des Lebens einer Giraffe streckte, weil sie sich immer nach den hochwachsenden Blättern reckte. Die neu erworbene Eigenschaft vererbte sich Lamarck zufolge auf den Nachwuchs. Diese Theorie ist inzwischen widerlegt, weil individuelle Anpassungen nicht in dieser Weise auf die Gene wirken. Diese sind, wie man heute weiß, die Grundlage für die Vererbung von körperlichen Merkmalen.

"Kein Zusammenhang zwischen Halslänge und Ernährung"

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Die heute wohl gängigste Meinung geht auf Charles Darwin zurück, der entsprechend seiner Evolutionstheorie davon ausging, dass immer wieder zufällig Individuen mit einem besonders langen Hals entstehen. Da diese mehr Nahrung erreichen als ihre Artgenossen mit einem kürzeren Hals, haben sie bessere Überlebenschancen und damit mehr Nachkommen, denen sie die genetische Grundlage für den langen Hals weitergeben können. So setzt sich nach und nach ein vorteilhaftes Merkmal in einer Tiergruppe durch.

"Unsere Untersuchung ergab nicht, dass es keinen Zusammenhang zwischen Halslänge und Ernährung gibt", sagt Aiglstorfer. "Aber wir zeigen, dass es bei Wiederkäuern eben auch andere bedeutende Einflüsse geben kann, die die Struktur der Halswirbelsäule beeinflussen."

Quelle: ntv.de, Anja Garms, dpa

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